Das »Große Spiel« in Syrien

Hintergrund der Kriege im Nahen Osten sind nicht religiöse Konflikte, sondern handfeste ökonomische Interessen

»The Great Game«, das »Große Spiel« wird der Konflikt zwischen Großbritannien und Rußland genannt, der Anfang des 19. Jahrhunderts begann und erst nach dem Ende des 2. Weltkrieges 1947 – mit dem Abzug der Briten und der Unabhängigkeit Indiens – endete. Der Konflikt drehte sich ganz allgemein um die Kontrolle von Zentralasien. Rußland wollte seine Interessenssphäre Richtung Süden und Westasien festigen, die Kolonialmacht Großbritannien, die in der Region geostrategische Interessen hatte, verteidigte dagegen das »Kronjuwel des Britischen Empire«, das Kaiserreich Indien. Heute findet das »Great Game« seine Fortsetzung in Westasien. Die Region, die in Europa und in den USA »Naher« oder »Mittlerer Osten« genannt wird, hat seit dem 1. Weltkrieg keinen dauerhaften Frieden gesehen.

Die Aufteilung der Region durch Frankreich und Großbritannien (Sykes-Picot, Balfour Erklärung) wurde durch den Völkerbund bei der Pariser Friedenskonferenz abgesegnet. Immer neue Konflikte entstanden durch diesen »Frieden, der jeden Frieden beendete«, wie es Archibald Wavell, ein britischer Offizier im 1. Weltkrieg formulierte. Heute will die Weltmacht USA mit ihren Verbündeten in der so genannten »Anti-IS-Koalition« ohne UNO-Mandat ihren Einfluß in Westasien erzwingen. Doch nicht alle Regionalstaaten und Akteure wollen sich der Weltmacht unterwerfen. Rußland und China unterstützen die »Achse des Widerstands« gegen das westliche Hegemoniemodell. Iran, Irak, Syrien und die libanesische Hisbollah haben in einem langen und verlustreichen Kampf die USA-Koalition zurückgedrängt. Doch der Kampf um die Region geht weiter. Die »einzige Weltmacht«

In Zentralasien, das lehrt uns der wichtigste Vordenker und Stratege der alleinigen Weltmacht USA, Zbigniew Brzezinski, gibt es die wichtigsten geostrategischen Verbindungslinien und die größten, noch nicht ausgebeuteten Bodenschätze. Um den von Brzezinski formulierten Anspruch, »einzige Weltmacht« zu sein, sichtbar für alle zu manifestieren, müssen die USA ein Gebiet wenn nicht beherrschen, doch zumindest kontrollieren. Und findet Washington keine Vereinbarung mit Rußland und China, den Mächten, die über soliden Einfluß in Westasien verfügen, dann gibt es offenen oder latenten Krieg. Mit anderen Worten, die Region wird destabilisiert.

Das Instrument dafür ist auf Anraten Brzezinskis die ethnische und religiöse Vielfalt der Region. Beispiel Afghanistan. Eine kurze Filmsequenz aus dem Jahr 1979 zeigt Brzezinski an der paki­stanisch-afghanischen Grenze, wo er zu muslimischen Kämpfern der Taliban spricht. Der Kampf um ihr Land »dort drüben«, wie der damalige Nationale Sicherheitsberater des USA-Präsidenten in Richtung Afghanistan gestikuliert, werde erfolgreich sein: »Ihr werdet eure Moscheen und eure Häuser zurückerobern. Denn euer Kampf ist gerecht und Gott ist auf eurer Seite.«

Der USA-Geheimdienst CIA kooperierte damals mit Saudi Arabien und mobilisierte Tausende Anhänger des dogmatischen, wahabitischen Islam, der in Saudi Arabien zu Hause war. Die jungen Männer zogen in den »Heiligen Krieg« (Dschihad) gegen Ungläubige, gegen Kommuni­sten, Schiiten, Säkulare. Die »Arabischen Taliban« um Osama bin Laden hatten Ideologie, Waffen und Geld und kauften die örtlichen Muslime wortwörtlich ein. Die Sowjetunion mußte aus Afghanistan abziehen, Al Khaida breitete sich weit über die Grenzen Afghanistans aus. Heute sind das Land und die Gesellschaft zerstört, lokale Aufstände werden von der NATO bekämpft. Instabil, wie eine offene Wunde liegt Afghanistan zwischen Rußland, Iran, Indien und China.

Die Bilder von Brzezinski 1979 im Kreis lokaler Taliban erinnern an Bilder des USA-Präsidentenbeauftragten für den Kampf gegen den »Islamischen Staat«, Brett McGurk. Auf seinem Twitter Account ist er im Kreis von kurdischen Kämpfern im Norden Syriens zu sehen oder im Kreis von kurdischen Peschmerga im Nordirak. McGurk veröffentlicht Fotos von ihm mit hochgestellten Politikern im Irak, in Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Saudi Arabien und bei der NATO. Zu sehen ist er beim UNO-Sicherheitsrat oder mit arabischen Stammesvertretern in Rakka. Man sieht McGurk, wie er in Ain Issa vor 200 Rekruten spricht und wie er Hilfe der USA und der UNO für die Vertriebenen von Rakka im gleichnamigen Flüchtlingslager lobt. Er bedankt sich bei den US Marines, die an der Seite der SDF (Syrian Democratic Forces) am vorderster Front kämpfen, nimmt Geschenke von italienischen Carabinieri ebenso entgegen wie von der kurdischen YPG/YPJ.

Einflußnahme der USA im Irak

McGurk führt aus, was Brzezinski als Strategie ausgearbeitet hat. Er sorgt dafür, daß vor Ort klappt oder verhindert wird, was am grünen Tisch entschieden wurde. Er verhandelt und diskutiert, ordnet an, fordert, immer jung dynamisch und unkonventionell paßt er sich seiner Umgebung an. Er verkörpert den American Way of Life, um in der arabischen Welt USA-Einfluß durchzusetzen: Geld und Waffen anbieten, drohen, Hände schütteln und in die Kamera lächeln. Alle können und sollen wissen, was er tut.

McGurk kennt sich in der Region aus. Er ist zivil-militärischer Emissär par excellence. Unter Präsident George W. Bush war er (nach 2003) für den Irak und Afghanistan zuständig. Im Rahmen der »Welle« (Surge) im Irak knüpfte er für das USA-Militär Kontakte zu den westirakischen Stämmen. Er handelte mit Militärs und Politikern das »Strategische Rahmenabkommen« aus, in dem die langfristige militärische und politische Einflußnahme der USA im Irak gesichert wurde. Er war Berater verschiedener Botschafter und NSA-Agenten in Bagdad, als stellvertretender Außenminister im Büro für die Angelegenheiten des Nahen Ostens regelte McGurk USA-Politik im Irak und im Iran. USA-Präsident Barack Obama ernannte ihn 2014 zum Stellvertreter, 2015 dann zum Koordinator der USA-geführten »Koalition gegen den IS«. McGurk vertritt den USA-Präsidenten gegenüber allen Mitgliedern dieser Koalition.

Das die US-Amerikaner ihren Einfluß im Mittleren Osten nicht (mehr) so durchsetzen können, wie gewünscht, liegt weniger an dem talentierten Mr. McGurk. Die Machtverhältnisse haben sich geändert, die regionalen Partner sind in vielschichtige Kontroversen verstrickt und spielen mehr als ein Spiel. Zudem haben andere Machtzentren wie Rußland und China ihren Einfluß in der Region ausgebaut. Im Irak muß die USA-Administration ihren Einfluß sich mit dem Iran und Rußland teilen, in Syrien sucht Washington nach einem gesichtswahrenden Abgang. Das CIA-Ausbildungsprogramm (500 Millionen US-Dollar) scheiterte daran, daß die von den USA ausgebildeten Krieger sich dem »IS« oder der Nusra-Front anschlossen, kaum daß sie in Syrien angekommen waren. Waffenlieferungen an die sogenannte »moderate Opposition« landeten ebenfalls dort. Die untereinander zerstrittene syrische Auslandsopposition wechselte gleich mehrmals die Fronten und folgte meist dem, der mit dem meisten Geld winkte. Interne Konflikte in der USA-Administration darüber, ob der von Obama bereits (August 2011) geforderte Rücktritt von Präsident Assad in Syrien militärisch oder durch Destabilisierung und die wirtschaftliche Zerstörung Syriens herbeigeführt werden sollte, öffnete Spielräume, die sich andere, regionale und lokale Akteure, zu Nutzen machten.

Eigene Vorteile sichern

Die regionalen Partner der USA – Türkei, Jordanien, Israel, Golfstaaten, Saudi Arabien – verbissen sich nicht nur in den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sondern auch ineinander, um vermeintlich eigene Vorteile zu sichern. Der frühere Vizepräsident Joe Biden beklagte (Oktober 2014) daß die USA-Verbündeten Saudi Arabien, Türkei, Vereinigte Arabische Emirate »so entschlossen waren, den syrischen Präsidenten Baschar al Assad zu stürzen und einen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu initiieren«, daß sie »Hunderte Millionen US-Dollar und Tausende Tonnen Waffen an jeden lieferten, der gegen Assad kämpfen wollte«. Auch Al Khaida, aus der sowohl die Nusra-Front als auch der »Islamische Staat« hervorgingen, profitierten davon.

Die Bewaffnung der syrischen Opposition »von der ersten Stunde an« räumte kürzlich der ehemalige Außenminister und Ministerpräsident Katars, Scheich Hamad bin Jassim bin Jaber al-Thani im katarischen Staatsfernsehen ein. Man sei auf die Jagd nach dem Vogel (Baschar al-Assad) gegangen, habe sich dann über die Beute gestritten und der Vogel sei davongeflogen, beschrieb der Scheich das Dilemma. Katar habe nur gemacht, was Saudi Arabien, die Türkei und die USA aufgetragen hätten. Dann hätten sie den Kurs geändert, ohne Katar zu informieren, klagte er. Wenn man meinte, »Baschar« sei nicht mehr der Feind, dann habe Katar kein Problem damit. »Aber sie müssen ihre Partner doch über den Kurswechsel informieren.«

»Auf Augenhöhe« mit der USA-Armee

Zuverlässiger als die arabischen Verbündeten am Golf erwiesen sich für die USA-Armee derweil die syrischen Kurden. Dankbar für militärische Hilfe in letzter Minute gegen die »IS«-Angriffe in Ain al-Arab (Kobani) begrüßten sie Brett McGurk und seine US Marines mit wehenden Fahnen. Unter dem Protest der Türkei zogen USA-Spezialkräfte sogar YPG-Uniformen an, McGurk wurde ein YPG-Orden verliehen. Niemand hinderte die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) daran, ihre Kader aus dem Nordirak in den Norden Syriens zu schicken, um dort Kampfverbände zu schulen und die lokale Administration zu übernehmen. Mehr als 200 Männer und Frauen der PKK kamen allein aus Deutschland, um in den Reihen der von Kurden geführten »Syrischen Demokratischen Kräfte« gegen den »Islamischen Staat« zu kämpfen.

Dabei geriet immer mehr syrisches Territorium unter USA-Kontrolle, mittlerweile gibt es zehn Militärbasen der USA in den syrischen Provinzen Rakka und Hasakeh. Man kämpfe »auf Augenhöhe« mit der USA-Armee gegen einen gemeinsamen Feind, den »IS«, heißt es. Die Frage, warum das nicht mit der syrischen Armee geschieht, bleibt unbeantwortet. Die Organisationen, bei denen die Deutschen – mit Wissen der Bundesregierung – kämpfen, sind in Deutschland als »Terrororganisationen« eingestuft. Ihre Fahnen oder das Bild des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan zu zeigen, führte zuletzt Anfang November in Düsseldorf zu einem massiven Polizeieinsatz gegen Tausende Demonstranten.

Für den USA-Verbündeten Bundesrepublik Deutschland ist die Zusammenarbeit mit den syrischen Kurden in der »Anti-IS-Koalition« vorgeschrieben. Aus nationalen Gründen, für die zerrütteten Beziehungen mit der Türkei, werden zumindest die Fahnen und das Werben für YPG/YPJ, PYD und PKK und den inhaftierten Vorsitzenden Abdullah Öcalan unterdrückt.

»Wir werden Öl und Gas haben«

»Dieser Krieg, das ist unsere Chance! Wir werden die Türkei aus Hatay vertreiben und über Aleppo einen Korridor bis zum Mittelmeer sichern. Im Osten werden wir mit den irakischen Kurden zusammenarbeiten, die ihre Unabhängigkeit durchsetzen. Garantiert wird unser Kurdi­stan von den Amerikanern und von Masud Barzani, unser Präsident wird Abdullah Öcalan sein.« So beschrieb ein kurdischer Arbeiter im Herbst 2017 gegenüber der Autorin in Damaskus, wie er sich seine neue Heimat vorstellt. »Wir werden Öl und Gas haben, Weizen und Wasser und einen Hafen am Mittelmeer!« Das kurdische Projekt einer »Föderation« wird als »gut für ganz Syrien und die gesamte Region« angepriesen. Mit der Bevölkerung in Syrien und in der Region wird darüber nicht diskutiert. Würden die Kurden das tun, stießen sie rasch an ihre Grenzen.

Die syrische Regierung bietet im Rahmen des Gesetzes über die Lokale Verwaltung (§107) lokale Selbstverwaltung an, was von kurdischen Vertretern bisher abgelehnt wird. Noch fühlt man sich stark und erfreut sich immenser Waffenlieferungen seitens der USA. Man baut – auch gegen den Willen vieler Syrer in Rakka und Hasakeh – eine eigene Wehrpflichtarmee auf. Der Vormarsch auf Rakka und durch das Euphrat-Tal in Richtung Deir Ezzor und Grenze zum Irak dient ganz offensichtlich nicht kurdischer Selbstbestimmung, sondern gleicht eher einer Besetzung von Land für die geostrategischen Ziele der USA-geführten »Anti-IS-Koalition«. Der Irak und Syrien sollen daran gehindert werden, die gemeinsame Grenze zu sichern. Um der syrischen Armee und deren Verbündeten zuvorzukommen, verhandeln die USA auch mit dem propagierten Feind, dem »Islamischen Staat«, damit dieser die nationalen Ressourcen Syriens kampflos übergibt. Kurdisch geführte Kräfte besetzten im Zusammenwirken mit USA-Spezialkräften Öl- und Gasfelder, sie kontrollieren drei der wichtigsten Dämme entlang des Euphrat und die strategisch wichtige Weizenproduktion in den Provinzen Rakka und Hasakeh.

Völkerrecht hat für die USA keine Bedeutung

Die Besetzung nationaler syrischer Ressourcen hat mit einer »Föderation« nichts zu tun, sondern entspricht dem Ziel, das Zbigniew Brzezinski entwickelt hat, um die Weltmachtansprüche der USA zu sichern. Völkerrecht, staatliche Souveränität und Integrität haben für die USA keine Bedeutung. Ethnische und religiöse Minderheiten werden – wie zuvor schon in Zentralasien – benutzt, um erneut eine strategisch wichtige Region zu destabilisieren, um nationale Regierungen zu schwächen und um den Einfluß anderer – Rußland, Iran und China – zurückzudrängen.

Entwickeln lokale und/oder regionale Partner der USA aber zu viel Eigendynamik, wird ihnen Unterstützung entzogen und Washington wendet sich anderen Partnern zu. Das Projekt eines kurdischen Staates im Nordirak ist auf diese Weise gescheitert. Die USA unterstützten den kurdischen Regionalpräsidenten Masud Barzani massiv – auch durch den Partner Deutschland, der Waffen schickte und Peschmerga ausbildet. Die massive israelische Unterstützung für eine kurdische Unabhängigkeit allerdings wirkte kontraproduktiv und ließ im Iran, in der Türkei und im Irak alle Warnlampen angehen. Man werde »kein zweites Israel« dulden, hieß es unisono in Bagdad und Teheran. Die Grenzübergänge in die kurdische Region wurden geschlossen, Warenlieferungen eingestellt. Internationale Flüge nach Erbil und Sulaymania wurden gestoppt, dann nahm die irakische Armee die Erdölfelder von Kirkuk und den Grenzübergang in die Türkei wieder unter ihre Kontrolle.

Karten werden neu gemischt

Die kurdischen Peschmerga rollten ihre Fahnen ein und zogen sich zurück. Manche warfen den kurdischen Einheiten Verrat vor, doch der Rückzug rettete vermutlich nicht nur das Leben der Peschmerga, sondern das Leben vieler anderer Menschen dazu. Eine neue Frontlinie innerhalb des Irak wollten und konnten auch die Kurden nicht riskieren. Barzani kündigte seinen Rückzug an. Die Karten in den kurdischen Gebieten Nordiraks werden neu gemischt, in dem »Großen Spiel« werden sich auch die syrischen Kurden neu positionieren müssen.

Selbst wenn die USA Barzani hätten unterstützen wollen, gegen die neue Einigkeit der Regionalmächte Iran, Irak und Türkei konnte Washington nichts ausrichten. Diese neue Einigkeit kam durch das Engagement Rußlands in Syrien zustande und dadurch, daß Moskau den beiden Regionalmächten militärische und wirtschaftliche Alternativen bot. Sowohl die Türkei als auch der Iran liegen direkt in der russischen Einflußsphäre und gelten mit dem Mittleren Osten in Moskau als »Südfront«. Moskau – das sich deutlich von den politischen Problemen nach dem Ende der Sowjetunion erholt hat – hat aus dem »Großen Spiel« um Zentralasien und aus der Niederlage in Afghani­stan Lehren gezogen. Rußland wird seinen Einfluß in Westasien nicht aufgeben, das hat es mit dem militärischen Eingreifen in Syrien (2015) gezeigt.

Die Entschlossenheit, mit der Rußland in Syrien vorgeht, ist Teil des russischen Erfolgs in der Region. Die Regionalmächte erkennen die russische Führung an, weil Rußland führt. Selbst Saudi Arabien – dessen Königshaus mit der US-amerikanischen Öl-Elite seit Generationen eng verbunden ist – schickte Anfang Oktober König Salman höchstpersönlich zu einem Staatsbesuch nach Moskau. Dort bedankte man sich für den erwiesenen Respekt und kassierte milliardenschwere Verträge ein.

Die Arroganz der westlichen Macht hat ihren Preis

Anders als die USA und EU-Europa verfügt Rußland in Westasien über tief verwurzelte Beziehungen. In Moskau versteht man mit verschiedenen Ethnien und Religionen umzugehen, man weiß um die Gefahren des politischen Islam. Anders als USA und EU haben russische Diplomaten und Militärs seit Beginn des Krieges in Syrien den Gesprächsfaden mit allen Seiten des Konflikts aufrechterhalten. Russische Diplomaten waren rund um die Uhr unterwegs, führten Gespräche und Verhandlungen beim UNO-Sicherheitsrat in New York, bei den Regionalmächten, mit der politischen und militärischen Opposition, mit den Kurden. Immer wieder kamen aus Moskau Gesprächs- und Lösungsangebote, und mit Hilfe professioneller russischer Medien wurden der weltumspannenden westlichen Mediendarstellung weitere Fakten und Sichtweisen gegenübergestellt. Wenig kreativ reagierte das EU-Parlament im November 2016 mit einer Resolution, in der vor »Propaganda aus Rußland und von Islamistischen Terrorgruppen« gewarnt wird. Eine Auseinandersetzung mit der russischen Position und den politischen Argumenten aus Moskau und von deren Verbündeten findet kaum statt.

Die Arroganz der westlichen Macht hat ihren Preis. Mit der Auflösung der Sowjetunion (1990/91) schien die Machtfrage weltweit zugun­sten der einzigen Weltmacht USA und ihrer Partner geklärt, man proklamierte gar »das Ende der Geschichte«. Während der Warschauer Pakt sich auflöste, blieb die NATO bestehen. Die USA und ihre westlichen Verbündeten banden ehemalige sowjetische Republiken nicht nur in die Europäische Union, sondern militärisch in die NATO ein, die sich sukzessive nach Osten ausdehnte. Mit Kriegen in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien versuchte die USA ihren Machtanspruch als einzige Weltmacht auszubauen. Doch nicht nur Rußland, auch China und regionale Machtzentren der BRICS –Staaten in Asien (Indien), Lateinamerika (Brasilien) und Afrika (Südafrika) wollten sich dem Alleinvertretungsanspruch der USA nicht beugen. In der arabischen Welt ist Rußland heute Ordnungsmacht. Die EU steht vor einem politischen Scherbenhaufen in Syrien und in der Region, die USA suchen nach einem gesichtswahrenden Rückzug.

China, das zukünftig wohl der größte Gegenspieler der USA sein wird, hat die letzten 20 Jahre genutzt, um sich wirtschaftlich auszudehnen, ohne den militärischen Aufbau zu vernachlässigen. Mit einem regen Handel in aller Welt verbindet Peking nationale Eigeninteressen (Ressourcensicherung) mit dem Angebot an die Gaststaaten, sich mit chinesischem Know-how zu entwickeln. Das chinesische Projekt der »Neuen Seidenstraße« soll zukünftig zu Land und zu Wasser die chinesischen Wirtschaftsinteressen verbinden. Die Staaten, die von den USA und der EU in Zentral- und Westasien auf einer »Achse des Bösen« verortet werden – Iran, Irak, Syrien – sind heute strategische Partner Chinas und Rußlands, die ihrerseits eine strategische Partnerschaft miteinander verbindet. Weder China noch Rußland sind bereit, die von ihnen markierte Interessenssphäre bis zum östlichen Mittelmeer aufzugeben. Kooperation mit den USA und deren Partnern dabei ist möglich, Unterwerfung nicht.

Karin Leukefeld, Damaskus

Karin Leukefeld, Damaskus

Der talentierte Mr. Brett McGurk (2.v.r.), Sondergesandter des USA-Präsidenten für den »Kampf gegen den IS«, am 29. Juni 2017 auf syrischem Territorium, zusammen mit US-amerikanischen, britischen und kurdischen Offizieren in der soeben befreiten Stadt Tabqa, rund 55 km westlich von Rakka (Foto: AFP)

Freitag 10. November 2017