Syrische Palästinenser haben alles verloren

Hamad geht nicht mehr nach Yarmuk. Es werde ihn das Leben ko­sten, sagt der 60-Jährige hochgewachsene Mann syrische Palästinenser. Zwei große Häuser hatten er und seine Brüder im palästinensischen Flüchtlingslager »Muchaiyem« Yarmuk im Süden von Damaskus gebaut. Nun hat sein Sohn mit eigenen Augen gesehen, daß beide Häuser nicht mehr stehen. Nur Trümmer und Sand habe sein Sohn gefunden, als er die Häuser gesucht habe, erzählt der nervöse Hamad. »Er hat mir Videoclips und Fotos gezeigt, die er mit dem Handy gemacht hat.«

»Muchaiyem« heißt »das Lager«, doch als Hamad 1958 dort geboren wurde, war aus dem einstigen Lager ein dicht besiedelter Stadtteil der syrischen Hauptstadt geworden, der sich immer weiter Richtung Süden ausdehnte. Viele junge syrische Familien zogen nach Yarmuk, wo sie die Mieten oder Preise für eine Wohnung, ein Haus noch bezahlen konnten. Dem Zuzug folgte eine wirtschaftliche Entwicklung, die Yarmuk zu einem der beliebtesten Stadtviertel in Damaskus machte. Hier bekam man die neueste Mode, die günstigsten Ersatzteile für alles, die preiswertesten Gebrauchtwagen. Als der Krieg in Syrien 2011 ausbrach, waren von den rund 1 Millionen Menschen in Yarmuk nur etwa 160.000 palästinensischer Herkunft.

Hamad und seine Brüder hatten für ihre zwei Häuser 20 Jahre in den Golfstaaten gearbeitet. Alle Brüder und Schwestern erhielten je eine Wohnung in den Häusern, auch für die Eltern war Platz. Die waren 1948 im Zuge der gewaltsamen Gründung des Staates Israel aus ihrer Heimatstadt Haifa vertrieben worden und hatten sich damals bei Damaskus im Lager Yarmuk niedergelassen.

Die UNO-Organisation für die palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA) arbeite in Yarmuk seit 1957. Schulen und Gesundheitszentren wurden gebaut. Der syrische Staat betrachtete die Palästinenser als »Gäste« sorgte aber dennoch dafür, daß sie mit den Jahren die gleichen Rechte und Pflichte erhielten, wie die Syrer sie hatten. Nur an den Wahlen durften sie sich nicht beteiligen und auch der Wehrdienst war für sie tabu. Dafür wurde eine Palästinensische Befreiungsarmee aufgebaut, die im Falle eines Falles an der Seite der syrischen Streitkräfte eingesetzt werden sollte.

2012 erhöhten die bewaffneten Regierungsgegner den Druck auf die syrischen Palästinenser. Verantwortlich dafür war auch die Hamas, die sich – zumindest teilweise - als Organisation der Muslim-Bruderschaft dem Aufstand gegen die syrische Regierung angeschlossen hatte. Als im Sommer 2012 der Angriff auf Damaskus vorbereitet wurde, sollten auch die Palästinenser von Yarmuk sich anschließen. Die palästinensischen Organisationen waren mehrheitlich dagegen, konnten aber den doppelten Angriff – einmal auf Damaskus, einmal auf die palästinensische Einheit – nicht abwehren.

Nicht nur Yarmuk, sondern sämtliche palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien liegen jetzt in Trümmern. Hamad ist nicht der einzige, der sein Leben lang gearbeitet und nun alles verloren hat. Nach UNO-Angaben verließen Zehntausende Palästinenser Syrien und flohen nach Jordanien, Ägypten oder Libyen, von wo sie versuchen mit Schlauchbooten über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Diejenigen, die zurückgeblieben sind, werden meist von Angehörigen im Ausland unterstützt.

Hamad, seine Frau, die zwei Kinder und eine seiner Schwestern wohnen seit 2012 in einem einfachen Hotel in der Innenstadt von Damaskus. Die Miete bezahlen seine Brüder, die in Europa und Kanada leben. Seine Arbeit als Lehrer hat Hamad verloren, seit die UNRWA viele Schulen in den zerstörten Lagern schließen mußte. Von der UNRWA erhält die Familie – weil sie aus Yarmuk stammt – 70 US-Dollar im Monat. Das entspricht etwa dem Mindestlohn in Syrien. Hamad spricht nicht darüber, doch wie andere Geschäftsleute seines Alters, die ihr gesamtes Lebenswerk verloren haben, plagen ihn Depressionen.

Rund 500.000 Palästinenser waren 2010 bei der UNRWA als Flüchtlinge in Syrien registriert. Nach jüngsten Angaben von August 2018 leben heute noch 438.0000 von ihnen in Syrien. 58 Prozent sind Inlandsvertriebene, 95 Prozent sind auf Hilfe angewiesen. Die finanziellen Verpflichtungen für das Jahr 2018 gab UNRWA für Syrien mit 480 Millionen US-Dollar an. Bis zum 1. September erhielt UNRWA 54 Millionen US-Dollar, 12,5 Prozent des benötigten Betrages.

Karin Leukefeld

Yarmuk am 22. Mai 2018, einen Tag nach der Befreiung durch die syrische Armee (Foto: EPA)

Freitag 19. Oktober 2018