Unser Leitartikel:
Jeder gegen jeden?

In den letzten Wochen ereigneten sich, wie fast jedes Jahr in der dunklen Jahreszeit, wieder zahlreiche Unfälle mit mehr oder minder schwerem Ausgang, die alle gemeinsam hatten, daß ein dem Wetter und den Sichtverhältnissen unangepaßtes Verhalten den Unglücken vorausging.

Doch für rüpelhaftes verhalten muß es nicht einmal mehr Winter sein: Die vier gelben Lämpchen an den Ecken eines Autos werden, obwohl beim Autokauf mitbezahlt, immer seltener in den dafür vorgesehenen Situationen eingesetzt. Mit Freude benutzt werden sie allerdings alle gleichzeitig, den das bedeutet: »Wo kein Parkplatz ist, wird für mich einer gemacht«. Auf Bürgersteigen, in Einfahrten, an Bushaltestellen oder sogar an Kreuzungen: Die Fußfaulheit greift um sich und wer dreist ist gewinnt. Die anderen suchen halt 20 Minuten nach einem Parkplatz.

Dieses Ellenbogenverhalten zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Verkehr. Vorfahrt genommen, Reißverschlußsystem mißachtet trotz (theoretischer) Strafandrohung, Fahren ohne Licht. Gefährlich wird es dann erst, wenn die Achtsamkeit gegenüber anderen, nicht motorisierten Verkehrsteilnehmern darunter leidet. Ein Zebrastreifen ist in Thionville genauso ein Zebrastreifen wie in Esch/Alzette oder in Trier. Unterschiedlich sind offenbar allerdings die Lerninhalte der jeweiligen Fahrschulen oder vielleicht doch die Interpretation des Fahrzeugnutzers.

Doch wenn in den vergangenen Tagen vor allem die Autofahrer wieder mal ihr Fett abbekommen, dürfte die Rüpelquote bei Radfahrern und Fußgängern nicht wesentlich geringer sein. Radfahrer bekommen medial zu jeder Stunde gesagt, daß sie die neuen Herren im Straßenverkehr seien, moderne Radwege entstehen neben knöchelbrechenden Flickenteppichen von Fußwegen. Mancher Radfahrer mag keine roten Verkehrsampeln und nötigt schon mal den fließenden Querverkehr zu Vollbremsungen, verwandelt ausgewiesene Wanderwege in Cyclocross-Pisten und hält von Helm und Beleuchtung auch nicht immer viel. Durchschnittlich könnte man sagen, gibt es also unter den Radlern ebenso viele Rowdies, wie bei der motorisierten Fraktion. Und wie schaut es bei den Fußgängern aus?

Rezent wurde mitgeteilt, ein Fußgänger sei angefahren worden, als er zwischen zwei parkenden Bussen auf die Straße lief. Fußgänger sind, da selten selbst beleuchtet, vor allem auf das Gesehen-Werden durch andere Verkehrsteilnehmer angewiesen und nicht davon freigesprochen, sich ebenfalls verantwortungsbewußt im Straßenverkehr zu benehmen. Leider gibt es auch hier eine große Anzahl Personen, die sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. Nicht nur die dunkle Kleidung zur dunklen Jahreszeit ist hier ein Problem, sondern etwa auch das unvermittelte auf die Straße laufen, trotz nahem Zebrastreifen oder bei roter Fußgängerampel.

Wir stellen also fest, daß, auch wenn er als stärkster Verkehrsteilnehmer die größte Verantwortung trägt, der Autofahrer beileibe nicht das einzige schwarze Schaf im Straßenverkehr ist. Die neuen »Begegnungszonen«, die in immer mehr Ortszentren entstehen, sollen alle Verkehrsteilnehmer gleichberechtigen. Dies haben wohl viele Menschen nicht verstanden, die dem Autofahrer an solchen Orten gegenüber den anderen jedes Recht abzusprechen scheinen.

Regeln gänzlichst abzuschaffen, wo sie kaum noch eingehalten werden, scheint nicht die beste Idee zu sein, um wieder Disziplin in den Straßenverkehr zu bekommen. Und auch über die Lichtverhältnisse an Zebrastreifen oder Kreuzungen sollte dringend einmal nachgedacht werden.

Christoph Kühnemund

Donnerstag 21. Dezember 2017