»Wir wollen nur unser Leben zurück«

Ein Besuch in der östlichen Ghouta

Straßenszene in Arbin


Die bewaffneten islamistischen Regierungsgegner aus der östlichen Ghouta bei Damaskus sind abgezogen. Unter Vermittlung Rußlands und sowie deren Sponsoren Katar und Türkei wurden sie mit ihren Angehörigen aus den früheren Wohngebieten bei Damaskus nach Idlib gebracht. Nur die »Armee des Islam«, die von Saudi Arabien und den USA unterstützt wird und seit 2011 den Ort Douma, das einstige Verwaltungszentrum der östlichen Ghouta kontrollierte, versucht den Preis für ihren ausgehandelten Abzug weiter in die Höhe zu treiben. Mit Berichten über einen angeblichen Giftgasangriff haben die Islamisten die Region an den Rand eines dritten Weltkrieges geführt. Die vor Jahren aus der östlichen Ghouta Vertriebenen wollen derweil ihre Heimat wiedersehen. Die einst dicht besiedelten Vororte liegen heute in Trümmern.

Wiesen, ein an den Ufern dicht bewachsener Flußlauf, Sträucher, Hütten und Bretterverschläge, die sich in den Schatten tiefgrüner Bäume ducken. Vögel kreisen, irgendwo kräht ein Hahn, dem ein anderer antwortet. Im Hintergrund ragt vornehm das schlanke Minarett einer Moschee in den blauen Frühlingshimmel und über allem erhebt sich der Hausberg von Damaskus, der Qassioun.

Das idyllische Bild ist Realität und Trugschluß zugleich. Die Landschaft liegt nicht weit vom Bab Touma entfernt, dem Thomastor zur Altstadt von Damaskus. Noch vor wenigen Jahren weideten hier Ziegen und Schafe, Bauern bearbeiteten ihr Land, säten, pflegten und ernteten Gemüse und Obst, das sie in Damaskus verkauften. Der Bachlauf, der an diesem Apriltag viel Wasser führt, ist einer der zahlreichen Ausläufer, in die der Baradafluß sich östlich von Damaskus aufteilt und die Ghouta, die Oase, bewässert.
Wendet man aber den Blick von der grünen Idylle ab und dreht sich um, sieht man verwüstete Fabrikgebäude mit zerschossenen Fenstern, Trümmerteile, die über Höfe und Zufahrten verstreut liegen, heruntergerissene Stromkabel, zerfallene Mauern, bizarr umgestürzte Zäune – ein Trümmerfeld. Die Straße, die durch diese gegensätzliche Landschaft verläuft ist eine unbefestigte Sandpiste. Staub liegt auf allem.

Die Sandpiste verläuft zwischen Ain Tarma, einem der vielen östlichen Vororte von Damaskus und der Ghouta-Straße, der Hauptstraße in den Süden der östlichen Ghouta hinein. Nördlich erstreckt sich das fruchtbare, grüne Ain Terma-Tal, das der Baradafluß und seiner Nebenflüsse bewässern.
Südlich der Ghouta-Straße liegt der Vorort Jaramana, der in den letzten 15 Jahren zunächst Tausende Flüchtlinge aus dem Irak und seit 2011 Zehntausende syrische Inlandsvertriebene aufgenommen hat. Unzählige Male wurde Jaramana zum Ziel von Raketen- und Mörsergranaten, die Regierungsgegner aus der östlichen Ghouta abfeuerten.

Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen

Vorbei an Al Mleha führt die Straße in ein ehemaliges Naherholungsgebiet von Damaskus. Restaurants und Cafés reihen sich am Rande des Ain Terma-Tals aneinander. Am Eingang eines Schwimmbades ermahnt ein Schriftzug, daß Besucher nur in einem Badeanzug, nicht in Straßenkleidung in das Becken dürfen. Die Rutschbahn ragt verlassen in den Himmel, auch in dem benachbarten Vergnügungspark hat der Krieg seine Spuren hinterlassen.

Dicht an dicht drängt sich der Verkehr an diesem Tag. Erstmals seit 2012 ist es den Menschen erlaubt, in die östliche Ghouta zu fahren und Tausende haben sich auf den Weg gemacht. Sie wollen herauszufinden, was von ihren Firmen, Restaurants, Gärten, Obsthainen, Wohnungen und Häusern geblieben ist. An den Kontrollpunkten von Armee und Sicherheitskräfte müssen sie sich ausweisen und eine Besitzurkunde von Arbeits- oder Wohnraum vorlegen, zu dem sie fahren wollen. Mit Fahrrädern oder Motorrädern sind Menschen unterwegs, ganze Familien sitzen in Autos und warten geduldig, bis es weitergeht. Unzählige Menschen haben einen Platz auf einem kleinen Lieferwagen ergattert, viele haben sich zu Fuß auf den Weg gemacht.

Immer wieder springen die Soldaten der Pressestelle des Verteidigungsministeriums aus dem vorausfahrenden Fahrzeug, um den Weg freizumachen. Schließlich geht nichts mehr mit dem Journalistenkonvoi, den sie versuchen durch den immer dichter werdenden Stau zu manövrieren. Der ursprüngliche Plan, auf diesem Weg nach Jisrin und von dort weiter nach Arbin zu gelangen, wird aufgegeben. Der Konvoi macht kehrt und fährt über die Harasta-Autobahn nach Arbin.

Arbin – vom Paradies zum Trümmerfeld

Jahrelang war dieser Abschnitt der Autobahn, die von Damaskus über Homs und Hama nach Aleppo führt, eine Todesstrecke und gesperrt. Rechts und links erstrecken sich Trümmerfelder, aus den dahinter liegenden Hausruinen zielten Scharfschützen auf jedes Fahrzeug und töteten viele Menschen. Seit dem Abzug der Islamisten ist sie – bis auf Douma – frei und wie auf der Ghouta-Straße staut auch hier sich der Verkehr.

Über eine Sandpiste am Ministerium für Wasserressourcen vorbei führt ein holpriger Weg in die Stadt Arbin hinein. Im Ministerium ist kein Fenster unbeschädigt, unzählige Einschußlöcher klaffen in den Mauern, der Eingangsbereich ist zerstört, Barrikaden aus Betonklötzen und allem, dessen man habhaft werden konnte, weisen darauf hin, daß hier eine Frontlinie verlief.

Mit offiziell rund 45.000 Einwohnern vor dem Krieg war Arbin – nach Douma – die zweitgrößte Stadt in der östlichen Ghouta. Reich an fruchtbarem Boden, Wasser, Obst, Gemüse und Vieh ging es den Menschen gut. Die landwirtschaftlichen Gebiete erstrecken sich südlich der Stadt. Im Norden, Richtung Autobahn, lag vor dem Krieg ein Industriegebiet. Davon ist nur eine Trümmerwüste mit verbrannten, abgerissenen Baumstümpfen und Ruinen geblieben.

Der Pressekonvoi wirbelt Staub auf, während er durch die verwüsteten Häuserschluchten kurvt. Ab und zu sind Menschen zu sehen, die neugierig den Autos hinterhersehen. Manche winken, lächeln, alle sehen müde und erschöpft aus, auch die Kinder. Plünderer durchstreifen leerstehende Geschäfte, Häuser und Wohnungen und tragen Metall, Tische, Stühle, Matratzen, Küchengeräte auf bereitstehende Kleintransporter. Einige Männer laufen ihnen aufgebracht entgegen und versuchen mit zornigem Rufen den Dieben Einhalt zu gebieten. Sie reden aufeinander ein, diskutieren. Ob sie die Plünderung stoppen können?

Unter einem ehemaligen Wohn- und Bürokomplex liegt das von den Oppositionellen in Arbin eingerichtete Krankenhaus, Sitz des »Medizinischen Rates von Arbin«, einer Einrichtung der »Scharia-Behörde der Syrischen Revolution in Damaskus und Umgebung«. Durch ein schmales, professionell ausgebautes Tunnelsystem sind hier insgesamt drei Krankenhäuser miteinander verbunden. Kleine, mit Matratzen ausgelegte Nischen in den Tunneln weisen darauf hin, daß hier Menschen geschlafen haben.

Möglicherweise Wächter, oder auch Zivilisten, die sich vor dem Kampfgeschehen in Sicherheit bringen wollten. In einem der Gänge liegt verloren ein besticktes Kissen, kurz dahinter eine Holzkrücke, in Kindergröße. Telefon- und Lichtleitungen sind ordentlich verkleidet unter der Decke verlegt. Ab und zu ist in die Wände »Allah, der Große und Allmächtige« eingraviert.

Die Tunnel seien von Geiseln und Gefangenen der Islamisten gebaut worden, berichtete schon 2016 eine Gesprächspartnerin aus Tadamoun der Autorin in Damaskus. Ihr Mann, ein staatlich angestellter Arbeiter, sei von den Oppositionellen 2013 gefangenen genommen worden, als diese die staatlichen Einrichtungen in Arbin eingenommen hatten. Zwei Jahre lang habe ihr Mann in den Tunneln gearbeitet, dann sei er gestorben, berichtete die Frau. Erst nach seinem Tod habe sie von seinem Schicksal erfahren. Seinen Leichnam konnte sie nie beerdigen.

»Wir wollen das alles hinter uns bringen»

Die Fahrt führt weiter durch Arbin, über den Platz der Lokalverwaltung, an dem mehrere Straßen sternförmig aufeinandertreffen. Es ist Freitag, der muslimische Feiertag. Traditionsgemäß warten einige Männer im Friseurladen auf eine Rasur und darauf, ihre Haare schneiden zu lassen. Als sie die Journali­sten sehen, lachen sie verlegen und winken ihnen zu. Ein kurzer Moment von Leichtigkeit, der an die alten Zeiten vor dem Krieg erinnert.
»Wie im Paradies« hätten sie vor dem Krieg gelebt, sagt der 28-jährige Mohammed, den die Autorin mit Freunden und Nachbarn in der ausgebrannten, orthodoxen St. Georgios Kirche antrifft. Nun hoffe man auf Hilfe für den Wiederaufbau. Zum Militärdienst müsse er nicht, sagt er. Als der einzige Sohn seiner Familie sei er freigestellt. Anders sein Freund Radwan.

Sechs Monate habe die Armee ihm Zeit gegeben, seine privaten Angelegenheiten zu regeln. Dann müsse er den Wehrdienst antreten, erklärt Radwan, der anders als Mohammed sehr gesprächig ist. Die jungen beiden Männer sind Nachbarn und haben den Krieg gemeinsam durchlebt.

Auf die Frage, wie sie zu den Kämpfern von Ahrar al-Sham standen, die seit 2012 in Arbin das Kommando führten, weichen sie aus. Man habe versucht, sich nicht mit ihnen anzulegen, dann hätten sie einen in Ruhe gelassen, erklärt Radwan. Arbeit habe es immer weniger gegeben, anfangs hätten sie von ihren Ersparnissen leben können. Zuletzt habe ein Kilo Reis mehr als 7.000 Syrische Pfund (etwa 14 Euro) gekostet. Verwandte in Damaskus hätten ihnen geholfen, meint Radwan und ist sichtlich bemüht, das Thema nicht weiter zu vertiefen. Noch bevor weitere bohrende Fragen darüber gestellt werden können, ob sie nicht doch für die Oppositionellen gegen Lohn gearbeitet hätten, kommt Radwan sein Freund Mohammed zu Hilfe: »Wir wollen das alles hinter uns bringen, verstehen Sie. Wir wollen nur unser Leben zurück«.

Karin Leukefeld, Damaskus

Freitag 13. April 2018