Liberale Schulpolitik in den Gemeinden und auf nationaler Ebene: Ressourcenverschwendung und Privatisierung (1)

Reformchaos und verpasste Chancen

Grundschule in Esch/Alzette


Schulpolitik sollte auch Sozialpolitik sein, eine Handlungsmaxime, die von der bürgerlichen Politikerkaste gerne salbungsvoll in Sonntagsreden beschworen wird, welche aber nur selten – und wenn, dann nur punktuell – in die Praxis umgesetzt wird. Dies gilt sowohl für die früheren als auch für den jetzigen Bildungsminister. Zu keinem Zeitpunkt in der Abfolge der unterschiedlichen bürgerlichen Regierungen wurde eine kohärente, geschweige denn soziale Erziehungspolitik betrieben, auch auf struktureller Ebene (Schulformen, Gliederung der Sektionen, Programminhalte, Schwerpunktsetzung bei den Fächern, Bewertungs- und Versetzungsvorgaben, Einstellung, Ausbildung und Evaluierung des Lehrpersonals) gab es nie ein klares Konzept, eine Erziehungspolitik »aus einem Guss«. Es wurde gepflastert und geschustert, so dass ein wahrer Flickenteppich entstand.

Die lauen strukturellen Reförmchen und Gegenreförmchen des letzten Jahrzehnts vermochten an dieser Entwicklung nichts zu ändern. Im Gegenteil, sie sorgten für Organisationschaos – man denke nur an die verpfuschte modulare Umwälzung der Berufs- und Handwerkerausbildung – und Unruhe beim Lehr- und Erziehungspersonal sowie den Hauptbetroffenen, den Schülern (insbesondere jene der »formation professionelle«). Hier wurden in erster Linie Etikettenschwindel und Desorganisation betrieben, parallel dazu wurde das Fortbildungsprogramm für die gymnasialen Lehrkräfte recht straff ummodelliert; Letztere müssen nun weitaus mehr Fortbildungsstunden absitzen, wobei der daraus resultierende Mehrwert für den Schüler sehr fraglich sein dürfte. Die Erhöhung der Weiterbildungspflichtstunden und die Gründung eines »Institut de Formation de l’Education Nationale« (IFEN), Initiativen, die freilich mit einer entscheidenden Aufstockung des Fortbildundgsbudgets einhergingen, werden wohl kaum einen allzu bedeutenden Einfluss auf die Qualität des Unterrichts haben.

Dieses Geld und diese Zeit hätten anders investiert werden müssen, nämlich in die direkte Ausbildung der heranwachsenden Generationen – insbesondere in ein umfassendes Nachhilfeprogramm für Schüler mit Lernschwierigkeiten respektiv Schüler, die nicht auf eine Hilfestellung zurückgreifen können. Die Rechnung hatte man aber wohl schon im Ministerium gemacht: Ganztagsangebote in Lyzeen und einheitliche Förderprogramme für Schüler kosten unter dem Strich etwas mehr als Fortbildungsgängelei für Lehrer.

Bürokratisierung und Privatisierung anstatt Personalrekrutierung und Schülerbetreuung

Ein ähnlich fragwürdiges Bild bietet sich in den Grundschulen der Gemeinden. Die Bürokratisierung wurde von der aktuellen Regierung an sich vertieft, aus dem PRS (»plan de réussite scolaire«) wurde der PDS (»plan de développement scolaire«), ein regelrechter administrativer Wasserkopf, durch den die diplomierten Grundschullehrer im Grunde davon abgehalten werden, ihrem eigentlichen Beruf mit der nötigen Sorgfalt nachzugehen, nämlich zu unterrichten und den Kindern eine aktive Stütze während des Lernprozesses zu sein. Es handelt sich hierbei um eine Form von Ressourcenverschwendung, da die Fachkräfte nicht in ihrem genuinen Spezialgebiet vollumfänglich eingesetzt werden, ein Irrationalität höchsten Grades angesichts der Tatsache, dass ein enormer Mangel an ausgebildeten Lehrern und Lehrerinnen besteht. Die Arbeit mit den Kindern kommt somit zu kurz. Damit die Schüler unterrichtet, ausreichend betreut und entsprechend gefördert werden können, muss die Rekrutierung von Lehrern und Erziehern intensiviert werden, das heißt bei der Einstellungspolitik darf nicht gespart werden, was gegenwärtig immer noch der Fall ist. Für den Soldatenberuf werden oftmals Werbeanzeigen geschaltet, für das Studium der Grundschulerziehung rührt die Regierung allerdings nicht die Werbetrommel.

Was den PDS betrifft, so erweist sich dieser letzten Endes als überflüssig, denn die über den spezifischen Unterricht hinausgreifende Problematik der Schulentwicklung wird den Lehrern und Schulkomitees aufgebürdet; diese müssen Bericht ablegen über ihre pädagogischen und paraschulischen Aktivitäten, Selbstkritik und Eigenlob üben, über die Ziele der Schule für die kommenden Jahre informieren, kurzum nichts anderes als Schulmarketing betreiben. Der mit dem »Schulautonomie«-Stempel versehene PDS ist einerseits ein Kontroll- und Bewertungsinstrument für das Bildungsministerium, andererseits eine Form von Schulvermarktung und
 selbstdarstellung mit den Eltern als Zielpublikum. Hier besteht die Gefahr einer Zerfleischung, bei der die Grundschulen, die sich in Städten, Stadtvierteln oder sogar Dörfern mit einer überwiegend aus Arbeiter- und Immigrantenfamilien bestehenden Bevölkerung befinden, voraussichtlich die Verlierer sein werden, können diese doch aus finanziellen und leistungstechnischen Gründen nicht dieselben pädagogisch-kulturellen »Prunkprojekte« initiieren wie Grundschulen mit einer eher wohlhabenden Schülerbevölkerung.

Fazit: Die Schüler aus einkommensschwachen Familien sind letztlich die Leidtragenden dieser liberalen Autonomiepolitik, die nichts mit wissenschaftlicher Schulentwicklung am Hut hat. Dies gilt ebenfalls für die Lyzeen, der so aufwendige wie irrwitzige Zerfleischungs- und Schüler-Abluchsungsprozess ist auf Sekundarschulebene bereits in vollem Gange. Wissenschaftlich-rationale Schulforschung- und -entwicklung sollte zentral in Zusammenarbeit mit der Universität Luxemburg, den Gewerkschaften und den Schulkomitees erarbeitet werden und allen Grundschulen sowie Gymnasien des Landes zugute kommen. Von vitaler Bedeutung für eine Gemeindeschule ist nicht ein glänzender PDS-Prospekt, sondern vorrangig die konsequente Aufstockung des Unterrichtsstundenkontingents und die notwendige Änderung des Berechnungsmodus vermögen Abhilfe in punkto Bildungsmisere zu schaffen; nur auf diese Weise können die Kinder in größerem Umfang von Nachhilfe- bzw. Förderunterricht profitieren und in kleineren Klassen (maximal 15 Schüler) unterrichtet werden.

Schulen und Gemeinden sind keine Unternehmen, die sich nach außen hin besonders »dynamisch«, »lei­stungsfähig« und »innovativ« präsentieren und um Sponsoren feilschen müssen; genau diese Politik wird indes unter dem vielversprechenden Slogan der »Schulautonomie« von der aktuellen bürgerlichen Mehrparteien-Regierung vorangetrieben, es handelt sich schlichtweg um eine Privatisierung durch die Hintertür.

Um diesen Bestrebungen Widerstand zu leisten, müssen die Gewerkschaften sowohl auf gymnasialer als auch auf primärschulischer Ebene mehr Druck ausüben; dies gilt aber auch für die Gemeinden, die sich zur Wehr setzen müssen. Gewiss, die Erziehungspolitik im »Fondamental« untersteht der Regierung sowie dem Bildungsministerium und der Handlungsspielraum der Kommunen bezüglich wichtiger organisatorischer Fragen (Klassenverteilung, Bestimmung der Klasseneffektive, Personalrekrutierung etc.) ist seit dem Schulgesetz von 2009 weitaus enger geworden, doch die Gemeinden und ihr Dachverband Syvicol besäßen durchaus das Potential, massiven Protest hinsichtlich des »contingent« bei der Regierung einzulegen und Forderungen zu stellen, was die Ausrichtung und das Budget der Erziehungs- und Bildungspolitik betrifft. Trotzdem wird hierauf verzichtet, was in Anbetracht der bestehenden Schöffen- und Gemeinderatszusammensetzungen nicht verwundert.

Alain Herman

(Fortsetzung morgen)

Mittwoch 9. August 2017