Vergiftete Beziehungen

Rußland lehnt Londons Ultimatum ab. Indizien deuten auf »Aktion unter falscher Flagge«

Die Aufregungen um einen mutmaßlich vergifteten früheren russischen Agenten ist zu einem Kräftemessen zwischen Moskau und London geworden. Rußland hat das britische Ultimatum nach dem Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal zurückgewiesen und ebenfalls Konsequenzen angekündigt. »Jegliche Drohungen, Rußland mit Strafmaßnahmen zu belegen, werden nicht unbeantwortet bleiben«, teilte das Außenministerium am Dienstag in Moskau mit. Darauf müsse sich Britannien gefaßt machen.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte: »Rußland ist nicht schuldig.« Er forderte einen kompletten Zugang zu den Ermittlungen und zu den verdächtigen Proben, um eine eigene Analyse der verdächtigen Substanz vorzunehmen. Moskau habe bereits eine offizielle Anfrage dazu gestellt. Rußland sei bereit, mit Britannien auf der Ebene der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) zusammenzuarbeiten, sagte Lawrow.

Skripal und seine Tochter waren am 4. März bewußtlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie befinden sich in einem kritischen Zustand. Skripal hatte den britischen Auslandsgeheimdienst MI6 über russische Agenten im Westen informiert und soll für seinen Verrat etwa 100.000 US-Dollar kassiert haben. 2004 flog der ehemalige Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU auf und wurde festgenommen. Er wurde zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Im Rahmen eines Gefangenenaustauschs kam er 2010 nach Britannien.

In London wird behauptet, bei dem angeblichen Attentat sei ein in der Sowjetunion produziertes, extrem gefährliches Nervengift mit dem Namen »Nowitschok« verwendet worden. Die Ermittlungen in dem Fall werden viele Wochen dauern, hieß es aus Polizeikreisen. Allerdings wurde nicht erklärt, wie das geheim entwickelte Nervengift nachgewiesen werden konnte und woher man in London Kenntnis davon oder gar Proben dieses Gift haben könnte. Ebenso wenig wird in Erwägung gezogen, daß möglicherweise nicht der russische Geheimdienst, sondern andere Dunkelmänner dabei ihre Hand im Spiel gehabt haben können.

In den bürgerlichen Medien werden die Behauptungen aus London ohne Bedenken übernommen, ohne die Frage aufzuwerfen, welches Interesse Rußland am Tod eines abgehalfterten Agenten haben könnte – acht Jahre nach dessen Wechsel unter britische Obhut. Die Tatsache, daß er vom MI6 oder wem auch immer nicht geschützt wurde, deutet darauf hin, daß der Mann offenbar für jeden Geheimdienst der Welt wertlos war, weil er schon alle seine Erkenntnisse ausgeplaudert hatte. Warum sollten russische Geheimdienstleute ausgerechnet zwei Wochen vor den Präsidentenwahlen in Rußland, die überall in der Welt ohnehin mit großem Mißtrauen beobachtet werden, derartig ungeschickt die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Und weshalb sollten sie ausgerechnet ein Gift verwenden – und noch dazu derartig dilettantisch und erfolglos –, das unbedingt auf sein Herkunftsland zurückzuführen sein muß?

Die Umstände des angeblichen Attentats lassen eher andere Schlußfolgerungen zu. Denn Rußland würde, selbst im Fall des Todes des Verräters, keinerlei Nutzen daraus ziehen. Andererseits ergibt der Vorfall dann einen Sinn, wenn man die Reaktionen in der westlichen Welt aufmerksam verfolgt. Britanniens Premierministerin drohte unverzüglich mit Strafaktionen, darunter auch solch zweifelhaften wie Cyber-Angriffe auf russische Computernetzwerke. Die zwangsläufig eingetretene Verschlechterung der ohnehin miserablen bilateralen Beziehungen paßt in die gegenwärtige politische Linie des Westens, entspricht jedoch nicht Rußlands Interessen.

Die EU, die in diesen Tagen Sanktionen gegen »Vertraute von Präsident Putin« verlängert hatte, deutete Unterstützung an. Die deutsche Kanzlerin und der französische Präsident äußerten Empörung. NATO-Generalsekretär Stoltenberg nannte den Einsatz von jeglichem Nervengift »vollkommen inakzeptabel«. Dessen Vorgänger Rasmussen erklärte gegenüber dem Flaggschiff der »freien Medien«, Springers »Bild«-Zeitung: »Die freie Welt muß Putin zeigen, daß diese feindlichen Taten ernste Konsequenzen haben (...)«. Und auch der USA-Präsident zeigte Verständnis für die britische Position, nachdem er kurz zuvor seinen Außenminister per Twitter aus dem Amt geputscht hatte.

ZLV/bro

Mittwoch 14. März 2018