Der 9. August 2007

Die Spekulation mit USA-Hypotheken bricht zusammen und läutet die Finanzkrise ein

Es ist der Vormittag des 9. August 2007, ein Donnerstag. Der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank tagt, um über die Rettung der kleinen IKB, einer Bank in Düsseldorf, zu beraten. In den Räumen der Schweizer Nationalbank berät das Direktorium die aktuelle Geldpolitik. Es habe sehr heftig an der Tür geklopft, berichtet zwei Jahre später ihr Präsident Jean-Pierre Roth. Es sei der Chef der Marktabteilung gewesen, der atemlos von nach oben schießenden Sätzen, großer Nervosität und scheinbar einem Bedarf der Banken nach Liquidität gesprochen habe. »Geben!«, habe er, Roth, seinen Chefhändler angewiesen. Der habe das umgehend in die Tat umgesetzt und den Geschäftsbanken kurzfristigen Kredit in unbegrenzter Höhe zu Verfügung gestellt.

Bei der Bundesbank geschah Ähnliches. Nur daß sie die Geldmarktoperationen mit den anderen Notenbanken und der Europäischen Zentralbank (EZB) abstimmen mußte. Die EZB veranstaltete noch am selben Tag eine ihrer Auktionen, wobei die Geschäftsbanken des Euroraums sich Kredit nach Bedarf leihen konnten. 95 Milliarden Euro habe sie auf diesem Weg den Banken zusätzlich zur Verfügung gestellt, berichtete die EZB.

Von Anfang an eine weltweite Krise

Dieser 9. August vor zehn Jahren markiert den Beginn der großen Finanzkrise. Es brach auf breiter Front Angst aus, aber noch keine Panik. Zuerst in Europa in der Eurozone, in London und in der Schweiz. Ein paar Stunden später in den USA. Es war von Anfang an eine weltweite Krise. Der Geldmarkt unter Banken hörte auf zu funktionieren. Dieser Markt befindet sich im Zentrum des Geld- und Kapitalverkehrs. Hier leihen sich und verleihen die Geschäftsbanken kurzfristig Geld, mit Laufzeiten von einem Tag bis zu zwei Jahren. Die Zinssätze sind niedrig und immer ganz nah an den so genannten Leitzinsen, mit denen die Notenbanken die Banken mit Geld versorgen. Zwar sind die Zinsen und Zinsdifferenzen gering, dafür sind die Beträge riesig. Jeden Tag geht der Saldo der Zahlungen, den eine Bank abwickelt, durch diesen Markt.

Die Banken hörten am 9. August 2007 auf, ihresgleichen Hunderte von Millionen Euro ohne Sicherheit auch kurzfristig zu leihen. Die Geldhändler hatten Angst davor, daß sie das Geld nicht mehr wiedersehen würden, weil die Partnerbank in der Zwischenzeit pleite gehen würde. Es war eine berechtigte Angst. Die Banker wußten, welchen Schrott – meist Hypothekenkredite der »Subprime«-Qualität – das eigene Institut in den Büchern hatte. Wenn nur fünf Prozent der Ausleihungen faul werden, kann bei den niedrigen Eigenkapitalquoten, die Banken halten müssen, auch die ganze Bank weg sein. So weit war es an diesem Tag noch nicht. Aber ohne die Hilfe der Zentralbanken wäre der große Bankenkrach sogleich passiert.

Es wird gekauft, um teurer zu verkaufen

Das Auf und Ab der Spekulation, Boom und Bust waren schon vielfach Untersuchungsgegenstand der Ökonomen. Den Anstoß für eine Spekulationswelle bietet meist ein realer Grund. Die realen und vermuteten Gewinnmöglichkeiten locken im zweiten Schritt mehr Geld hervor und vermehren das Geldangebot. Die Banken vergeben mehr Kredit. Drittens locken tatsächlich im neuen Sektor entstandene Gewinne die Masse der Spekulanten aus der Reserve. Die eigentliche spekulative Phase beginnt. Es wird gekauft, um teurer zu verkaufen. Die Verschuldung steigt, um an den sicheren Profitmöglichkeiten noch besser teilnehmen zu können. Viertens springt die Spekulation in andere Märkte und fünftens in andere Länder über. Sechstens dann bricht der Markt aus welchem Anlaß auch immer zusammen.

Auch beim Absturz gibt es sich selbst verstärkende Mechanismen. Mit dem Preisverfall (der Wertpapiere) schrumpft der Wert der Sicherheiten für die vergebenen Kredite. Die Banken verlangen Rückzahlung oder vergeben zumindest keine neuen Kredite mehr. Unternehmen und Privatpersonen müssen noch mehr Wertpapiere verkaufen. Andere Unternehmen geraten ohne Zugang zu frischem Geld in Schwierigkeiten, sie können ihre Schulden nicht mehr bedienen. Die Banken sitzen damit auf faulen Krediten, die Kundschaft zieht mißtrauisch die Einlagen ab. Bankpleiten drohen. Die Kreditvergabe wird noch re­striktiver usw. Ganz so lief es 2007 ab.

Was war im vorliegenden Fall das »reale« Objekt der Spekulanten? Die Antwort erscheint zunächst einfach. Die globalen Finanzspieler scheinen sich an der trivialen und wenig aufregenden Finanzierung von Ein- oder Zweifamilienhäusern in der US-amerikanischen Provinz verhoben zu haben. Faul gewordene kleine Hypothekenkredite brachten große und kleine Banken und Fonds in Schwierigkeiten. Tatsächlich hieß diese Finanzkrise, als sie im Herbst 2007 noch einigermaßen jung und frisch war, zunächst noch »Subprime-Hypotheken-Krise«. Der etwas sperrige Ausdruck bezieht sich auf die in den USA massenhaft an schlecht verdienende, nicht zahlungsfähige Schuldner gewährten Hypotheken. Der Ausdruck »subprime« ist ein Euphemismus. Es entspricht ziemlich exakt dem deutschen Wort »suboptimal« und heißt also eigentlich »miserabel schlecht«.

Schulden wurden zum begehrten Anlageobjekt

Niemals hätten die faul gewordenen Kredite an schlecht verdienende US-amerikanische Eigenheimbesitzer Banken in aller Welt in Bedrängnis gebracht, wenn die Finanzbranche nicht innovative Wege gefunden hätte, die den Weiterverkauf der Kredite ermöglichte. Banken wie die deutsche IKB oder die SachsenLB gehörten zu den ersten Opfern der Krise, weil sie sich auf verschlungenen Wegen am Hypothekengeschäft der US-amerikanischen Branche beteiligt hatten. Die Verbriefung oder die Neuverpackung von Krediten hat das gewaltige Ausmaß des Spekulationsbooms erst ermöglicht und sorgte im Abschwung dafür, daß die Wertverluste die Gläubiger überraschten.

Eine weitere Besonderheit dieser Spekulationswelle bezieht sich auf die USA als immer noch wichtigstes Land der Weltwirtschaft. Die Schulden ganz gewöhnlicher US-amerikanischer Haushalte, vor allem ihre Hypotheken, aber auch ihre Kreditkarten- und Ratenkreditschulden wurden zum begehrten Anlageobjekt des internationalen Geldkapitals. Die Verschuldung der USA-Haushalte erwies sich als ergiebige Anlagekategorie, weil sie außergewöhnlich lang zugelassen, ja von der Wirtschaftspolitik aktiv gefördert wurde. Niedrige Zinsen der USA-Notenbank ließen die Belastung auch ärmerer Haushalte durch hohe Schulden tragbar erscheinen. Zudem stiegen die Preise für die Wohnhäuser, die damit höher beliehen werden konnten. Der schuldenfinanzierte höhere Konsum der USA-Haushalte schlug sich in höherer Gesamtnachfrage, in einer relativ munter laufenden Konjunktur, vor allem aber in einem kräftig steigenden Außenhandelsdefizit nieder. Die hohe Verschuldung der USA-Privathaushalte wurde also durch die Kapitalzufuhr aus dem Ausland bezahlt. Die Finanzspekulation war somit vielfach verzahnt mit den internationalen Kapitalströmen.

Lucas Zeise

Mittwoch 9. August 2017