Offene Zukunftsmusik :

Luxemburg 2060 ohne Politikwandel

Im vergangenen März hat Eurostat seine Prognose für Luxemburgs Bevölkerung im Jahre 2060 von vorher über 1,1 Mio. auf unter 1 Mio. heruntergesetzt. Dies mit der Begründung, bis dahin sinke in 16 EU-Mitgliedsstaaten, darunter die BRD, die Einwohnerzahl, während sie sonstwo stagniere, weshalb Luxemburg Schwierigkeiten bekäme, genügend Immigranten zu finden. Daß da in Afrika ein paar Millionen zu finden sein könnten, kam Eurostat nicht in den Sinn.

Da Eurostat nur mit Geburten und Sterbefällen arbeitet, fällt unter den Tisch, daß die Bevölkerung Luxemburgs zu 80% durch Einwanderung wächst, die das Ergebnis der Wirtschaftsentwicklung ist. Das hat nun das Luxemburger Statistikamt berücksichtigt und gestern seine Projektionen vorgestellt.

Was wissen wir von 2060?

Die Bezeichnung »Projektionen« ist bewußt gewählt, denn eigentlich wissen wir von der Zukunft nichts. Es ist daher keine Vorschau möglich, sondern nur das Erstellen von Szenarien.

Tatsächlich wissen wir von 2060 nur, daß alle heute Lebenden, falls sie bis dahin nicht gestorben sind, 43 Jahre älter sind als heute. Wie viele Wirtschaftskrisen und welche es bis dahin gegeben hat, ob sich der Klimawandel beschleunigt oder verlangsamt hat, die EU und das USA-Imperium noch Bestand haben oder nicht, ein Dritter Weltkrieg verhindert wurde, gerade läuft oder vorbei ist, der Kapitalismus beseitigt wurde, können wir unmöglich voraussagen.

So wird vom Statec getan, als bliebe alles im politischen Bereich, wie es heute ist. Die Annahme ist reichlich unrealistisch, schließlich muß sich sehr viel ändern, selbst damit alles gleich bleiben kann im Verhältnis von Kapital und Arbeit.

Vorausgesetzt wird:

Bis 2021 wird das Wirtschaftswachstum nach den Zahlen im Stabilitätspakt angenommen, also +4,8% für 2017 und 2018, +4,5% für 2019, +2,9% 2020 und +2% 2021. Annahme: wir haben Hochkonjunktur, und die geht zu Ende.

Das blendet aus, daß Luxemburg dadurch, daß es von Betrieben weniger Steuern und Taxen nimmt als die drei Nachbarländer sowie ein Drittel der Sozialbeiträge übers Budget zahlt, die Großregion kannibalisiert und alle Produktionsbetriebe aus ihr abzieht. Das macht Luxemburg in hohem Maß von Konjunkturschwankungen unabhängig, besonders weil Betriebe, die in den drei Nachbarländern Probleme kriegen, diese lösen können, indem sie nach Luxemburg umziehen.

Natürlich ist irgendwann die Großregion ausgelutscht, und dann bleiben nur noch neu anzuziehende Betriebe von außerhalb. Das wird aber kaum schon 2020 so weit sein, weswegen die obige Schätzung wohl in die Rubrik Zweckpessimismus gehört.

So viel zur Wahrscheinlichkeit dieser Vorausschau. Je weiter wir uns entfernen, desto weniger wahrscheinlich werden die Annahmen. Von 2022 bis 2030 beruhen die Statec-Rechnungen auf dem errechneten Wachstumspotential der Luxemburger Wirtschaft von 3%. Das ist bereits hoch spekulativ und berücksichtigt die vorher dargelegte Besonderheit Luxemburgs nicht, die von Eurostat übrigens völlig ignoriert wird. Alles von 2031 bis 2060 nennt der Statec nun in aller Vorsicht nicht mehr Prognosen, sondern Projektionen. Das heißt also nicht mehr als: wenn A eintritt, tritt B ein und daraus folgt rein rechnerisch C.

Ergebnisse der Rechenspiele

Kommt es bis 2030 so wie angenommen, landet das Land bei 770.000 Einwohnern nach heute 591.000.

Aktuell liegt das Luxemburger Lohnniveau 50% über dem der Nachbarländer. Das hat, auch wenn’s der Statec nicht sagt, natürlich damit zu tun, daß auch fürs Salariat die Steuern niedriger sind in Luxemburg als rundherum und hier ein Drittel der Sozialbeiträge aus dem Budget kommen. Darauf kommt eine höhere Produktivität und mehr Arbeitsstunden im Jahr. Je nachdem, wie’s nach 2030 weitergeht (bis dahin würde sich bei den genannten Annahmen daran nichts ändern), hat das andere Folgen – nicht nur für die Zahl der Grenzgänger, der Einwanderer und der Einwohner.

Kommt es zur Stagnation – also +0% – steigt die Produktivität nur mehr um +0,1%, das Lohnniveau liegt dann 2060 nur mehr 8% über den Nachbarländern, was zu nur noch +3.500 im Jahr bei den Einwohnern und somit zu 996.000 am Ende führt.

Kommt es (wie gerade jetzt) ab 2031 zu +4,5%, bringt das +2,8% bei der Produktivität, was zu einem Lohnniveau führt, das 70% über dem der Nachbarn liegt. Daraus gibt’s +16.100 bei den Einwohnern und somit am Ende 1.162.000 im Lande.

Die Zwischenszenarien von +3% und +1,5% liegen logischerweise dazwischen, wobei der Unterschied im Lohnniveau bei +3% ziemlich wie heute bleibt, bei +1,5% aber nur mehr 27% überm Umland liegt. +1,5% führt zu einer Bevölkerung knapp über 1 Mio., +3% zu knapp unter 1,1 Mio.

Egal mit welcher Annahme nimmt die Zahl der unter 15jährigen zu (+83% bei +4,5 und +48% bei +0%), obwohl der Anteil von heute 16% an der Bevölkerung auf 14-15% sinkt. Der Anteil der über 65jährigen wächst von heute 39% auf 44-46% (+239% bei +4,5% oder +230% bei +0%), weil wir halt alle länger leben als früher. Und folglich sinkt der Anteil derer dazwischen, auch wenn die Zahl steigt – um 290.000 oder +71% bei +4,5% bzw. um 165.000 oder +40% bei +0%.

Ach ja, da sind noch zwei weitere Annahmen. Weil die Zuwanderer mehr Kinder kriegen als »Stacklëtzebuerger« wird es statt 1,57 Kinder pro Frau heute 2060 dann 1,71 Kinder pro Frau geben. Und weil in den letzten 10 Jahren der Zuwachs ausländischer Arbeitskräfte zur Hälfte aus Grenzgängern und Einwanderern kam, wird das auch in Zukunft so angenommen.

Kommt es anders, haben die Annahmen nicht gestimmt oder die Politik ist eine andere geworden, wozu wir gerne beitragen wollen!

jmj

Letzte Absprache vor der Statec-Pressekonferenz, bei der Tom Haas, Demograph François Peltier, Direktor Serge Allegrezza und Pressesprecher Christian Welter (von links nach rechts) erklärten, was sie wie gerechnet hatten.

Freitag 10. November 2017