»Mini-Crèches« für Kinder von 0-12 Jahre:

Scheinselbständigkeit mit Armutsgarantie?

Von 83.396 Kindern bis 12 Jahren, die im Land wohnen, sind 47.642 (57%) im Dienstleistungsscheck bei jährlich leicht steigender Tendenz. Dieses Jahr sind darüber hinaus 1.340 Kinder von Grenzgängern in Luxemburger Strukturen.

93% sind in Krippen, Tagesfoyers oder Maisons Relais mit vielen Kindern, wenn auch in Gruppen unterteilt. Wo 1-4-Jährige betreut werden, sind schon 94% auf die neue Sprachenförderung in Luxemburgisch und Französisch umgestellt, ohne die es keinen Zugang zu den Dienstleistungsschecks gibt. Bis 1.4. würden daraus wahrscheinlich 100% sagte Claude Meisch gestern der Presse gegenüber.

Neben den großen Institutionen, die in der Regel von Montag bis Freitag in der Zeit von 7 bis 19 Uhr offen haben, gibt es heute die Tageseltern, wo eine Person allein zu Hause bis zu 5 Kinder gleichzeitig und maximal 12 verschiedene ohne Zeitlimit betreut. Außerhalb der Öffnungszeiten der Großen kriegen sie sogar höhere Staatszuschüsse.

Vergangenen Freitag hat der Regierungsrat nun ein Gesetzesprojekt auf den Instanzenweg geschickt, mit dem etwas zwischen den beiden geschaffen werden soll mit dem hübschen Namen »Mini-Crèche«. Die darf bis zu 11 Kinder von 0-12 Jahre, aber nicht mehr als 4 davon unter 1 Jahr, gleichzeitig betreuen zwischen 5 und 23 Uhr an allen Wochentagen, wobei keine Maximalzahl für betreute Kinder festgelegt ist. Dies geht unter allen Rechtsformen – Verein, Gemeinde und alle kommerziellen Gesellschaften.

Es braucht dafür mindestens zwei Personen, von der eine ein Erzieher-Diplom hat und die andere irgendeine Ausbildung im sozial-erzieherischen Bereich, wozu auch das Tageseltern-Diplom zählt. Um Zugang zu den Dienstleistungsschecks zu kriegen, muß für Luxemburgisch und Französisch eine Person mit Niveau C1 da sein.

Die Räumlichkeiten dürfen nicht für andere Wohnzwecke genutzt werden. Es darf aber der Platz für die Mini-Kinderkrippe wie z.B. eine Arzt-Praxis im Parterre eines Einfamilienhauses eingerichtet werden, in dem ansonsten eine der beiden Personen wohnt. Erforderlich sind 3 m² pro betreutem Kind zusätzlich der Nebenräume wie Sanitär und Küche, also dasselbe wie sonst auch.

Die Genehmigungsprozedur sei erleichtert, aber ohne die Qualitäts-Erfordernisse abzusenken. Es braucht also einen Bildungsrahmenplan, der auch die Einbeziehung der Eltern regelt, und es muß Buch geführt werden. Kontrolliert wird wie bei den Großen; verlangt wird auch dieselbe Weiterbildung.

Entsprechend der Regeln der Dienstleistungsschecks zahlt der Staat für die Gratisstunden – bei Mehrsprachenförderung sind das 20 Stunden in der Woche – 6 € pro Stunde mit einem Zuschlag von 0,71 € pro Stunde für ein Kind, das an der Sprachförderung teilnimmt. Bei den restlichen Stunden teilen sich Staat und Eltern die 6 € einkommensabhängig. Für eine Hauptmahlzeit muß mit 4,5 € pro Kind das Auslangen gefunden werden.

Kürzere Wege?

Laut Erziehungsminister soll damit dem Wunsch gewisser Eltern nach kleineren Strukturen mit weniger Personalwechsel in direkter Nachbarschaft am Dorf oder im Stadtviertel entgegengekommen werden. Das könne den Zusammenhalt im Dorf oder im Viertel stärken, wenn Nachbarskinder gemeinsam betreut würden. Zudem sei es in kleineren Strukturen für die Kinder leichter, immer dieselbe Bezugsperson zu haben.

Letzteres sollte eigentlich auch in den Gruppen von größeren Einrichtungen angestrebt werden, wobei bei Krankheit und Urlaub ebenfalls in Mini-Strukturen die Bezugsperson ausfällt. Es bleibt aber wohl der Vorteil immer erhalten, weniger weit fahren zu müssen vor und nach der Arbeit, und jeder Umweg der entfällt schont die Nerven der Staugeplagten, die gezwungen sind, sich vom Wohnort zu den übermäßig in der Hauptstadt und drumherum konzentrierten Arbeitsplätzen zu begeben. Leider gibt es ja da keinerlei Bereitschaft bei den politisch Unverantwortlichen zu einer wirklichen Dezentralisierung des Landes, weswegen wir uns wohl übermäßig freuen sollen über solche Kleinigkeiten.

Armutsgarantie?

Es ist zwar verständlich, wenn sich zwei unter einem tyrannischen Leiter einer Einrichtung Leidende dazu entschließen, sich in die Selbständigkeit zu stürzen mit dieser Karotte, die die Regierung ihnen vor die Nase hält. Doch vom schönen Schein kann niemand leben.

Wenn sie nicht die Möglichkeit haben, das Parterre ihres Einfamilienhauses so umzugestalten, daß die Räume für die Mini-Kinderkrippe passen, sollten sie sich aber die Frage der Wirtschaftlichkeit exakt ausrechnen. Denn bei den schwindelerregenden Miethöhen im Land sind die Beiden sonst sehr schnell beim Kapitel Selbstausbeutung angelangt! Die langen Öffnungszeiten – 18 Stunden an 7 Wochentagen – sind dafür auch ein Risiko, und es muß sich da im vorhinein genau ausgerechnet werden, wie viele Kinder in einer Stunde da sein müssen, damit Kosten und Lohn gedeckt sind.

Das sind natürlich Überlegungen, die nicht von Claude Meisch stammen. Der erhofft sich eine Verabschiedung des Gesetzes spätestens im Juli, damit die Strukturen im Herbst öffnen können. Der Staatsrat wird die aktuelle Regierung wohl recht schnell immer weniger mögen, bei allem was ihr jetzt in letzter Minute noch einfällt, und wo deshalb schnell noch ein zusätzliches Gutachten zu schreiben ist.

Durchaus möglich, daß dieses Projekt dem Wahlfieber geschuldet ist und daß nach ein paar Pleiten in kurzer Zeit niemand mehr von der »tollen Idee« spricht.

jmj

Mittwoch 7. März 2018