Unser Leitartikel:
Die CNS ist keine Sparkasse

In jüngster Zeit sind die Eigenbeteiligungen für medizinische Dienstleistungen bei Arzt, Zahnarzt, Kinesitherapeut oder in Mondorf sowie für Arzneimittel und Medizinprodukte (Krankenkassen-»Reform« etc.) kontinuierlich gestiegen. Dabei wären die finanziellen Mittel für eine umfassende Erweiterung der von der CNS laut Nomenklatur übernommenen Kosten für medizinische und – vor allem – zahnmedizinische Leistungen, wie sie die Patientevertriedung im Hinblick auf die anstehende Gesundheitsquadripartite fordert, reichlich vorhanden.

Bei der »Nationalen Gesundheitskasse« standen im vergangenen Jahr 2,67 Milliarden Euro an Einnahmen Ausgaben in Höhe von 2,49 Milliarden gegenüber, was unter dem Strich einen Überschuß von 180 Millionen Euro im Jahr 2016 und einem kumulierten Überschuß von 587 Millionen Euro entspricht. Es wird davon ausgegangen, daß der Überschuß in diesem Jahr bei 150 Millionen und im nächsten bei 135 Millionen Euro liegen wird, so daß der kumulierte Überschuß in diesem Jahr auf 740 Millionen Euro und im nächsten auf 875 Millionen ansteigen würde. Selbst wenn man die dann bei 285 Millionen Euro liegende gesetzliche Mindestreserve vom letzten Wert abzieht, blieben 590 Millionen Euro für neue Kassenleistungen.

Wer weiß, daß die Krankenversicherten mittlerweile rund 40 Prozent der zahnmedizinischen Leistungen aus eigener Tasche berappen müssen, wundert sich nicht, daß mehr als vier von fünf der für das »Sozialpanorama 2017« der Salariatskammer befragten Arbeitslosen erklärten, sie seien mit einer zahnmedizinischen Untersuchung oder Behandlung nicht zufrieden gewesen, weil ihnen diese »zu teuer« gewesen sei.

Im »Sozialpanorama 2015« wurde kritisiert, trotz des Anfang 2013 eingeführten »Tiers payant social« hätten im selben Jahr noch immer zwei von drei Arbeitslosen erklärt, aus finanziellen Gründen auf einen Besuch beim Zahnarzt, und fast genauso viele, auf einen Arztbesuch verzichtet zu haben.

Demnach haben die Vertreter der Versicherteninteressen auch mit ihrer Forderung nach einer generellen Einführung des »Tiers payant« recht, damit die Arztrechnungen künftig direkt von der CNS beglichen werden.

Zu den Kranken, denen man eine adäquate Medikation und Nachsorge vielfach vorenthält, gehören laut Roland Kolber von der Patientevertriedung auch die psychisch Kranken. Dem Psychologen zufolge werden derzeit nur 80 Prozent der Kosten für Psychopharmaka von der CNS übernommen und auf einen Platz in einer Nachsorgeeinrichtung müsse man ein bis drei Jahre warten. »Dann ist der Patient entweder tot oder er braucht keinen Reha-Platz mehr, weil er auch so überlebt hat«, merkte Kolber dazu so sarkastisch wie zutreffend an.

Ein weiteres Gebiet, in dem die Nomenklatur unbedingt erweitert werden muß, sind Pneumokokken – Bakterien, die schwere Infektionen verursachen können. Hier fordert die Patientevertriedung die Übernahme der Impfkosten für Menschen über 65 Jahre und andere besonders Gefährdete wie Säuglinge, Kleinkinder und chronisch Kranke.

Gleiches gilt für Augenoperationen zur Korrektur optischer Fehlsichtigkeiten, die komplett von der CNS bezahlt werden sollten, sowie für Lipödem-Therapien. Frauen, die an dieser voranschreitenden Erkrankung leiden, müssen die Kosten für Kompressionsstrümpfe, allwöchentliche Lymphdrainagen und Operationen bis heute größtenteils selbst tragen.

Michèle Wennmacher von der Patientevertriedung berichtete, viele seien gezwungen, Kredite aufzunehmen, um 3.000 bis 5.000 Euro für eine Lipödem-OP aufzubringen. Wer nicht kreditwürdig sei, müsse mit den Schmerzen weiterleben…

Oliver Wagner

Mittwoch 4. Oktober 2017