Legislatur der Liberalisierung und Privatisierung:

Schule der Ellbogengesellschaft

Es gab »radikale Veränderungen in kurzer Zeit ohne öffentliche Debatte« in der Schule in der ablaufenden Legislaturperiode, und die Bilanz ist katastrophal. Statt der guten humanistischen Werte der Menschenbildung, des kritikfähigen Bürgers, der Solidarität und der Integration aller über die einheitliche öffentliche Schule ist es zur Liberalisierung und Privatisierung gekommen, ausgerichtet auf Individualismus und eine direkte Verwertbarkeit als Arbeitskraft. Von früh auf werden die Kinder angespornt, ein bißchen besser zu sein als alle anderen, während früher die besten angehalten wurden, denjenigen, die nicht mitkamen, auf die Sprünge zu helfen.
In der Grundschule sind in zehn Jahren tausende Schulstunden abgeschafft worden. Die Lage ist dramatisch, individueller Unterricht unmöglich. Von den vielen Stützkursen, die es vor 2009 gab, und die sofort Probleme vor Ort auffangen konnten ohne lange Verwaltungswege, ist fast gar nichts mehr übrig, aber immer mehr Kinder brauchen eine Spezialbetreuung. Um die zu kriegen, braucht es einen großen Verwaltungsaufwand der über die externen Direktionen läuft (die früheren Schulinspektoren), die dann aber über viel zu wenig Spezialisten verfügen, weswegen dann nach langer Zeit und viel Papierkram oft keine Hilfe kommt. Das Kind kann aber nicht wie ein Dossier auf einer Warteliste während Wochen in einen Schrank gelegt werden, und so verzichten inzwischen viele auf den Zeitverlust des Anfragens. Vom Minister wird das so gewertet, als gäbe es weniger Probleme.

Wir haben Probleme zu verstehen, warum da nur gefordert wird, die zu wenigen Spezialisten sollten schulfest zugeteilt werden, weil zu wenig egal wie verteilt immer zu wenig bleibt. Die richtige Forderung müßte doch lauten, alle seit 2009 wegefallenen Stützkurse und abgeschaffte Schulstunden im Interesse einer guten öffentlichen Schule wiederherzustellen!

Resignation macht sich breit, wobei zu schlechter Letzt auch noch zu wenig qualifizierte Lehrkräfte da sind als Folge des Stage. Der Minister erklärt jetzt, mit seiner Erfindung der Quereinsteiger, die zum Glück auf 5 Jahre nach Intervention des SEW (Syndikat Erziehung und Wissenschaft im OGB-L) begrenzt wurde, seien alle Po­sten besetzt. Aber das stimmt offensichtlich nicht, kriegen doch Lehrbeauftragte, denen nach Ablauf ihres Zeitvertrags im Juli gesagt wurde, das wär’s gewesen, jetzt auf einmal Anrufe von bis zu 5 Direktionen, ob sie nicht bitte, bitte doch wieder Schule halten wollen, wobei sowieso 700 Lehrbeauftragte ohne Befri­stung tätig sind.

Gefordert wird eine radikale Reform des Stage und nicht die Wiederholung 1 zu 1 von dem, was auf der Uni anstand, wie es aber wieder gerade eben der Fall ist. Gefordert wird auch eine Qualifizierung der Lehrbeauftragten, die dem Rechnung trägt, daß sie schon 10 und mehr Jahre Schule halten.

Wider Potemkinsche Dörfer

Die Realität ist eine andere wie die Fassade, die der Minister nach außen kommuniziert. Eltern kriegen das mit, und das verunsichert. Aus dem Vertrauensverlust wächst die Suche nach Alternativen. In einer ersten Etappe wird daraus Schultourismus, in einer zweiten die Einschreibung in einer Privatschule. Die von Meisch geschaffene Vielfalt der Wahl unter Verantwortung der Eltern beim Übertritt in die Sekundarschule verschärft die Tendenz. Das umso mehr, als mehr Autonomie zur Konkurrenz unter den Lyzeen führt, die immer mehr gemanagt anstatt von Pädagogen geleitet werden.

Die Zersplitterung der Schule führt dazu, daß Integration nicht mehr funktioniert. Gleichzeitig ist die Verfielfachung der öffentlichen Europaschulen neben den englischen Zweigen (Athénée, Michel Lucius), in denen zur Hälfte Luxemburger Kinder sind, die dem anstrengenden Erlernen des Französischen auf hohem Niveau davonlaufen, dramatisch neben der damit einhergehenden Privatisierung durch Einkauf von Programmen und Examenskorrekturen bei Privatkonzernen. Den Eltern ist nicht bewußt, daß ihren Kindern damit den Weg zum Staatsbeamten versperrt ist, und auch im Privatbereich, wo Französisch die Hauptsprache ist, Probleme anstehen.

»Nivellierung nach unten« mag altmodisch klingen, doch was ist das anderes, wenn es zum Bestehen in Französisch auf einer 3e im englischen Zweig reicht, fünf Minuten mündlich zum Thema »Mes vacances« oder »Mon passe-temps« zu reden? Das sollte in der letzten Klasse Grundschule eigentlich schon schriftlich machbar sein!
Die Kritik des SEW ist dokumentiert, argumentiert und konstruktiv. Sie stimmt ganz einfach und es erschreckt einen, wenn dann gesagt wird, man sei sich dessen bewußt, daß diese Kritik auch dazu beiträgt, die öffentliche Schule zu zerstören. Nein! Das ist die einzige Möglichkeit, sie zu retten.

Katastrophal ist, daß Gréng wie LSAP in der Regierung die DP einfach machen ließen, und sie auch in ihren Wahlprogrammen kaum Gegenwehr zeigen. Die KPL tut das, ist dem SEW aber keine Erwähnung oder Einladung wert. Es wurde nur mit den Sektionen der bürgerlichen Einheitspartei in der Chamber gesprochen! Wer mögliche Bündnispartner außen vor läßt, schwächt sich jedoch selbst.

jmj

Mittwoch 12. September 2018