Unser Leitartikel:
Leben in unterschiedlichen Welten Der öffentliche Dienst im finanzkapitalistischen Zerrlicht

»Ist die Krankenschwester, die mehr Spritzen verabreicht als eine andere, besser? Ist eine Erzieherin besser, die mit den Kindern vier Bilder malt statt nur drei? Ist der Arbeiter im Staatsdienst besser, der weniger Streusalz verbraucht als ein anderer?« – diese Fragen warf der OGBL auf, als sich die damalige CSV/LSAP-Regierung vor mittlerweile sieben Jahren daranmachte, dem öffentlichen Dienst ein sogenanntes Leistungsmodell aufzuzwingen.

Daß das keine spitz formulierten Fragen waren, zeigt das Buch »Die bezifferte Welt. Wie die Logik der Finanzmärkte unser Wissen bedroht« des englischen Soziologen Colin Crouch. Die Einführung des sogenannten »New Public Management« in den öffentlichen Dienst Großbritanniens, mit dem das staatliche Gesundheitssystem NHS, Schulen und Universitäten, die öffentliche Verwaltung usw. finanzkapitalistischen Methoden und Strukturen unterworfen wurden, hat vielerorts zu geradezu absurden Entwicklungen geführt.

So habe die Regierung der englischen Polizei Erfolgsquoten für die Aufklärung von Autodiebstählen und von Wohnungseinbrüchen vorgegeben, weil Meinungsumfragen gezeigt hatten, daß das »subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger« vor allem durch diese Straftaten beeinträchtigt wurde. Ein Rückgang in diesem Bereich hätte dem Versprechen wirksamer Kriminalitätsbekämpfung deshalb besondere Glaubwürdigkeit verliehen. »Nicht zuletzt diese Vorgabe führte jedoch dazu«, schreibt Crouch, »daß die Polizeibehörden in mehreren englischen Städten den organisierten sexuellen Mißbrauch von Kindern ignorierten, da diese Verbrechen für ihre Leistungskennziffern nur eine untergeordnete Rolle spielten.«

Anhand unzähliger weiterer Beispiele zeigt Crouch, dessen 2008 auf deutsch erschienenes Buch »Postdemokratie« längst zu den Klassikern sozialwissenschaftlicher Zeitdiagnosen gezählt wird, daß Vergleichswerte und Rankings immer nur eine Auswahl von Parametern in die Leistungsmessung einbeziehen können, da die Datenmenge sonst zu groß würde. Daraus ergeben sich Crouch zufolge zwei gewichtige Nachteile: »Erstens wären es letzten Endes eben doch wieder Minister, Behördenleiter und ihre Berater, die bestimmten, was ein ranking-relevanter Leistungsparameter ist und was nicht. (…) Ein zweites Problem (…) liegt darin, daß (…) einer kleinen Anzahl – zumeist politisch relevant erscheinender – Aspekte einer Dienstleistung eine überragende Bedeutung beigemessen wird, während andere zwangsläufig in den Hintergrund treten. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird dadurch die tatsächliche Qualität der jeweiligen Dienstleistung ebenso verzerrt wie ihre Bedeutung für den Klienten.«

So berichtet Crouch von englischen Ärzten, die viel zu oft Demenz diagnostizieren, weil sie dafür eine Sonderprämie erhalten. Eigentlich sollte das Programm dazu beitragen, Demenzerkrankungen früher zu erkennen. Oder von Universitäten, die ihr Lehrangebot auf Studiengänge konzentrieren, die den Absolventen hohe Einkommen versprechen. Gute Berufs-, sprich:

Gehaltsaussichten sind eine entscheidende Kennziffer im Uni-Ranking geworden. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn oder gar zivilisatorischer und kultureller Fortschritt spielen da keine Rolle mehr.

Allen, die glauben, in einem Sektor, in dem ein kaum quantifizierbarer, geschweige denn qualitativ bewertbarer Dienst am Menschen geleistet wird, ließe sich ein Leistungssystem einführen, sei Crouchs Buch mit dem unglücklichen deutschen Titel ans Herz gelegt. Der englische Originaltitel »The Knowledge Corrupters. The Financial Takeover of Public Life« macht schon eher deutlich, um was es geht: die Übernahme des öffentlichen Dienstes durch das Finanzkapital.

Oliver Wagner

Mittwoch 11. April 2018