Jonathans Vermächtnis

Ein spannungsreicher Roman über das Geburtsjahr der Bundesrepublik Deutschland

Für die Älteren unter uns sind die Fakten, die in dem neuen Buch »Die geliehene Schuld« von Claire Winter geschildert werde, nicht neu. Aber für die nachwachsenden Generationen ist es mit Sicherheit überaus interessant, gewissermaßen gemeinsam mit unbescholtenen jungen Menschen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit ein entscheidendes Kapitel der Gründungsphase des westdeutschen Staates mitzuerleben.
Die junge Journalistin Vera arbeitet für das Kulturressort einer Westberliner Wochenzeitung. An einem eigentlich schönen Tag im Mai 1949 wird sie mit der Nachricht konfrontiert, daß ihr Kollege Jonathan in Köln bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Kurz vor seinem Tod hat er Vera, mit der er seit ihrer Kindheit in enger Freundschaft verbunden war, per Post ein Päckchen mit Unterlagen über eine umfangreiche Recherchereise zukommen lassen, zusammen mit einem kurzen persönlichen Brief, in der er die Hoffnung ausdrückt, daß Vera die Arbeit zu Ende führen möge, falls ihm etwas zustoßen sollte.

Jonathans Recherchen beschäftigen sich mit Fluchtwegen aus dem Nachkriegsdeutschland über Südtirol nach Italien, vor allem aber, wie sich bald herausstellt, mit der Flucht von höheren Chargen des Naziregimes und Kriegsverbrechern. Vera, die sich entschließt, Jonathans Vermächtnis zu erfüllen, muß sehr schnell erkennen, daß sie sich damit in akute Lebensgefahr begibt, zumal ihr klar ist, daß es sich bei dem Unfall in Köln um einen gezielten Mordanschlag handelte. Mit Hilfe neu gewonnener Verbündeter begibt sich Vera selbst auf die Reise, sie folgt den Stationen Jonathans und gewinnt bei Gesprächen mit dessen Interviewpartnern eine Menge für sie überraschender Erkenntnisse.

Die junge Sekretärin Marie, eine Tochter aus »gutem Hause«, bekommt in Bonn beim Parlamentarischen Rat zur Vorbereitung der Gründung der Bundesrepublik Deutschland eine Anstellung im Büro des damaligen CDU-Chefs der Britischen Besatzungszone, Konrad Ade­nauer. Interessantes Detail »am Rande«: Beim Einstellungsgespräch wird sie vom CDU-Generalsekretär gefragt, ob sie etwa Mitglied bei den Kommunisten oder den Sozialdemokraten sei. Man wolle sich ja bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes für das »neue« Deutschland nicht »den Feind« ins Büro holen...

Maries Familie war lange vor der Befreiung Berlins durch die Rote Armee aus der Reichshauptstadt geflüchtet, nachdem sie die Nachricht erhalten hatte, daß der Familienvater, ein leitender Mitarbeiter im Reichssicherheitshauptamt, als Offizier an der Ostfront gefallen sei. Sie hinterließ eine schmucke Villa, in der Marie in gehobenem Wohlstand aufgewachsen war, bezog in Köln ein für Nachkriegsverhältnisse geräumiges Haus und lebte dort angenehmer als die meisten Deutschen kurz nach dem Krieg. Marie freut sich über die neue Arbeit, den guten Kontakt mit ihrer Kollegin Sonja und auch mit Adenauer und dessen »rechter Hand«.

Durch einen Zeitungsartikel erfährt sie zufällig von dem sogenannten Nürnberger Wilhelmstraßenprozeß, bei dem auch ein Kollege ihres Vaters aus dem RSHA angeklagt ist. Da ihr zu Hause durch ihre Mutter und ihre beiden Brüder jegliche Antwort auf Fragen nach der Tätigkeit des Vaters verweigert wird, fährt sie kurzentschlossen nach Nürnberg, wo sie auf der Zuschauertribüne die Bekanntschaft einer jungen jüdischen Frau macht, deren gesamte Familie in Vernichtungslagern der Faschisten umgebracht wurde. Marie und Lina freunden sich an, und Marie erfährt, daß nur Linas Bruder und sie die Naziherrschaft überlebt haben, weil sie als Kinder rechtzeitig in die USA ausreisen konnten.

Claire Winter erzählt auf unterschiedlichen Zeit- und Handlungsebenen und aus der Sicht der unterschiedlichen handelnden Personen eine tatsächlich spannende Geschichte, die vorwiegend im Mai 1949 spielt, und sie versteht es hervorragend, die unterschiedlichen Ebenen im Laufe der fast 600 Seiten zusammenzuführen. Wenn auch so gut wie alle handelnden Personen frei erfunden wurden, so geht es doch um einige der Kernfragen der historischen Hintergründe der Staatsgründung der BRD. Die Erarbeitung des Grundgesetzes, der Verfassung des neu entstehenden Separatstaates, spielt zwar nur am Rande eine Rolle und läuft scheinbar weitgehend konfliktlos ab, dennoch sei für Leser dieser Zeitung hinzugefügt, daß der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Max Reimann, in der entscheidenden Sitzung des Parlamentarischen Rates die Zustimmung der Kommunisten zum Grundgesetz ablehnte mit den Worten: »Wir unterschreiben nicht. Es wird jedoch der Tag kommen, da wir Kommunisten dieses Grundgesetz gegen die verteidigen werden, die es angenommen haben!«

Nicht ganz deutlich wird in dem Roman, daß mit der Annahme des Grundgesetzes die Spaltung Deutschlands vollendet wird, frei nach dem ausdrücklichen Wunsch Konrad Adenauers, den er in seiner typisch rheinischen Art so formulierte: »Lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb«. Damit wird auch endgültig der Weg frei gemacht für die alten politischen Eliten, die im Staatsdienst, im Geheimdienst und auch beim Aufbau der neuen westdeutschen Armee, der Bundeswehr, die entscheidenden Positionen übernehmen, und auch für ein ungehindertes Agieren der Wirtschaftsbosse, die 1933 die Faschisten unter Hitler zur politischen Macht verholfen hatten.

Ganz in diesem Sinne ist auch die eigentliche, die unerhörte Geschichte des Buches zu verstehen, nämlich die von drei höheren faschistischen Offizieren, die angesichts der drohenden militärischen Niederlage des »Dritten Reiches« rechtzeitig für ihre Zukunft nach dem Krieg vorsorgen. Zwei von ihnen täuschen ihren »Heldentod an der Ostfront« vor, und in den Wirren des Kriegsendes gelingt ihnen die Flucht nach Italien, wo sie sich neue Papiere besorgen und danach quasi spurlos verschwinden. Sie sind dann mit von der Partie, als General Gehlen, einst Spionagechef Hitlers, unter Aufsicht der US Army und US-amerikanischer Geheimdienste einen neuen Geheimdienst aufbaut, die »Organisation Gehlen«, Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes.

Einen Teil dieses Gespin­stes hatte der Journalist Jonathan aufgedeckt. Bevor er aber die Identität der Kriegsverbrecher enthüllen konnte, wurde er Opfer des »Unfalls« in Köln.

Nach und nach gelingt es der Journalistin Vera und ihren Verbündeten, die Zusammenhänge zu erkennen und sie entschließt sich, alle ihre Erkenntnisse in einem Artikel zu verarbeiten, trotz der Warnungen ihrer neuen Freunde, daß nicht nur dieser Artikel niemals veröffentlicht werden kann, sondern daß sie sich damit endgültig in Lebensgefahr begibt. In einem furiosen Finale findet die fiktive Geschichte dann doch noch ein »gutes Ende«.

Die Autorin Claire Winter war bei Recherchen für ein anderes Buch auf die Geschichte des BND gestoßen und hat sich zu diesem neuen Buch inspirieren lassen. Herausgekommen ist ein packendes Stück deutsche Geschichte, in gelungener Verquickung von Fiktion und Wirklichkeit. Den eingangs erwähnten Älteren unter uns sind die Fakten bekannt, für die Jüngeren hat Claire Winter ein Kapitel »Wahrheit und Fiktion« hinzugefügt, das am Schluß des Buches unbedingt lesenswert ist.

Uli Brockmeyer

Claire Winter
Die geliehene Schuld
Roman
Verlag Diana, März 2018
576 Seiten, 22 Euro (D)
ISBN: 978-3-453-29194-2

Uli Brockmeyer : Donnerstag 2. August 2018