SEW warnt:

Neoliberal ruiniert öffentliche Schule!

Das Syndikat Erziehung und Wissenschaft im OGB-L (SEW) trat ge­stern mit einer pessimistischen Botschaft vor die Presse, wobei nicht nur DP und Erziehungsminister Meisch für ihre neoliberale Privatisierungs-Agenda kritisiert wurden, sondern ausdrücklich LSAP und Gréng als Regierungsparteien fürs Mitmachen ihr Fett abbekamen.

Das von einer LSAP-Ministerin in Koalition mit der CSV eingeführte Kontingent nimmt den Schulen die Möglichkeit, flexibel mit Förderung sofort einzugreifen, wenn kleine Probleme im Entstehen sind. Selbst die Wochenstunde, die jede Lehrkraft zum Fördern hat, wird zunehmend anders verplant, um hier diese und dort jene halbe Planstelle zu ersetzen, die mangels zur Verfügung stehendem Personals nicht zu besetzen ist.

Wobei seit Einführung des dreijährigen Stage, in dem die jungen Bachelor-Absolventen nach vier Jahre Studium einem starken Druck bei gleichzeitig prekärer Lage (es droht das Aus am Ende) ausgesetzt sind ohne wirkliche Hilfe, der Personalmangel zu- statt abnimmt. Gab es früher beim »Concours« mehr Kandidaten als freie Posten, so konnten dieses Jahr von 200 offenen Plätzen gleich 80 nicht besetzt werden, obwohl das Ministerium Leute mit Abschluß antelephonierte, die sich nicht dafür angemeldet hatten.

Von der Uni kommen Berichte über Leute, die ihr Studium abgebrochen haben, während andere nach dem Bachelor ein Master-Studium folgen lassen, um nicht in die Grundschule unterrichten zu gehen. Gleichzeitig haben sich für den diesjährigen Studienanfang gleich nur 80 Leute zur Aufnahmeprüfung gemeldet – letztes Jahr waren es noch 180, und das waren schon weniger als die Jahre davor.

Den »Erfolg« kann sich Meisch und der Rest der Regierung ans Revers heften. Wie sie da raus wollen? Zur Zeit mit dem Aufruf zu möglichst vielen Überstunden – ohne daß dieses Jahr bei einer Grippewelle Aussicht auf Ersatz ist. Denn auch Lehrbeauftragte lassen sich nicht genug finden, ist ja auch die Rolle als Leiharbeiter, der für weniger Geld nicht nur gleich viel, sondern mehr arbeiten muß, nicht wirklich interessant.

Schwierigkeiten sucht das Ministerium durch gehäufte Kommunikationsauftritte des Ministers aus der Öffentlichkeit zu halten, wobei ständig weitere administrative Wasserköpfe geschaffen werden, was Qualifizierte aus den Klassen abzieht. Insgesamt steigt der Verwaltungsaufwand, Kinder werden zu Dossiers, statt gefördert zu werden. Am unsinnigsten ist der »Plan de Développement Scolaire«, eine rein bürokratische Übung, die in der Praxis gar keinen Mehrwert zeitigt. Er sollte sofort ersatzlos gestrichen werden!

Dafür sollte wieder der Dialog zwischen Basis und Ministerium hergestellt und die 2009 eingeführte Mitbestimmung respektiert werden, anstatt zu versuchen die Präsidenten als Befehlsweiterleiter zu mißbrauchen. Der Versuch muß scheitern zu befehlen: »Wir wissen alles besser, macht was wir Euch sagen!«

Rufer in der neoliberalen Wüste

Wenn es das Ziel der Politik ist, mittels Imageverlust die öffentliche Schule sturmreif zu schießen für private Profitunternehmen, bleibt die Forderung nach einer Politik für die öffentliche Schule trotzdem richtig, müßte sich aber ans Wahlvolk richten mit dem Auruf, diese Parteien nicht mehr zu wählen, die kein Debatte vor Reformen zulassen, die weder den Dialog mit den Lehrkräften wieder aufnehmen noch den administrativen Wasserkopf beseitigen und genügend Mittel bereitstellen wollen.

Doch wenn die öffentliche Schule über 100 Jahre in der Lage war, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern, so kann sie das heute immer weniger und demnächst gar nicht mehr. Die heutige Entwicklung läuft auf eine Schule für Anglophone, eine für Frankophone, eine für Germanophone, eine für Katholiken, eine für Muslime usw. hinaus. Für die öffentliche Schule bleiben dann jene übrig, die nicht das Geld für eine Privatschule haben. Wobei Meisch nicht kommuniziert hat, daß das Ministerium keinen Einfluß auf die Programme in der Internationalen Schule in Differdingen und nun auch in Esch/Alzette oder auf die englischsprachigen Klassen im Michel Lucius hat: Lizenzen werden da eingekauft, und die Kopien der Abschlußprüfungen werden in England korrigiert!

Damit verliert Luxemburg jeden Einfluß darauf, was da gelehrt wird – und die Absolventen haben keine Chance, das Staatsexamen zu bestehen, weil sie dafür weder genug Deutsch noch Französisch können. Und wenn sie sich die teuren englischsprachigen Unis nicht leisten können, ist auch das Uni-Studium fertig, bevor es anfängt.

Demnächst droht es Bildung nur noch privat für die soziale Elite zu geben, denn Allgemeinwissen bleibt in der öffentlichen Schule als nicht direkt wirtschaftlich verwertbar auf der Strecke. Wissensvermittlung wird immer minimalistischer und unterliegt dem Utilitarismus für den direkten Einsatz am Arbeitsplatz.

Und dann sollen die einzelnen Schulen noch autonom unterschiedlich werden, wonach das Schulvolk zur Kundschaft wird, die ihre Schule frei wählt. Bei dem System bleiben jedoch jene auf der Strecke, die sich nicht perfekt auskennen, oder nicht in der Lage sind, den Transport dorthin zu organisieren.

Ein paar wenige werden davon profitieren, die große Mehrheit wie der gesellschaftliche Zusammenhalt zahlt drauf.

jmj

Mittwoch 13. September 2017