Unser Leitartikel:
Die Grenze des Zumutbaren ist längst überschritten

Normale Schichten und geregelte Schichtpläne gehören zunehmend der Vergangenheit an. Die Flexibilisierung, die den Arbeitern heutzutage abverlangt wird, sowie die ständig wachsende Deregulierung der Arbeitszeitorganisation haben vielerorts zu massiven Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen geführt.

Um die Lohnkosten zu drücken, wurden schon vor Jahren die Arbeitsposten in den Betrieben auf ein Minimum reduziert. Die sogenannten Reservefaktoren, die früher dazu dienten, die Größe einer Belegschaft so zu berechnen, dass auch während der Urlaubszeit oder bei eventuellen Krankenscheinen der Arbeitsablauf nicht ins Stocken zu geraten droht, gibt es schon lange nicht mehr.

Fehlt heute, aus welchen Ursachen auch immer, die eine oder andere Arbeitskraft, dann steht für alle anderen Kollegen Mehrarbeit an. Dem Patronat ist es dabei schnuppe, ob die Schichtdauer der betroffenen Mitarbeiter in solchen Fällen aus acht, zehn oder gar mehr Stunden besteht, die 40-Stundenwoche eingehalten wird oder nicht, ob für die Berechnung der Arbeitszeitorganisation eine Referenzperiode von einem oder vier Monaten gilt.

Ohne maximale Flexibilität wäre dies nicht denkbar. Fakt ist, dass zur heutigen Arbeitszeitorganisation längere Arbeitszeiten, gestrichene freie Tage, reduzierte Ruhepausen, abgeänderte Schichtpläne und zunehmende Wochenendarbeit genauso gehören wie das Verrichten von Überstunden, die den Schaffenden allerdings immer seltener als solche vergütet werden.

Zu den weiteren negativen Aspekten der zunehmenden Flexibilisierung gehört auch, dass immer häufiger Erwerbstätige nur mehr mit Zeitverträgen eingestellt werden – vielfach nur für die Dauer eines Auftrags –, anderen wiederum der Vertrag nach einer so genannten Probezeit nicht verlängert wird – meistens ohne Grund anzugeben, und ungeachtet der weiterhin anstehenden Arbeit.

Eine Personalpolitik, die es dem Unternehmen ermöglicht, die Lohnmasse zu drücken und somit den Profit zu maximieren. Beschäftigte, die nämlich bereits nach nur wenigen Monaten durch eine andere Arbeitskraft ersetzt werden, haben meistens kein Anrecht auf Sonderzahlungen wie Gratifikationen oder Jahresendprämien, von Lohnaufbesserungen ganz zu schweigen. Darüber hinaus ermöglicht eine solche Personalpolitik dem Unternehmen, den Konkurrenzkampf innerhalb der Belegschaft zu vergrößern, das Erstarken der Gewerkschaften im Betrieb zu verhindern und die Solidarität unter den Beschäftigten zu erschweren.

Dabei wäre genau Letzteres aufgrund der von Tag zu Tag schlechter werdenden Arbeitsbedingungen von größter Bedeutung. Zumal Erwerbstätige aufgrund der zunehmend flexiblen Arbeitsweise immer größere Probleme haben, um Beruf, Privatleben und Freizeit unter einen Hut zu kriegen. Schließlich kommt es immer häufiger vor, dass so manche montags nicht wissen, wie, wo oder wann sie die restlichen Wochentage anzutreten haben, ob sie das anstehende Wochenende arbeiten müssen oder im Kreis der Familie verbringen können, ob ihnen die beantragten freien Tage gewährt werden oder nicht.

Probleme, die in aller Deutlichkeit zeigen, dass in vielerlei Hinsichten für die Schaffenden die Grenze des Zumutbaren längst überschritten ist, und man deshalb in punkto Flexibilität und Deregulierung der Arbeitsorganisation zu keinerlei Zugeständnissen mehr an das Patronat bereit sein darf.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Mittwoch 6. September 2017