Droht im Nahen Osten ein neuer großer Krieg?

Für Israel endete der jüngste Luftüberfall auf Syrien in einem Desaster. Jetzt will der schlimmste Aggressor im Nahen Osten es erst recht wissen. Droht ein großer Krieg?

In einer dramatischen militärischen Eskalation am Wochenende führte Israel zwei große Luftangriffe in Syrien durch. Beim ersten Angriff des Aggressors trafen die israelischen Kampfflugzeuge vom US-amerikanischen Typ F-16 jedoch auf massives Abwehrfeuer. Dabei wurde nachweislich eine F-16 abgeschossen. Beide F-16 Piloten überlebten, einer wurde schwer verletzt. Laut syrischen Angaben wurden noch weitere israelische Maschinen beschädigt und mußten Reißaus nehmen.

Die offizielle israelische Rechtsfertigung für diese Angriffe war, daß eine angeblich iranische Luftaufklärungsdrohne über der von Israel illegal besetzten Golan-Region aufgetaucht war. Dieser wasserreiche und sehr fruchtbare syrische Landstrich dient Al Kaida verwandten Gruppen von islamistischen Halsabschneidern als Rückzugsgebiet, in dem sie sich von ihren Terrorüberfällen in Syrien erholen können. Dort werden sie von der israelischen Armee nicht nur geduldet, sondern auch unterstützt. Verwundete werden in israelischen Krankenhäusern für den nächsten Einsatz gegen die Kräfte der Assad-Regierung gesund gepflegt.

Die von Syrien kommende Luftaufklärungsdrohne, die mögliche Angriffsvorbereitungen der islamistischen Schützlinge der Israelis erkunden sollte, diente dem Kriegsregime Netanjahus als willkommener Vorwand, wegen der »Verletzung der israelischen Souveränität« einen Angriff mit mehreren Kampfflugzeugen auf angeblich iranische Ziele in Syrien zu befehlen. Laut der israelischen Tageszeitung »Jerusalem Post« wurden jedoch etwa 20 syrische Luftverteidigungsraketen gegen die israelischen Jets während ihrer Flüge über Syrien abgefeuert.

Es scheint, die israelischen Kampfflugzeuge haben ihre Aufträge nicht oder nur unzureichend erfüllt. Die üblichen triumphalen Erfolgsmeldungen Jerusalems fehlen diesmal. Wahrscheinlich waren die Piloten zu sehr damit beschäftigt, dem syrischen Abwehrfeuer auszuweichen. Und zumindest drei der von den F-16 abgefeuerten Luft-Boden-Raketen wurden von syrischen Abfangraketen neutralisiert. Als »Erfolg« konnte die israelische Luftwaffe lediglich den Abschuß einer Drohne durch einen Hubschrauber und die Zerstörung der mobilen Kontrollstation der Drohne am Boden vermelden.

Das Ergebnis der ersten israelischen Angriffswelle gegen Ziele in Syrien am vergangenen Samstag war für Israel ein militärisches, vor allem aber ein politisches Desaster. Militärisch, weil es der erste Verlust eines Kampfflugzeugs Israels seit 1982 war, und politisch, weil es den lange und erfolgreich propagierten Mythos der »unbesiegbaren« israelischen Luftwaffe erschüttert hat. Das konnten das Netanjahu-Regime und die israelische Luftwaffe nicht auf sich sitzen lassen. Die Unverschämtheit, daß die syrische Luftverteidigung es gewagt hatte, die Souveränität des eigenen Landes zu schützen, und das auch noch mit durchschlagendem Erfolg, mußte mit einer zweiten Welle von Vergeltungsangriffen bestraft werden. Aber auch dabei waren die Israelis nicht erfolgreich, und syrische Berichte sprechen davon, daß weitere Kampfjets getroffen und beschädigt worden seien.

Ein Analyst der politisch-militärischen Denkfabrik »International Crisis Group«, Ofer Zalzberg, zeigte sich angesichts dieser jüngsten Entwicklungen »überrascht, daß Syrien den Mut dazu gefunden hat, sich stärker gegen Israels Angriffe zur Wehr zu setzen«. Der Satz verrät, wes Geistes Kind die Israel-hörigen westlichen »Experten« sind, wenn es eine »Überraschung« ist, daß ein Land es wagt, seine Souveränität gegen Israel zu verteidigen.

Die »Überraschung« hat auch die israelische Börse verunsichert. Laut der US-amerikanischen Wirtschafts-Nachrichtenagentur Bloomberg sorgte sich der Chef des führenden israelischen Finanzdienstleisters »Psagot Investment House« darüber, daß diesmal die Konfrontation in Syrien »in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich« gewesen sei und man »jetzt weitere Zusammenstöße befürchten« müsse. Das »Ungewöhnliche« verdeutlichte der Kommentator Herb Keinon in der »Jerusalem Post«, mit dem Bekenntnis, daß Israel am Samstag »seine Aura der Unbesiegbarkeit über dem syrischen Himmel verloren hat«.

Inzwischen nehmen die Befürchtungen zu, daß Israel entschlossen ist, die Blamage nicht auf sich sitzen zu lassen und weiter eskalieren wird. Folgt man einem Bericht der »Jerusalem Post« vom Sonntag, der von langen Kolonnen israelischer Militärfahrzeuge mit Luftabwehrsystemen in Richtung Syrien und Libanon spricht, dann »bereitet sich Israel nach der bedeutenden Konfrontation vom Samstag« jetzt »auf einen Krieg im Norden vor«. Eine Eskalation aber würde mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem überregionalen Krieg im Nahen und Mittleren Osten führen, mit dem Potential, auch die Nuklearmächte USA und Rußland hineinzuziehen.

Israel zwar wenig in einem solchen Krieg zu gewinnen, aber dafür umso mehr zu verlieren. Andererseits wartet die derzeitige israelische Führung schon lange auf eine Gelegenheit zum Losschlagen. Angesichts der Tatsache, daß der israelische Polizeichef Premierminister Netanjahu wegen Korruption verhaften will, juckt es den rabiaten Kriegsverbrecher an der Spitze des israelischen Regierung, der mit seinen bisherigen Angriffskriegen gegen Gaza und den Libanon bereits Tausende von getöteten Männer, Frauen und Kinder auf dem Gewissen hat, wieder mal besonders stark in den Fingern. Denn was lenkt mehr von innenpolitischen Problemen ab als ein Krieg mit dem Nachbarn?

Rainer Rupp

Nicht unbesiegbar: Eine F-16 der israelischen Luftwaffe (Foto: EPA)

Dienstag 13. Februar 2018