Italiens unbewältigte schwarze Vergangenheit

Mailänder Zeitung warnt vor drohender faschistisch-rassistischer Regierung

Mit Berlusconi im Rücken: Premierminister Matteo Renzi am 29. April 2014 in der TV-Show »Porta a Porta«


Die Mailänder Zeitung »L’Espresso« warnt nach Meinungsumfragen vor einer bei den Parlamentswahlen im Februar 2018 drohenden Rückkehr einer faschistisch-rassistischen Allianz »unter dem Kommando Berlusconis« an die Regierung. In drei Beiträgen hat die renommierte Wochenschrift sich mit den Ursachen dieses Kapitels unbewältigter »schwarzer Vergangenheit« befaßt und ist zu dem Schluß gekommen, daß sich die »Abrechnung mit dem Faschismus« auf die Hinrichtung Mussolinis und einer Anzahl führender Faschisten durch ein Partisanenkommando am 28. April 1945 beschränkt habe.

Danach konnte die Mussolini-Partei trotz des in der Verfassung festgeschriebenen Verbots bereits im Dezember 1946 in Gestalt der »Sozialbewegung« (Movimento Sociale Italiano, MSI) wieder erstehen. Das gehöre »zu den ungelö­sten Problemen, die Italien heute belasten«. »L’Espresso« verfolgt die Spuren der Terroranschläge »der schwarzen Extremisten«, die ein faschistisches Regime wieder an die Macht putschen wollten. Viele von ihnen seien »niemals zur Verantwortung gezogen worden«, weil »sie Komplizen und Protektionisten im Staatsapparat, den Geheimdiensten, der Polizei und der Justiz hatten«.

Eingegangen wird auf zwei »der übelsten schwarzen Terroristen«, Franco Freda und seinen Komplizen Giovanni Ventura, die im Dezember 1969 den Bombenanschlag auf die Mailänder Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana ausführten – mit 17 Toten und 88 Verletzten. Erst 1972 wurden beide verhaftet. Freda, der wegen 16 Attentaten 1978 nur 15 Jahre Gefängnis erhielt, kam bereits 1986 frei. Ungehindert konnte er eine »Fronte Nazionale« bilden und einen ultrarechten Verlag gründen, über den er noch heute »übelsten Rassismus« verbreite. Ventura konnte nach Argentinien entkommen. Von den zahllosen Bombenlegern, die bis in die 1980er Jahre Dutzende Anschläge begingen, seien heute nur noch zwei im Gefängnis. Die römische »La Repubblica« berichtete, wie in der Stadt Predappio in der Emilia Romagna, wo Mussolini am 29. Juli 1883 geboren wurde, Neofaschisten und Rassisten tagelang mit Ehrenwachen in Schwarzhemden, unter Keltischen und Hakenkreuzen und dem römischen Gruß (dem italienischen »Führergruß«) die Herrschaft des faschistischen Diktators (1922-1945) feiern, seine Verbrechen verherrlichen und ihn als ein Vorbild für die Gegenwart rühmten konnten.

Auch dieser Bericht verdeutlichte, wer diese unbewältigte schwarze Vergangenheit zu verantworten hat: die Rechtskräfte in der früheren Regierungspartei Democrazia Cristiana (DC). Für die Unterstützung, mit denen die MSI ihren Regierungen eine fehlende Parlamentsmehrheit verschaffte, erlaubte Premier Adone Zoli 1957, den Leichnam Mussolinis nach Predappio zu überführen und dort in einem Ehrenhain beizusetzen. Die MSI erwies sich weiter dankbar. 1960 wurde Fernando Tambroni, ein früherer Hauptmann der Miliz Mussolinis, mit dem Mandat der DC mit Hilfe der Stimmen seiner faschistischen Kumpane ins Amt des Premierministers gebracht. 1962 wurden Mario Segni und 1972 Giovanni Leone von der DC mit den MSI-Stimmen zu Staatspräsidenten gewählt. Dafür erhielt die Witwe des Diktators eine Rente bewilligt und das MSI-Blatt »Secolo d’Italia« bekam offizielle Staatszuschüsse. Predappio wude zum Wallfahrtsort, den jährlich Hunderttausende besuchen. »Duce«-Feiern finden unbehelligt wenigstens dreimal im Jahr statt: Zum Geburtstag, zum Jahrestag des »Marsches auf Rom« von 1922 und zu seinem Todestag, der Hinrichtung am 28. April 1945, die von den alten und neuen Faschisten als »Mord« diffamiert wird.

Das Paktieren mit Faschisten und Rassisten setzt der frühere Christdemokrat Matteo Renzi, der zum sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) wechselte und ihr Chef wurde, mit dem faschistoiden Ex-Premier und Chef der rechtsextremen Forza Italia (FI) Silvio Berlusconi fort. Das hat zur Spaltung des PD geführt, dem über Einhunderttausend Mitglieder den Rücken kehrten. Die Weigerung Renzis, dem Bündnis mit Berlusconi eine klare Absage zu erteilen, verhindert, der extremen Rechten eine Mitte-Links-Koalition entgegenzustellen. Der Präsident des Partisanenverbandes ANPI von Mailand, Roberto Cenati, nannte die umstürzlerischen, gegen die Verfassung verstoßenden Aktivitäten, die sich seit langem wiederholten, »außerordentlich beunruhigend«. Er forderte die Staatsanwaltschaft der Republik sowie alle zuständigen Behörden auf, die vorhandenen Gesetze strikt durchzusetzen und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Gerhard Feldbauer

Mittwoch 9. August 2017