Milizionäre des Bildes

Ein echter Gewinn: Ein neuer Fotoband zeigt Ernesto »Che« Guevara als unbeugsamen Menschen

Unter den Neuerscheinungen zum 50. Todestag von Ernesto »Che« Guevara sticht dieser Fotoband heraus. Er erschien im Rahmen einer Ausstellung von bisher unveröffentlichten Fotos aus den Jahren 1959 bis 1964, ist jedoch unabhängig davon ein einmaliges Dokument über das Wirken des Arztes und Guerilleros beim Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung in Kuba. Nachdem der Diktator Fulgencia Batista geflohen war und die Rebellen im Januar 1959 im ganzen Land gesiegt hatten, begann – wie Guevara selbst es ausdrückte – nach der »zerstörenden Phase der alten Macht«, die »konstruktive Phase der Revolution«. Der kubanische Journalist und Kunstkritiker Pedro de la Hoz unterstreicht in der Einleitung zum Buch die Bedeutung dieser Etappe: »In den ersten sechs Jahren nach dem Sieg der Revolution (…), in denen Che im revolutionären Kuba blieb, war seine Tätigkeit entscheidend für die radikale soziale und ökonomische Umwandlung des Landes.«

Diese Zeit haben junge Mitstreiter, die damals noch keine Berufsfotografen waren, dokumentiert. »Wir waren so etwas wie Milizionäre des Bildes«, sagt René Calvo, einer von ihnen, im Gespräch mit Herausgeber René Lechleiter. Mit Hilfe des Archivleiters der Parteizeitung »Granma« suchte der Schweizer Aufnahmen heraus, die den Revolutionär aus bisher weniger bekannten Perspektiven zeigen. Ihr Ziel habe darin bestanden, »einen ganz normalen, alltäglichen Che zu zeigen«, erklärt Lechleiter, »einen Che in der Fortsetzung seines Kampfes für eine neue sozialistische Gesellschaft, für den Aufbau, für die Herauskristallisierung von dem, was er den neuen Menschen nannte«. Ches damaligen Wegbegleitern mit der Kamera gelangen eher zufällig einige Aufnahmen, die diesem Anspruch gerecht werden. »Che Guevara hat sich nie selber ins Zentrum gestellt, das gefiel ihm nicht«, erinnert Jorge Oller, ein Bildreporter der damaligen Zeitungen »Hoy« und »Revolución«, der in dem Band zu Wort kommt, die Schwierigkeiten, Che zu fotografieren. Dennoch vermitteln ihre Aufnahmen »die tägliche Mühsal und die selteneren Glücksmomente eines Revolutionärs, der selber Hand anlegte, zeigen seinen Impetus, aber auch, wie er seine Energie in unzähligen Sitzungen, auf Empfängen, in Diskussionen über den richtigen Weg, im Kontakt mit den ausländischen Gesandten wie dem einfachen Volk einsetzte«, schreibt der bekannte Schweizer Kunsthistoriker, Kurator und frühere Museumsdirektor Guido Magnaguagno im Vorwort. Er hebt die unterschiedliche Sichtweise der kubanischen Fotografen hervor, die sich in den Ergebnissen ihrer Arbeit ausdrückt: »Anders als die internationale Weltpresse, die an geschichtsträchtigen Ereignissen und sensationellen ‚Shots’ interessiert war, legen die kubanischen Zeitungsreporter eine unaufgeregte Dokumentation vor.«

Neben den Fotos sind auch die Texte des Buches für neugierige Interessierte wie für Kuba-Kenner ein Gewinn. Pedro de la Hoz, Leiter des Kulturressorts der »Granma« und stellvertretender Präsident des Verbandes der Schriftsteller und Künstler (UNEAC), leitet den Band mit »Che und der Geist Bolivars« ein. Der bereits erwähnte Schweizer Guido Magnaguagno schreibt über die Person Che Guevaras aus der Sicht von Fotografen. Herausgeber René Lechleiter läßt mit René Calvo, Arsenio García und Jorge Oller drei Fotografen und Wegbegleiter Ches zu Wort kommen und entlockt ihnen im Interview viele interessante, bisher unbekannte Details. Zum 50. Jahrestag des Mordes an Che Guevara haben die Herausgeber und der Verlag 8. Mai dem deutschsprachigen Publikum einen gut aufgemachten Bildband präsentiert, der den Revolutionär nicht als Ikone verklärt, sondern einen unbeugsamen, kämpferischen Menschen zeigt, der sich den »Mühen der Ebene« stellte.

Volker Hermsdorf

16. August 1962: Che hält eine Rede anläßlich der Eröffnung der Werft »Chullima« in Havanna (Foto: Fernando Lezcano)

Donnerstag 12. Oktober 2017