Unser Leitartikel:
Über den Umgang mit humanitären Katastrophen

Der Krieg in Syrien könnte in nächster Zukunft ein Ende finden. Es wird unbestritten ein opferreiches Ende sein. Doch wie viele Opfer die bevorstehende – hoffentlich – letzte Phase dieses Krieges fordern wird, wie viele Zerstörungen und menschliches Leid sie bringen wird und wie viele davon vermeidbar sind, hängt ganz wesentlich davon ab, wie alle Beteiligten damit umgehen.

In den Hauptstädten des ach so demokratischen und friedliebenden Westens wird seit Tagen ein grelles Geschrei erhoben und lauthals vor einer »humanitären Katastrophe« gewarnt. Die Regierenden und die ihnen dienenden Medien werden nicht müde, laute Klagegesänge über hohe Opferzahlen und immense Zerstörungen anzustimmen, die mit der bevorstehenden Offensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten zur Befreiung des Gebietes Idlib verbunden sein werden. Die bewaffneten Regierungsgegner, bei denen es sich zum allergrößten Teil um islamistische Terroristen handelt – die wichtigsten ihrer Gruppierungen werden auch per Definition des UNO-Sicherheitsrates als Terrororganisationen eingestuft – sprechen pausenlos von bevorstehenden Flächenbombardements, von »Faßbomben«, die gegen sie zum Einsatz kommen werden. Und sie wissen genau, daß die syrische Armee auf jeden Fall chemische Kampfstoffe gegen sie einsetzen wird.

Obwohl die ganze Welt Zeuge war, als Syrien unter strenger Aufsicht der zuständigen Institutionen der UNO sämtliche chemischen Kampfstoffe vernichten ließ, stimmen die Regierungen der westlichen Staaten in diesen Chor mit ein. USA-Präsident Trump, von dem man nicht einmal weiß, ob er auf einem Globus ohne fremde Hilfe zeigen könnte, wo Syrien eigentlich liegt, ließ verkünden, daß die USA und ihre Verbündeten auf jeden Fall eingreifen werden, sobald (nicht: »falls«) Syrien Giftgas einsetzt. So etwas ist nur einen Schritt von einer Kriegserklärung entfernt.

Worum geht es tatsächlich? Die USA und der gesamte »freie Westen«, sowie Israel und die reaktionären Golfstaaten mit Saudi-Arabien an der Spitze sehen ihre Felle in Syrien davonschwimmen. Da hat man jahrelang alle möglichen Terroristen finanziert, ausgerüstet und mit allen zur Verfügung stehenden politischen Mittel unterstützt, und muß nun zusehen, wie diesen Leuten, die heute noch in den bürgerlichen Medien heuchlerisch als »Rebellen« bezeichnet werden, von der regulären syrischen Armee eine vernichtende Niederlage beigebracht wird. Dabei hatte man so darauf vertraut, daß es in Syrien auch so abgehen würde wie einst im Irak oder in Libyen, wo mißliebige Regime militärisch zerschlagen und Staatschefs schlicht umgebracht wurden. Über die humanitären Katastrophen, die mit diesen Kriegen – wie auch in Afghanistan und anderswo – angerichtet wurden, soll gefälligst geschwiegen werden, ebenso über die humanitäre Katastrophe des bisherigen Krieges in Syrien.

Die marodierenden Gotteskrieger will übrigens keines der westlichen Länder im eigenen Land sehen. Deren Niederlage ist alles andere als eine humanitäre Katastrophe. Die Befreiung des eigenen Territoriums von diesen Leuten – und von den völkerrechtswidrigen Militärstützpunkten der westlichen Staaten und der Türkei – ist das Recht der syrischen Regierung und ihrer Armee. Noch größeres menschliches Leid kann vor allem dann verhindert werden, wenn die USA und ihre Verbündeten endlich die Unterstützung der Terroristen einstellen und dem syrischen Volk die Möglichkeit einräumen, über seine Zukunft ohne fremde Einmischung selbst zu bestimmen.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Donnerstag 6. September 2018