Chinesische Ursachen

Die Handelsbeschränkungen gegen China sind nicht der einzige Grund für die schwächer werdende Konjunktur des Landes. Aber sie tragen zum Abschwung bei

Das scheint ja nur ein kleines Detail zu sein: Die Wachstumsrate in der Euro-Zone war im erste Quartal mit 0,3 Prozent nur einen Hauch schwächer als im ersten. Dieser von Eurostat am Dienstag vergangener Woche verbreitete Wert zeigt die Steigerung der Gesamtleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP) des Euro-Gebietes von einem Quartal zum nächsten. Wenn da vier Vierteljahre mit einer solchen Steigerung zusammenkommen, hat man im Jahr mindestens eineinhalb Prozent beisammen. Das ist nur etwa halb soviel wie im Vorjahr, aber doch mehr als Stagna­tion.

Nun hatten die Claqueure des ökonomischen Wachstums – etwa das deutsche Wirtschaftsministerium – vor drei Monaten beschwichtigt, die gemeldete Wachstumsrate im ersten Quartal sei von Sonderfaktoren beeinflußt gewesen und deshalb mit plus 0,4 Prozent so außergewöhnlich niedrig ausgefallen. Das mit den Sonderfaktoren hat sich erledigt. Die Realisten vom Jahresanfang werden recht behalten. Das Wachstum von gerade über zwei Prozent, das uns in Deutschland und in der Euro-Zone als Aufschwung verkauft wird, schnurrt gerade in diesen Monaten zusammen.
Kann das denn sein? An Überhitzung wird dieser Aufschwung jedenfalls nicht gestorben sein. Der vorige Konjunktureinbruch ist gerade mal zehn Jahre her. Der Beginn der Finanzkrise jährt sich in diesen Tagen zum elften Mal. Die Europäische Zentralbank müht sich noch heute, mit Nullzinsen die Kreditvergabe in Gang zu kriegen. Eine Urgewalt stellte dieser Aufschwung nicht dar, und besonders lang hat er auch nicht gedauert.

Aber wir wissen wenigstens, woran er stirbt oder schon gestorben ist. Am Chinesen nämlich. Peking hatte 2008/2009 die globale Wirtschaft durch das gewaltigste Konjunkturprogramm gerettet, das die Welt je gesehen hat. Zehn Jahre lang hat das größte Land der Welt die Nachfrage nach Gütern aller Art in Schwung gehalten. Jetzt gibt es auch in China Schwächezeichen. Die Lokomotive der Weltkonjunktur zieht nicht mehr so stark. Deshalb neigt sich der Zyklus dem Ende zu. Ein Zeichen dafür ist der Absturz des Kupferpreises. Die Nachfrage nach Kupfer steigt und fällt mit dem Auf und Ab der industriellen Produktion und der Bauwirtschaft. Der Preis des Kupfers zeigt damit meist als erstes an, wenn eine Wende der Weltkonjunktur bevorsteht.

Mit großem Interesse verfolgen westliche Medien die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. Ihre Schwäche ist beabsichtigt und zugleich gefürchtet. Der Handelskrieg gegen Peking dient dem Zweck, den Export Chinas zu schwächen. Offensichtlich ist aber auch, daß sinkende Ausfuhr die Produktion des Landes einschränkt. Die Handelsbeschränkungen gegen China sind nicht der einzige Grund für die schwächer werdende Konjunktur des Landes. Aber sie tragen zum Abschwung bei. Das ist so ähnlich wie in Deutsch- und Euro-Land. Auch unser Niedergang hat heimatliche und zugleich weltwirtschaftliche, um nicht zu sagen chinesische Ursachen.

Lucas Zeise, Frankfurt

(Foto: dpa)

Montag 6. August 2018