Immer mehr Deutsche kämpfen mit Schulden

Düsseldorf – Die Konjunktur brummt, die Zahl Arbeitslosen ist auf den niedrigsten Stand seit 1990 gesunken – so lauten die offiziellen Meldungen. Dennoch können immer mehr Menschen in Deutschland ihre Schulden nicht mehr bezahlen. Laut dem am Donnerstag veröffentlichten »Schuldneratlas Deutschland« der Wirtschaftsauskunftei Creditreform stieg die Zahl der überschuldeten Personen in der Bundesrepublik in diesem Jahr um rund 65.000 auf über 6,9 Millionen. Bei gut jedem zehnten Erwachsen sind demnach die Gesamtausgaben dauerhaft höher als die Einnahmen.

Dabei ist Überschuldung längst nicht mehr allein ein Problem der Bundesbürger mit geringem Einkommen. Im Gegenteil: In diesem Jahr stammten laut Creditreform praktisch alle neuen Überschuldungsfälle aus der Mittelschicht. Die Zahl der Fälle aus den »gehobeneren Schichten« und den »unteren Schichten« habe dagegen leicht abgenommen, berichteten die Forscher.

Gerade für die Betroffenen aus der Mittelschicht ist es aber sehr schwer, mit den persönlichen und sozialen Auswirkungen der Überschuldung umzugehen, so das Ergebnis einer Studie der Universität Duisburg-Essen. Denn Überschuldung gelte in der Mittelschicht als Stigma. Die Folge sei häufig eine – oft aufgrund von Scham – selbst gewählte soziale Isolation der Betroffenen.

Die Gründe für den Sturz in die Überschuldung haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Zwar ist nach wie vor Arbeitslosigkeit der Hauptauslöser für Überschuldungsprozesse, wie das Statistische Bundesamt herausfand. Doch in den letzen Jahren gewannen Erkrankungen, Suchtprobleme und Unfälle, aber auch unwirtschaftliche Haushaltsführung immer größere Bedeutung als Auslöser für Überschuldungsfälle.

Überdurchschnittlich stark zugenommen hat 2017 erneut die Altersüberschuldung. Vier von fünf neuen überschuldeten Personen sind älter als 50. Die Zahl überschuldeter Senioren im Alter ab 70 stieg sogar um rund 12 Prozent auf 194.000. Zwar sei Altersüberschuldung immer noch vergleichsweise selten, »aber da bewegt sich die Überschuldung hin«, heißt es bei Creditreform.

Eine immer größere Rolle bei der Überschuldungsproblematik spielen außerdem Frauen. Von den neuen Überschuldungsfällen entfielen 2017 rund 60 Prozent auf Frauen. Besonders häufig geraten alleinerziehende Mütter in die Schuldenfalle.

Das Gesamtvolumen der Schulden bezifferten die Experten auf rund 209 Milliarden Euro. Die höchste Überschuldungsquote unter den Bundesländern verzeichnete mit knapp 14 Prozent Bremen, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Berlin. Am geringsten war die Überschuldung erneut in Bayern (7,47 Prozent) und Baden-Baden-Württemberg (8,31 Prozent). Die Stadt mit der höchsten Überschuldungsquote war Bremerhaven. Ein »Hotspot« der Überschuldung sei auch das Ruhrgebiet, berichteten die Experten.

Für die nahe Zukunft gehen die Experten von Creditreform davon aus, »daß die Überschuldungszahlen, nicht nur in den nächsten Monaten, weiter ansteigen werden.« (dpa/ZLV)

(Foto: dpa)

Freitag 10. November 2017