70 Jahre Nakba

Flucht und Vertreibung der Palästinenser

Mehr als 110 Tote, fast 10.000 Verletzte und Dutzende Menschen, denen aufgrund von Verletzungen durch scharfe Munition der israelischen Streitkräfte Gliedmaßen amputiert werden müssen. So lautet die vorläufige Bilanz der Proteste, die seit dem 30. März 2018 allwöchentlich von Einwohnern des Gazastreifens am Grenzzaun zu Israel durchgeführt werden. Die großen Schilder, auf denen in Arabisch, Hebräisch und Englisch zu lesen ist: »Wir sind nicht hier um zu kämpfen, wir sind hier, um in unser Land zurückzukehren«, haben die gewalttätige Aktion der israelischen Streitkräfte nicht stoppen können.

Offiziell ist der Gazastreifen unter palästinensischer Verwaltung. Weil aber Israel den Küstenstreifen zu Land, zu See und aus der Luft abgeriegelt hat, haben die dort lebenden Einwohner keine Perspektive. Die Strom- und Wasserversorgung in dem »größten Freiluftgefängnis der Welt« ist seit dem Krieg 2008/09 nicht repariert. Die damals absichtlich von der israelischen Armee zerstörte zivile Infrastruktur – Straßen, Wohngebäude, Werkstätten, Schulen, Krankenhäuser, Versorgungseinrichtungen – liegt weiter in Trümmern.

Die überwiegend jugendlichen Demonstranten im Gazastreifen sind die Nachfahren der Palästinenser, die zwischen Dezember 1947 und Januar 1949 von jüdisch-zionistischen Milizen und der aus diesen hervorgegangenen Israelischen Streitkräfte aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Der »Große Marsch der Rückkehr«, wie die Leute aus Gaza ihren Protest nennen, begann am 30. März, den die Palästinenser seit 1976 als »Tag des Bodens« begehen. Damals waren sechs Palästinenser getötet worden, als sie verhindern wollten, daß die israelische Regierung ihr Land enteignet. Am 15. Mai erinnern die Palästinenser an die Nakba, ihre Vertreibung aus Palästina vor 70 Jahren.

Leben, um zurückzukehren

Zum 70. Mal jährte sich der Gründungstag des Staates Israel am 15. Mai 2018 und zum 70. Mal erinnern die Palästinenser an das, was ihnen von zionistischen Milizen wie Haganah oder Irgun vor, während und nach dieser Staatsgründung von den neu gegründeten Israelischen Streitkräften angetan wurde. Nakba nennen die Palästinenser die Vertreibung, die Katastrophe, bei der sie 1948 Haus und Hof, Arbeit, Angehörige, Gesundheit, ihre Existenz und Heimat verloren.

Bis zu 600 Dörfer wurden vernichtet, das städtische palästinensische Leben wurde ausgelöscht. Mehr als 700.000 palästinensische Araber – etwa 80 Prozent der Araber, die in dem Gebiet lebten, das die Zionisten am 15. Mai 1948 zum Staat Israel ausriefen – flohen vor Gewalt, Demütigung und Tod. Die Britischen Mandatssoldaten, die selber von den zionistischen Milizen angegriffen worden waren, zogen sich aus Palä­stina zurück und ließen die Palästinenser ohne Schutz zurück.

Die Unabhängigkeitserklärung Israels am 15. Mai 1948 provozierte einen Angriff arabischer Truppen aus Ägypten, Transjordanien, Irak, Syrien und Libanon. An ihrer Seite kämpfte die in Damaskus gegründete Arabische Befreiungsarmee, die sich vor allem aus Syrern, Libanesen und Palästinensern zusammensetzte.

Israel schlug die arabischen Truppen zurück und am Ende des Krieges nahm Israel nicht nur das Gebiet ein, das im Teilungsplan der UNO-Resolution 181 (II) für Israel vorgesehen war, sondern weitere 60 Prozent des Gebietes, das von der UNO für einen arabischen Staat Palästina vorgesehen war. Dazu gehörten u.a. Jaffa, Lydda und Ramle, Galiläa, Teile der Negev-Wü­ste, fruchtbares Land zwischen Tel Aviv und Jerusalem sowie Teile der Westbank. Israel verhängte ein militärisches Besatzungsstatut. Jordanien übernahm die restlichen Teile der Westbank und annektierte sie. Ägypten besetzte den Gazastreifen. Ein Staat für die palästinensischen Araber entstand nicht und niemand setzte sich dafür ein.

Die UNO, die mit dem Teilungsplan die aus Sicht der Araber unrechtmäßige Gründung des Staates Israel auf dem Territorium des bereits bestehenden Palästina vorbereitet und unterstützt hatte, war und ist bis heute gegenüber den zionistischen Machthabern in Israel machtlos.

Die Nakba, die Vertreibung, hatte im Dezember 1947 begonnen und wurde bis Januar 1949 fortgesetzt. Im November 1947 hatte die UNO den Teilungsplan beschlossen. Damals lebten in Palästina rund 1,9 Millionen Menschen, von denen zwei Drittel muslimische, christliche und drusische Palästinenser und ein Drittel Juden waren, die in den vorherigen Jahrzehnten nach Palästina eingewandert waren. Die zionistischen Milizen waren den Palästinensern militärisch überlegen und skrupellos führten sie Terroraktionen durch. Gezielt gingen sie gegen die Palästinenser vor, die auf die Aggression nicht vorbereitet waren. Ohne politische und militärische Führung blieb den Menschen nichts, als ihr Leben zu retten.

Paris 1919/20: Ein Frieden, der jeden Frieden beendet

Der Grundstein für das Unrecht war nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gelegt worden. Verantwortlich waren Großbritannien, Frankreich, die USA und der Völkerbund. Auf der von ihnen organisierten Pariser Friedenskonferenz (1919/20) wurde das Schicksal des Mittleren Ostens besiegelt. Der britische Feldmarschall Earl Wavell hielt in seinen Aufzeichnungen damals fest: »Nach dem Krieg, der den Krieg beenden sollte waren sie jetzt in Paris ziemlich erfolgreich damit einen Frieden zu schaffen, der den Frieden beendet.«

Besiegelt wurde damals das britisch-französische Sykes-Picot-Geheimabkommen mit dem die beiden großen Kolonialmächte 1916 die arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reiches unter sich aufteilten. Der Völkerbund, Vorläufer der 1945 gegründeten UNO, segnete den Plan ab und machte Frankreich und Großbritannien zu Mandatsmächten in den neu eingerichteten Staaten. Frankreich wurde Mandatsmacht in Syrien und im Libanon, Großbritannien übernahm das Mandat für den Irak und Transjordanien (und für Ägypten). Auch die in der Region abgelehnte Balfour-Erklärung vom 2. November 1917 – eine Unterstützungserklärung der britischen Krone, vertreten durch Außenminister Lord Arthur James Balfour an die zionistische Weltbewegung, vertreten durch Lord Rothschild – wurde auf der Pariser Friedenskonferenz abgesegnet. Damit war der Grundstein für die »Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk« gelegt.

Land ohne Grenzen

Vor dem Krieg 1914 kannten die Menschen in Syrien und Palästina keine Grenzen. Händler zogen von Bagdad über Damaskus nach Beirut oder Haifa, um ihre Waren in den Häfen der Levante in Richtung Europa zu verschiffen. Eltern sandten ihre Kinder von Damaskus nach Beirut, wo die 1866 gegründete Amerikanische Universität (AUB) ein hervorragendes Studium garantierte. Es herrschte reger Austausch zwischen den muslimischen Gelehrten von Bagdad, Damaskus, Jerusalem und Kairo, christliche Schulen wurden von Missionaren aus Europa und den USA gegründet und boten sowohl christlichen als auch muslimischen Kindern aus umliegenden Dörfern Unterricht und Wohnung an. Internatsschulen waren häufig, weil der tägliche Schulweg für die Kinder aus den abgelegenen Dörfern zu weit gewesen wäre.

Yusif Saygih wurde am 26. März 1916 in Al Bassa/Palästina geboren, an der Küste der Levante. Das Dorf liegt etwa 20 Kilometer nördlich von Acre entfernt, dem Ort, von dem der britische Diplomat Sir Mark Sykes eine Linie durch Täler und über Hügel, über Flüsse und Seen, durch die schwarze Basaltwüste, über die fruchtbaren Felder des Hawran und durch die endlosen, sandigen Weiten der syrischen Wüste bis hin nach Kirkuk gezogen hatte. Als Yousif Sayigh, der »palästinensische Patriot« und Ökonom geboren wurde, lebten in Al Bassa etwa 1.000 Menschen, Muslime und Christen verschiedener Strömungen. Es gab zwei Kirchen, Schulen und Ärzte. Sowohl US-amerikanische, als auch französische und deutsche Missionare ließen sich dort nieder.

Auch seine Mutter war in Al Bassa geboren und aufgewachsen. Afifeh Barouni Sayigh, die – wie es in arabischen Ländern üblich ist – von allen nur Umm Yusif (Mutter von Yusif) genannt wurde, kam aus einem wohlhabenden Haus. Ihr Vater handelte zwischen Beirut und Jerusalem mit Antiquitäten, ihr Großvater war ein katholischer Priester gewesen. Als Kind hatte sie in einem Internat bei Sidon, das heute im Libanon liegt, eine gute Schulbildung erhalten. Für die Jahrhundertwende ungewöhnlich.

Ihren Mann Abdallah Sayigh oder Abu Yousif (Vater von Yusif), lernte Afifeh 1914 in dem Dorf Kharaba in Syrien kennen. Abu Yusif stammte aus der Nähe von Damaskus, aus Khirbet al-Sha’ar. Die ursprünglich aus Homs stammende Familie hieß eigentlich Zakhour Kabbash. Weil aber Abdallah‘s Vater ein Goldschmied war, machte er den Namen für seinen Beruf »Sayegh«, der Goldschmied, zu seinem Familiennamen. Das war damals in der arabischen Welt üblich. Abu Yusif war bei einer seiner drei Schwestern in Kharaba aufgewachsen, die alle drei Männer aus dem christlichen Dorf geheiratet hatten. Eine vierte Schwester heiratete einen Drusen in Salkhad. Der kleine Ort Kharaba liegt an der Grenze zwischen dem drusischen Siedlungsgebiet von Sweida, dem Jabal al-Druze (Berg der Drusen) und dem Hawran mit der Provinzhauptstadt Deraa.

Als Abu Yusif zu Beginn des 1. Weltkrieges von der Osmanischen Armee für den Kriegsdienst verpflichtet werden sollte, kaufte er sich frei – was damals für Christen möglich war – und ging nach Al Bassa, wo er 1915 Afifeh, die Mutter von Yusif, heiratete. Ein Jahr später, 1916, wurde Yusif geboren. Es war das Jahr, in dem der französische Diplomat George Picot und der britische Diplomat Mark Sykes die Heimat der Sayighs mit einer Linie auf der Landkarte zerstörten.

Libanesen per Volkszählung

Nach dem Ende des Krieges, 1918, zog die Familie Sayigh wieder nach Kharaba, wo Yusifs Vater die protestantische Kirche aufbaute. Zwischen 1921 und 1923 holte der Vater seine theologischen Studien in Jerusalem nach, wo die Familie ihn auch einmal besuchte. Yusif war klein, erinnerte sich aber daran, auf dem Weg nach Jerusalem zum ersten Mal ein Auto gesehen zu haben. Auf dem Rückweg begleitete sie der Vater, der seine Studien abgeschlossen hatte. Sie fuhren zunächst nach Al Bassa, wo die Familie von Umm Yusif lebte, von dort ging es die Küste entlang nach Sidon und Beirut, von wo sie weiter nach Damaskus und schließlich wieder nach Kharaba reisten.

Während die Familie unterwegs war, gerieten sie 1923 im Südlibanon in eine Volkszählung. Die Familie, bei der sie damals wohnten, gab die Sayighs als Libanesen aus, obwohl sie Syrer waren. Viele Jahre später, 1958, half ihnen dieser Zufall, die libanesische Staatsangehörigkeit zu bekommen.

Als im Juli 1925 der Aufstand der Drusen gegen die französische Mandatsmacht in Syrien ausbrach, war der Vater nicht in Kharaba, sondern in Damaskus. Die Mutter packte, setzte die Kinder auf einen Esel und floh nach Bosra, im Westen. Ihre Schwägerinnen kritisierten die Mutter, die »ohne ihren Ehemann« davonlaufe. Sie beschimpften sie als »Shmaliyeh«, die »Frau aus dem Norden« Palästinas. Die Familie traf den Vater in Deraa, dann begann eine lange Reise. Zunächst ging es per Eisenbahn nach Damaskus, dann weiter nach Beirut und von dort weiter nach Sidon und Tyr. Schließlich fuhren sie mit einem Auto hoch in die Berge über Alma al-Shaab, von wo es wieder hinunter nach Al Bassa ging. So umgingen sie den neuen Grenzposten, der von der französischen und britischen Mandatsmacht bei Naqoura (heute UNIFIL-Standort) errichtet worden war und nur mit einem Paß hätte überquert werden können. Pässe hatten sie nicht, doch in Al Bassa hatte die Mutter das von den Eltern geerbte Haus und sie hatten Olivenhaine. Die Geschwister der Mutter und deren Familien lebten dort und Yusif Sayigh, seine Brüder und Eltern konnten ein neues Leben beginnen.

Der Ort war wie der »Garten Eden«, erzählte Yusif Sayigh Jahrzehnte später, als er mit seiner britischen Frau Rosemary über die Erinnerungen seiner Kindheit sprach. Die Menschen seien offen und aufgeschlossen gewesen, in den Abendstunden hätten sie auf den Dächern gesessen, musiziert und gesungen. Im Herbst wurden die Dächer zum Treffpunkt der Frauen, die dort Früchte zum Trocknen aufhängten. Sie nutzten die Gelegenheit dazu, ihre fast erwachsenen Kinder, Jungen und Mädchen, mitzubringen, es wurde gegessen und getrunken, viel erzählt und so manch eine Ehe wurde angebahnt.

Einer von Yusifs Lieblingsplätzen war unter einem großen Johannisbrotbaum, der auf dem Grundstück der Familie stand und zu jeder Tageszeit Schatten spendete. Die aus Steinen gebauten Häuser waren von Feigen und Orangenbäumen, Blumen aller Art, üppig grünen Sträuchern und Bäumen umgeben. Es gab eine eigene Quelle, Olivenhaine umgaben das Dorf und sorgten für Wohlstand. Al Bassa war das Zentrum des Tabakanbaus in Galiläa, sowohl die christlichen als auch die muslimischen Bewohner waren gute Händler. An den Wochenenden zogen die Familien an den nahe gelegenen Strand, wo sie ihr Picknick ausbreiteten und die Weite des Meeres genossen.

1948 änderte sich alles

In Al Bassa lebte die Familie von Yusif Sayigh bis 1930. Dann zogen sie nach Tiberias am Westufer des Tiberias Sees, wo der Vater eine neue Stellung als Pastor aufnahm. Alle Kinder der Familie wurden in christlichen Internatsschulen erzogen und studierten. Doch 1948 änderte sich wieder alles.

In Tiberias hatten Muslime, Christen und Juden seit Jahrhunderten zusammen gelebt. Doch weder die arabischen Revolten (1938/39) gegen das französische Mandat und gegen die zunehmende Besiedlung durch zugewanderte jüdische Siedler, noch der jüdische Unabhängigkeitskampf gegen die Briten und gegen die Araber machten vor Tiberias‘ Toren halt. Die jüdisch-zionistischen Kampfverbände wurden von Frankreich unterstützt, eine späte Abrechnung mit dem alten Erzrivalen Großbritannien. Geschwächt vom 2. Weltkrieg versuchten die Briten derweil selber, sich aus Palästina zu retten.

Am 29. November 1947 beschloß die Generalversammlung der UNO mit der Resolution 181 (II) gegen den erklärten Willen der arabischen Bevölkerung Palästina zu teilen. Das »britische Mandatsgebiet Palästina sollte in einen ‚jüdischen Staat‘, einen ‚arabischen Staat‘ und die Stadt Jerusalem als corpus seperatum, gestellt unter UNO-Verwaltung«, gespalten werden. Von 56 UNO-Mitgliedstaaten stimmten 33 dafür, 13 Staaten – darunter alle arabischen Länder – votierten dagegen, 10 Staaten enthielten sich. Unmittelbar darauf begann ein ungleicher Bürgerkrieg um Palästina.

Plan D: »Vertreibung der lokalen palästinensischen Bevölkerung«

Den rund 10.000 arabischen und palästinensischen Soldaten der Arabischen Befreiungsarmee standen 50.000 zionistische Kämpfer der Haganah oder Irgun gegenüber, von denen viele als Soldaten in der britischen Armee während des 2. Weltkrieges Erfahrungen gesammelt hatten. Ziel der jüdisch-zionistischen Angriffe war, die von der UNO genannten Teilungsgrenzen möglichst weit auszudehnen. Es begann »die Zerstörung der städtischen Gemeinden, die die organisiertesten und politisch bewußtesten Teile des palästinensischen Volkes waren«, schrieb David Ben Gurion, der erste israelische Ministerpräsident in sein Kriegstagebuch (15.1.1948). Die ländlichen Siedlungen und Gebiete wurden erobert und zerstört, um die Städte von den Transportwegen, Lebensmitteln und Rohstoffen abzuschneiden.

Im April 1948 wurde von den Zionisten der Plan D (Dalet) umgesetzt, »die Vertreibung der lokalen palästinensischen Bevölkerung«. Wegen seines Wasser- und landwirtschaftlichen Reichtums war das Gebiet von Acre bis nach Tiberias besonders begehrt und sollte – die UNO-Resolution mißachtend – dem geplanten Staat Israel eingegliedert werden. Die Dörfer wurden niedergebrannt, Häuser gesprengt und vermint, um eine Rückkehr der Bevölkerung zu verhindern. Bei einem Massaker am 9. April 1948 in Deir Yassin, westlich von Jerusalem, wurden 254 Männer, Frauen und Kinder von zionistischen Milizen ermordet. Es war wie ein Startsignal, das zur Vertreibung der gesamten arabischen Bevölkerung – Christen und Muslime – aus dem westlichen Galiläa aufrief. Zwischen dem 28. April und dem 14. Mai wurden alle arabischen Dörfer und Städte, auch Tiberias, gewaltsam »von Arabern gesäubert«.

Die Eltern von Yusif Sayigh und die Schwester Mary verließen Tiberias am 17. April Richtung Nazareth. Noch auf dem Weg hörten sie, daß Tiberias von den Zionisten eingenommen worden war. Wieder waren sie Flüchtlinge geworden. Der Vater zog sich nun häufig zurück und betete für Palästina, wie er sagte. Sein Sohn Yusif war zu dem Zeitpunkt in Jerusalem, wo er in den Reihen der PPS (Syrische Soziale Nationalistische Partei) für Palästina kämpfte und in israelische Gefangenschaft geriet. Erst im Mai 1949 wurde er entlassen.

Die Geschichte von Yusif Sayigh, der 2004 in Beirut starb, wurde von seiner Frau Rosemary aufgezeichnet und 2015 in dem Buch »Yusif Sayigh, Arabischer Ökonom, Palästinensischer Patriot – Eine Lebensgeschichte in Fragmenten« veröffentlicht. Beide hatten sich in Beirut kennengelernt, wo Rosemary an der Amerikanischen Universität (AUB) Anthropologie studierte. Rosemary arbeitete als Journalistin für den britischen »Economist«, den sie aus Protest über dessen Berichterstattung über den Vietnamkrieg wieder verließ. Sie wurde später zu einer der genauesten Chronistinnen palästinensischer Geschichte und der Nakba.

Yousif Sayigh wurde ein international anerkannter Ökonom und Kämpfer für die Sache der Palästinenser. Sein Engagement brachte ihm ein unstetes Leben und auch israelische Militärhaft ein. Sayigh war Betroffener und Zeitzeuge des sich ständig verändernden Mittleren Ostens, der – wegen seiner strategischen Lage und dem Reichtum an Rohstoffen – historisch und strategisch von internationaler Bedeutung war und ist. Sein Leben beschreibt die Geschichte einer Region, die rasanten politischen, sozialen und kulturellen Veränderungen unterworfen wurde und wird.

Wenige Menschen leben heute noch, die als Zeitzeugen die Nakba durchlebt haben. Der Geburtsort von Yusif Sayigh, Al Bassa, war bereits 1938 von jüdischen Siedlern überfallen worden. Etwa zwei Dutzend Menschen, die in der Kirche Zuflucht gesucht hatten, wurden damals ermordet. Als der Staat Israel 1948 gewaltsam gegründet wurde, flohen die ursprünglichen Einwohner nach Norden, in den Libanon, zionistische Kampfverbände besetzten das Land. Bis heute leben jüdisch-zionistische Siedler in den palästinensischen Dörfern entlang der von der UNO markierten »Blauen Linie« zum Libanon.

Zochrot, eine israelische Menschenrechtsorganisation, hat die Nakba dokumentiert. Eine Landkarte der zerstörten palästinensischen Orte wurde angefertigt, Fotos und Filme erinnern an das einstige Leben dort. Al Bassa, den Geburtsort von Yusif Sayigh findet man auf der Landkarte im Verwaltungsbezirk Aka (Acre).

Karin Leukefeld

Dienstag 15. Mai 2018