Bilder der Zerstörung

Sechs Monate nach der »Befreiung« der Stadt Mossul warten die Einwohner weiter vergeblich auf Hilfe

Eine Drohne trägt die Kamera über die Altstadt der nordirakischen Stadt Mossul, die westlich des Tigris liegt. Bis zur »Befreiung« im Sommer 2017 war sie von den Kämpfern des selbst ernannten »Islamischen Staates« kontrolliert worden. Die Bilder der Zerstörung, von Tod und Vergessen erschüttern.

Die fast ununterbrochenen Luftangriffe der USA-geführten »Anti-IS-Koalition« hatten im Oktober 2016 begonnen. Im Juli 2017 hatten sich die Spezialeinheiten der irakischen Regierung bis in die Altstadt vorgekämpft. Die Elite des »IS« hatte sich zu dem Zeitpunkt schon längst Richtung Westen, nach Syrien aufgemacht oder war – auf offiziell ungeklärten Wegen – dem Inferno entkommen. Viele Gotteskrieger hatten sich mit ihren Familien unter die Flüchtlinge gemischt, die in endlosen Schlangen auf Aufnahme in einem der Flüchtlingslager östlich von Mossul hofften.

Im Juli 2017 wurde die »Befreiung« von Mossul verkündet. Nach den obligatorischen Siegerfotos machten sich die »Befreier« wieder aus dem Staub. Die Überlebenden sind seitdem vor allem damit beschäftigt, Trümmer zu beseitigen und Tote zu begraben.

Von Staub bedeckte Leichen, die aus den Trümmern herausragen

Die Drohnenkamera der russischen Nachrichtenagentur Ruptly TV folgt den freigeräumten Straßen der Trümmerlandschaft. Die niedrigen, traditionellen Lehm- und Schenaschil-Häuser mit ihren markanten Holzerkern rechts und links sind zerstört. Bizarr aufgerichtet ragen Autowracks hervor, manchmal sind mehrere Fahrzeuge ineinander verkeilt. Dann sieht man von Staub bedeckte Leichen, die aus den Trümmern herausragen: Ein Mädchen in einem zerrissenen Kleid, die langen blonden Haare sind in einem Zopf nach hinten zusammengeflochten. Hinter ihr ragt ein Arm in den Himmel, die Hand geöffnet, als wolle sie nach etwas greifen. Darunter ein anderer Arm. Ein Kopf mit kurzem verstaubtem schwarzen Haar und verbranntem Gesicht ist unter einem Autoreifen zu sehen, erst auf den zweiten Blick sieht man auch hier einen Arm, der unter dem Fahrzeug hervorragt und sich kaum von den Trümmern unterscheidet, auf denen er liegt.

Der Video Clip ist Teil einer Dokumentation über Mossul und reißt die Toten aus dem Vergessen. Wer mag sie gekannt haben, waren sie auf der Flucht oder auf dem Weg um Wasser und Brot zu finden? Vielleicht hatten sie vor Angriffen Schutz gesucht, hinter einer Mauer, hinter einem Auto, wird ihre Geschichte jemals erzählt werden?

Einwohner, die zurückgekehrt sind, versuchen sie mit Schaufeln, Stöcken und mit den bloßen, in Plastikhandschuhen steckenden Händen zu bergen. Um dem Geruch des Todes und dem Staub zu trotzen haben sie sich Tücher vor Mund und Nase gebunden. Das tote Mädchen und die anderen Leichen wurden von Bewohnern des Viertels Al Makkawi in der Altstadt von Mossul gefunden. Sie wollten dort in Eigenregie aufräumen.
Die Regierung

und die USA-Koalition hatten Hilfe versprochen

Die Aufnahmen stammen von Dr. Bashar al-Khafaji, der bei der Bergung dabei war. »Eine große Zahl Leichen waren in den Straßen und Häusern verteilt«, erinnert er sich. Der Geruch sei »unerträglich« gewesen. »Es sah aus, als seien die meisten Leichen Zivilisten gewesen, Frauen, Kinder, alte Leute.« 500 Tote wurden schließlich in dem Viertel geborgen und in die städtische forensische Abteilung gebracht. Es gebe noch mehr Tote, sagte der Leiter der Abteilung Laith Ibrahim. Die Regierung und die USA-Koalition hätten Hilfe versprochen, doch seit sechs Monaten sei nichts geschehen.

Nach UNO-Angaben sollen mindestens 2.521 Zivilisten bei der »Befreiung« von Mossul getötet und 1.621 verletzt worden sein. Das Leichenschauhaus in Mossul nennt andere Zahlen. Dem USA-Radiosender NPR sagte der Direktor des Leichenschauhauses, Raid al-Abadi, daß zwischen Oktober 2016 und Juli 2017 genau 4.865 Totenscheine ausgestellt worden seien. »Es gibt noch ganze Familie, die unter den Trümmern begraben sind«, so Al-Abadi. »Wir müssen sie noch bergen.« 400 Tote seien noch nicht identifiziert, Tote seien in Parks und Gärten beerdigt worden.

Die UNICEF hat nun auf die desolate Lage der Kinder in Mossul Stadt und Umland hingewiesen. Bis zu 750.000 Kinder hätten keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Nur 10 Prozent der ursprünglichen Kliniken, Praxen und Gesundheitszentren seien intakt, mehr als 60 medizinische Einrichtungen seien durch die Kämpfe seit 2014 ganz oder teilweise zerstört. »Für Schwangere, Neugeborene und Kinder« sei die Lage »alarmierend«, sagte der UNICEF-Vertreter im Irak, Peter Hawkins nach einem Besuch des Al Khansa Krankenhauses in Mossul.

Hintergrund des UNICEF-Hilferufes dürfte eine Geberkonferenz für den Irak sein, die vom 12. bis 14. Februar 2018 in Kuwait-City stattfinden wird. Dort soll Geld für den Wiederaufbau gesammelt werden und UNICEF will 17 Millionen US-Dollar einwerben, um Gesundheitszentren im Irak besonders für die Kinder wieder aufzubauen.

Seit dem Ende der Kämpfe keine Hilfsmittel gesehen
Gebraucht würden diese und noch viel mehr schon, doch für die Bevölkerung von Mossul klingen die finanziellen Versprechungen wie Hohn. Niemand von der Koalition sei gekommen, um zu fragen, was die Menschen brauchen, sagt Nashwan Khairi in der Ruptly-Dokumentation. Seit dem Ende der Kämpfe habe man keine Hilfsmittel mehr gesehen, beklagt sich Khalil Ibrahim. Und Alaa Hashim Hamoudi fordert die Regierung auf, die Bevölkerung von Mossul für ihre Schäden zu kompensieren. »Sie müssen die Straßen in unsere Viertel frei räumen, das Gebiet von den Trümmern befreien und die Leichen vollständig entfernen.« Gesundheit und Leben der Bevölkerung von Mossul seien in Gefahr, Schulen und öffentliche Einrichtungen müßten wieder geöffnet werden, »um sicherzustellen, daß das Leben der Menschen normal weitergehen kann.«

Auf Kritik stößt die weitere Geberkonferenz in Kuwait auch beim BRussels Tribunal, einem Zusammenschluß irakischer Oppositioneller und Experten aus aller Welt, die sich seit Jahren mit der verheerenden Lage im Irak befassen. Man sei dankbar für die Anstrengungen von Kuwait, etwas für den Wiederaufbau des Irak zu tun und »alle Iraker freuen sich, Wiederaufbau statt Zerstörung« in ihrem Land zu erleben. Allerdings sei es nicht die erste Konferenz dieser Art und in den vergangenen 14 Jahren habe der Irak »Hunderte Milliarden US-Dollar erhalten, ohne daß es irgendetwas gebracht« habe. Das Land versinke in Gewalt und Zerstörung, staatliche Institutionen kollabierten, Bildung, Gesundheit, Strom- und Wasserversorgung, Straßen- und Wohnungsbau, überall herrsche Mangel. Das Geld sei »in korrupten Taschen« gelandet. Als Alternative schlägt das BRussels Tribunal vor, die Konferenz oder zumindest die Zahlung von Geldern zu verschieben, bis eine neue, zuverlässige Regierung und professionell ausgebildete Experten im Amt seien, die wirklich für den Aufbau des Irak arbeiten und sich nicht bereichern würden.

Karin Leukefeld

Sechs Monate nach der »Befreiung« bietet sich am 31. Januar 2018 in der Altstadt von Mossul noch immer ein Bild der Zerstörung (Foto: EPA)

Montag 12. Februar 2018