Finanzplatz London

Die »Brexit«-Story beginnt jetzt erst. Was bisher an Kriegsgeschrei zwischen der Rest-EU und der Regierung des britischen Königreiches stattfand, war nur Vorgeplänkel. Der Präsident der Bank von England, der Kanadier Mark Carney, hat die Position der City of London deutlich gemacht. Damit ist der Finanzplatz gemeint, also dieses ziemlich einmalige Geflecht von Geldinstituten, die sich im östlichen Zentrum der Inselhauptstadt drängen und die noch vor New York, Tokio und Hongkong die Finanzgeschäfte des Globus unter sich ausmachen.

Die »City« ist der wichtigste Wirtschaftszweig in Britannien. Die enormen Geldsummen, die als Gebühren bei den Finanzdeals anfallen, finden über die in den oberen Etagen mit Geld überschütteten und über die nur relativ gut bezahlten einfachen Bankangestellten ihren Weg in die britische Wirtschaft. Die Immobilienpreise im Südosten Englands sind in drei Jahrzehnten rasant gestiegen und haben auch den Bankenkrach 2007/08 gut überstanden.

London ist erster Finanzplatz für die Welt, aber in besonderem Maße auch für die EU. Dabei macht es nichts aus, daß Britannien 1999 nicht bei der Euro-Währungsunion dabei war. In London wird in allen Währungen gehandelt, einschließlich US-Dollar. Wichtig ist aber, daß sich Britannien in der EU befindet. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde die internationale Deregulierung auch auf die Finanzdienstleister ausgedehnt, was in der EU Niederlassungsfreiheit hieß.

Aus gutem Grund sind Finanzgeschäfte eng mit der jeweils nationalen Politik verbunden. Die Regierung formuliert die Gesetze, wie sie gebraucht werden, sie beaufsichtigt die Banken und überläßt ihnen die (im Regelfall sehr profitable) Kredit- und Geldversorgung, sowie die (im Regelfall sehr profitable) Finanzierung der Staatsschulden. Die in der EU praktizierte Niederlassungsfreiheit bedeutete bisher, daß die Banken in London von dort aus ihre Geschäfte in Helsinki, Lissabon, Palermo oder München machen konnten. Wenn Britannien aus der EU ausscheidet, ist dieser schöne Zustand beendet, es sei denn, er wird durch einen Vertrag ausdrücklich fortgesetzt.

Darum geht es für die Briten. Carney hat am vergangenen Mittwoch vor den Parlamentsabgeordneten noch einmal dargestellt, was London dem Kontinent an Finanz-Know-How bieten kann: »Das britische Finanzsystem ist bei den kompliziertesten Finanzierungen praktisch der Banker für Europa.« Die dabei entstehenden Größenvorteile könnten für beide Seiten von erheblichem Nutzen sein. Carney widersprach Michel Barnier, Beauftragter der EU-Kommission für die Austrittsverhandlungen, der behauptet hatte, ein Freihandelsabkommen könne nicht zugleich auch die Freiheit der Finanzdienstleistungen abdecken.

Carney kündigte an, daß er als britische Bankenaufsicht den Banken vom Kontinent auch nach dem Brexit erlauben werde, in Britannien Finanzgeschäfte machen zu können, ohne dafür teure Tochterbanken gründen zu müssen. Er und die gesamte »City« erwarten, daß das umgekehrt auch erlaubt wird. Man kann sich kaum vorstellen, daß es anders kommt. Dafür ist die Sache für das Finanzkapital zu wichtig. Nur, was ist der Preis dafür?

Lucas Zeise

Die »City« ist der wichtigste Wirtschaftszweig in Britannien (Foto: dpa)

Donnerstag 28. Dezember 2017