Prosa jüdischer Autoren aus Istanbul

Das Buch »Ni kaza en Turkiya«, »Prosa jüdischer Autoren aus Istanbul« (1) ist eine kleine Sammlung von Texten jüdischer Autoren, gefolgt von »Ringen mit Dämonen: gibt es eine jüdisch-türkische Literatur?«, einem Mini-Essay, als Nachwort von Prof. Laurent Mignon« (2), den wir ja schon gut kennen; hab ich doch schon öfters über ihn geschrieben. Mitten drin, Seite 55 und 56, versetzt uns das Buch mit Berta Brudo Özgïns lieblichen Poesien, die vom Sonnenaufgang über Istanbul schwärmen, unmittelbar in eine freudige, wenn auch nicht repräsentative Stimmung der allgemeinen Dramatik. Warum denn nicht damit anfangen? Na ja, vielleicht eine Art »Mach mal Pause!«. Es ist ja schließlich nicht an mir, Ordnung und Auswahl von Wolfgang Rieman, Verfasser und Übersetzer, zu beanstanden. Interessant ist diese Zusammenstellung auf alle Fälle, und vielleicht für uns, eher prosaisch orientierte Zeitungsleser, mit Izel Rozentals zwei ersten Prosatexten besser zu penetrieren und zu erfassen.

Rozental führt uns auch sofort, etwa nach Balzacscher Art, in das etwas muffige Leben des Kleinbürgertums. Mit »Mat« (3) wirft er ein paar nicht unkritische doch amüsiert zartfühlende Rückblicke und Blicke auf das Lebensende eines 70 Jahre lang zusammen lebenden Geschwi­sterpaares. Kein Drama, alles (beinahe) normal und leicht humorgeprägt. Zwei lustige Anekdoten beleben die sonst etwas farblose Story. Rozentals zweiter Text, oder eine Episode aus dem gewöhnlichen Alltag, betitelt »Fritz J. Mendelsohn«, erzählt vom etwas peinlichen Altern eines autoritären, strenggläubigen, doch nicht fanatischen – aus der Sicht seines halbwüchsigen Enkels (der Autor?) – Opas. Am Ende taucht auch hier die »unabdingbare«, die letzten Jahre des nun vom Rest der Familie getrennten Opas liebevoll zänkisch begleitende unverheiratete Großtante auf. Ein paar flotte Anekdoten erheitern den gewöhnlichen Alltag.

Es folgen »Ni kaza en Turkiya« (4), ein Einblick in die Geschichte der jüdischen Gesellschaft Istanbuls gegen Ende des Osmanenreichs und Anfang des Kemalismus bis in die 50er Jahre, sowie 3 »Briefe nach Poland« und »Bar Mizwa« von Roni Margulies. Der erste Satz führt uns direkt in so etwas wie »Die Kinder der Jugendfreunde meiner Eltern waren die Freunde meiner Kinderzeit...«, gefolgt von einem topographischen Knäuel Häuserlagen, Straßen und Familien. Keine klare Sippe, kein homogener Stamm; eher eine bunt vermengte Interessengemeinschaft, die hauptsächlich mit Geld und Handel verkehrte, weil die türkische Noblesse und anfangs auch Bourgeoisie sich nicht dazu herabließen. Anderseits wurden jüdischen Türken in der Praxis öfters auch höhere Verwaltungs- und Armeepo­sten verwehrt. Später drohten auch Enteignungen; also mied man die Bank und kaufte kein Haus. Geld wurde bar versteckt und Häuser nur gemietet. Mit seinem »Briefe nach Poland« erzählt der Autor von seiner Ankunft in Istanbul 1925 und in »Bar Mizwah« über das ganze Aufsehen, das Familie und Rabbi rund um seinen 13. Geburtstag veranstalten.

Mit »Istanbul im September 1955« von der Schriftstellerin Stella Aciman, tauchen wir ebenfalls in die türkische Geschichte ein, und zwar in eines der dramatischsten Kapitel: Die durch das Attentat auf Mustafa Kemal Atatürk ausgelösten Pogrome besonders gegen armenische, griechische und jüdische Minderheiten. »Angesichts der Flammen, die aus den Häusern von Kumkapi hoch zum Himmel loderten, fragte er sich „Haben diese Übergriffe vielleicht mit dieser Nachricht zu tun? Mein Gott! Die Stadt brennt!“, rief er laut. „Was sagst du? Was brennt?“, fragte Aleko und wollte nach Kumkapi hinüberschauen. Albert forderte ihn auf: „Schau nach vorne, Aleko! Wir stehen hier vor einer Katastrophe...“ (…) Die chaotische Stimmung dieser Tage brach im September über Istanbul mit den Plünderungen und Bränden herein. Die Sonne schien und hatte ihre Scham und Wärme hinter Wolken verborgen – sie schien die Menschen für die Übergriffe bestrafen zu wollen.« Vierzig glänzend erzählte, ja miterlebte Geschichtsseiten!

Weiter über Istanbuls Geschichte, aber nun zurück in die Zeit gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, erzählt über 8 Seiten die Autorin Liz Behmoaras in »Jak Samanons Schulzeit«. Hier lesen wir von einer tragischen Choleraepidemie, sowie auch über die Geburt der ersten liberalen Ideen, nicht nur unter türkischen Intellektuellen, aber auch innerhalb der hochkonservativen jüdischen Gemeinde. Zum guten Ende bekommen wir von Mario Levi, dem Autor des Romans »Istanbul war ein Märchen«, eine wunderbare Kurzgeschichte serviert: »Ich habe Monsieur Moiz nicht umgebracht«. Levi zieht uns liebevoll andächtig, doch beschwingt und nicht humorlos in das Miterleben des vor kurzem in hohem Alter erloschenen Lebens eines liebenswürdigen, in seiner Gewöhnlichkeit außerordentlichen »Uomo qualunque«, ein Leben, in dem scheinbar nichts geschehen war und dessen Interesse wesentlich im Lesen bestand. Trotz all dem muss eine Frauenfigur darin gehaust haben. Wie weit wirklich? Wie weit präsent? Wie weit? Auf jeden Fall ein kostbares Literaturstück!

Der Leser dürfte nun auf sein den letzten Worten der Story folgendes Lächeln nicht verzichten, indem er seine frische Begeisterung über Lewis Schreibkunst durch die Inangriffnahme der drei darauffolgenden Mini-Fehlwürfe, »Eine Gewissensfrage«, »Exil« und »Das letzte kleine Spiel«, verdirbt.

Jeder dieser drei (meiner Meinung nach) Fehlwürfe nimmt jedoch weniger als eine Seite ein, also angesichts des ganzen Buches ein Weniges, das wir getrost überspringen können, um uns nun den biographischen und bibliographischen Hinweisen, dem Glossar, sowie Laurent Mignons brillantem 20-seitigen Essay zuzuwenden. Und dieser Essay ist umso interessanter, als er sich nicht nur mit »Ringen mit Dämonen: gibt es eine jüdisch-türkische Literatur?« auseinandersetzt, wobei Mignon selber zu einer Art ringendem Jakob wird, sondern auch die Schwächen einer Anthologie wettmacht, die es verdient hätte, Texte von noch viel mehr Autoren aufzuführen.

Unser Essayist erforscht für uns sowohl die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksweisen jüdisch-türkischer Literatur, ihre verschiedene Sprachen, u.a. Israelitisch, Ladino (Spanisch-Jüdisch) (5) und Türkisch, doch auch den Kampf nicht nur um ihr Bestehen, aber auch gegen die Dämonen des eigenen Konservatismus und der jüdischen Traditionen. Soweit im Osmanenreich, wo Minderheitenkultur und deren Ausdrucksformen nicht gravierend beanstandet wurden. Anders unter Mustafa Kemal (20er/30er Jahre), wo trotz der offiziellen Weltlichkeit der stark geförderte Nationalismus und in den 30ern gar der »nationalsozialistische« Einfluss jüdische Journalisten und Schriftsteller immer mehr zum Türkisch schreiben bewegte. Ärger noch wurde es nach dem Attentat auf Kemal, das über den Griechenhass hinaus im Allgemeinen einen Hass auf Minderheiten anheizte, der sich während der letzten Jahrzehnte noch durch den von oben geförderten National­islamismus verschlimmerte. Viele jüdische Schriftsteller verließen das Land und wandten sich eher den Weltsprachen zu. Doch mache ich nun Schluss und überlasse es meinen lieben Zeitungslesern, Weiteres von Laurent Mignon selber zu entdecken.

Giulio-Enrico Pisani

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1) Ni kaza en Turkiya, Erzählende Prosa jüdischer Autoren aus Istanbul, herausgegeben von Wolfgang Riemann, Buch, Hardcover, 149 Seiten, Verlag Auf dem Ruffel, Engelschoff 2018, ISBN 978-3-933847-54-6

2) Laurent Mignon lehrt türkische Sprache und Literatur an der Fakultät für türkische Sprache und Literatur der Universität Oxford. Seine Forschungsbereiche sind moderne türkische Geschichte und Literatur inklusive biblische Themen, zweitrangige türkische Literatur, sozialistische Literatur und moderne jüdische Geschichte. Von 2002 bis 2011 hat er moderne türkische und arabische Literatur an der Bilkent-Universität in Ankara gelehrt. Einzelheiten über seine akademischen Veröffentlichungen auf www.orinst.ox.ac.uk/people/laurent-mignon. Lesen Sie auch meinem Artikel auf www.zlv.lu/spip/spip.php?article10548

3) Dieser kurzbündige rätselhafte Titel könnte – so Laurent Mignon – eine Kurzmischung des Familiennamens des Protagonisten, Hanri Matalon, mit seinem sein ganzes Wesen prägenden Beruf als Mathematiklehrer und dessen Misserfolg (franz. échec > Schach > Matt) sein; also ein Wortspiel

4) Dieser Titel ist, laut Laurent Mignon, der dritte Teil eines spanisch-jüdischen Ausdruckes »Ni vapor en la Mar Negro, ni mujer de Rumania, ni kaza en Turkiya!«, ist also buchstäblich das »Weder ein Dampfer auf dem Schwarzen Meer, noch eine Frau in Rumänien, noch ein Haus in der Türkei«“ folgende »… noch Haus in der Türkei«. Der Autor erklärt den historischen Sinn des von der jüdischen Gemeinde oft verwendeten Ausdrucks zum Schluss seiner Darlegung auf Seite 46

5) Seltsamerweise wird die Sprachbenennung »Ladino« ebenfalls für die uralten ladinischen Dialekte (älter als römisches Latein) von Graubünden (CH), Trentino (I) und den Dolomiten (I) gebraucht, ohne jegliche Beziehung zu Spanisch-jüdisch. Also reine historisch-geographische Koinzidenz. Siehe auch

https://de.wikipedia.org/wiki/Ladinische_Sprache und https://de.wikipedia.org/wiki/Questione_Ladina.

Mittwoch 12. September 2018