Neokolonialismus

Um 1960 herum schien der Kolonialismus geschlagen, zumindest auf dem Rückzug. Kwame Nkrumah (1909–1972), der 1957 die britische »Gold Coast Colony« in die Unabhängigkeit geführt und sie Ghana genannt hatte, prägte damals den Begriff Neokolonialismus, der rasch in politischen Dokumenten auftauchte. So empfahl die »Allafrikanische Völkerkonferenz« 1960 in Tunis allen Regierungen der unabhängig werdenden Staaten, »bei der Auflösung der neokolonialistischen Gruppen, insbesondere jeglicher ausländischer Militäreinrichtungen auf ihren Territorien, aktiv zu werden«.

Damals war der Algerien-Krieg noch nicht beendet, Frankreich hatte vielmehr im Februar 1960 demonstrativ seine erste Atombombe in der algerischen Sahara gezündet. Dem folgte eine Testserie bis April 1961, die von wütenden Massenprotesten etwa in Tunesien begleitet wurde. Auch die Präambel der Charta der 1963 gegründeten »Organisation für Afrikanische Einheit« (OAU) forderte, »den Neokolonialismus in all seinen Formen zu bekämpfen«. In Anlehnung an Lenins »Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus« veröffentlichte Nkrumah schließlich 1965 »Neokolonialismus – das letzte Stadium des Imperialismus«.

Der Begriff fand sofort Eingang in die Debatten linker Intellektueller in Westeuropa und den USA. So veröffentlichte der Philosoph Jean-Paul Sartre (1905–1980) 1964 den vieldiskutierten Band »Kolonialismus und Neokolonialismus«.

Neokolonialismus wird zumeist als Fortsetzung des »klassischen« Kolonialismus mit anderen Mitteln definiert. Nkrumah erklärte, beiden gemeinsam sei das Bestreben, die sozialen Konflikte in den kapitalistischen Ländern nach außen zu tragen. Der zeitweilige Erfolg des Neokolonialismus bestehe darin, daß die Kluft zwischen Reichen und Armen weltweit größer werde. Vor allem aber analysierte er die mit neokolonialer Politik verbundenen Methoden, als habe er 50 Jahre vorwegnehmen können.

Punkt für Punkt läßt sich festhalten: Geändert hat sich seit damals nichts. So schreibt Nkrumah, ein neokolonial beherrschter Staat verfüge zwar über alle Symbole der Souveränität, in Wirklichkeit werde er aber »von außen gelenkt«. Das geschehe in verschiedenen Formen: Im »extremen Fall« Stationierung einer Garnison, öfter aber Anwendung wirtschaftlicher und geldpolitischer Mittel: »Der neokoloniale Staat kann verpflichtet werden, Fertigwaren ausschließlich von der imperialistischen Macht zu beziehen unter Ausschluß von Wettbewerbern.« Als hätte er so etwas wie den EU-Afrika-Gipfel in Abidjan am 29. und 30. November 2017 mit seinem »Geld statt Flüchtlinge«-Motto vorhersehen können, zählte er 1965 auf: Zahlungen für Kosten des Staatsapparates, Vertrauenspersonen der Geldgeber in wichtigen Funktionen, Kontrolle des Geldverkehrs mit dem Ausland durch Errichtung eines von den imperialen Mächten kontrollierten Zentralbanksystems.

Laut Nkrumah sind frühere Kolonial- und Neokolonialmacht meist identisch, aber nicht zwangsläufig. Das zeige das Beispiel Südvietnam, wo die USA Frankreich abgelöst hätten. Kontrolle könnten nichtstaatliche Finanzkonsortien ausüben, Beispiel Kongo. Neokolonialismus sei im Atomzeitalter ein Nährboden für »begrenzte Kriege«, etwa um ein gefügiges Regime zu etablieren. Insofern handele es sich um die »übelste Form des Imperialismus«. Früher hätten sich Regierungen wegen der Lage in den Kolonien rechtfertigen müssen. Das entfalle nun.

Was Nkrumah nicht ahnen konnte: Mitten in den seit dem Ende der Sowjetunion vom Westen angezettelten Kriegen für ein Rollback der kolonialen Befreiung entdecken gerade dessen Medien und Politiker, daß Chinas Investitionen in Afrika »Neokolonialismus« sind. Welch Glück, daß die französische Fremdenlegion, die deutsche Bundeswehr und verbündete Truppen völlig uneigennützig schon da sind. Nkrumah sah das falsch.

Arnold Schölzel

Emmanuel Macron besuchte auf seiner ersten Reise nach Übersee in Begleitung von Armeeministerin Sylvie Goulard und Außenminister Jean-Yves Le Drian sowie des Generalstabschefs der Armee, General Pierre de Villiers, am 14. Mai 2017 seine Truppen in Mali (Foto: EPA)

Mittwoch 10. Januar 2018