Tod eines Stiers

Generalsekretär der drittgrößten französischen Gewerkschaft FO von Macronisten zum Rücktritt gezwungen

Nach nur fünf Monaten im Amt ist Pascal Pavageau, Generalsekretär der drittgrößten französischen Gewerkschaft Force ouvrière (FO), am Mittwoch zurückgetreten. Zum Verhängnis wurden dem 49 Jahre alten Hoffnungsträger der gewerkschaftlichen Linken Dossiers, die in seinem Umfeld über Gegner des FO-Chefs angelegt worden waren. Diese sogenannten Reformisten bilden in der FO eine Gruppe, die der Regierung des neoliberalen Staatschefs Emmanuel Macron und dessen Partei La République en marche (LREM) nahestehen. Im Elysée war vor allem die von Pavageau eingeleitete neue Solidarität zwischen der FO und der linksorientierten Großgewerkschaft Confédération générale du travail (CGT) mit Argwohn beobachtet worden.

Mitten im Kampf gegen die von Macron eingeleitete »Reform« des Rentensystems ist der Abgang Pavageaus ein herber Verlust für die Syndikate des Landes. Sowohl im privaten Sektor wie auch im öffentlichen Dienst ist die Force ouvrière als drittgrößte Formation ein Schwergewicht, sie bindet 15 bis 20 Prozent der organisierten Lohnabhängigen, Staats- und Gemeindebeamten und vertritt im Verein mit der CGT fast die Hälfte der französischen Schaffenden. Die FO mit ihren rund 500.000 Mitgliedern steht nun mindestens bis zur nächsten Sitzung des nationalen Bundeskomitees am 21. November zerstritten und ohne Führung da.

Zur Strecke brachte Pavageau letztlich ein Artikel des meist bestens info
rmierten satirischen Pariser Wochenblatts »Le Canard enchainé«. Bereits in der vorletzte Woche hatte der »Canard« über die Dossiers berichtet, die offenbar von Getreuen des Generalsekretärs in den Wochen vor und nach dessen Wahl zum FO-Chef am 27. April angelegt worden waren. Gespeichert wurden in den Karteien die menschlichen, politischen und administrativen Fähigkeiten vor allem der Gegner Pavageaus, der den als »Macronist« geltenden vormaligen FO-Chef Jean-Claude Mailly ablöste. Den Rücktritt des Gewerkschaftslinken beschleunigte das in den Dossiers verwendete Vokabular: Innergewerkschaftliche Gegner wurden als »Müll«, »simpel« oder »Dummkopf« bezeichnet, Adjektive wie »komplett bescheuert« oder »widerlich« vervollständigten die Typenbezeichnungen.

Branchensekretäre wie der für den Sektor Transporte zuständige Jacky Gontier sahen am Mittwoch für die von der Basis schließlich geforderte Demission Pavageaus allerdings wichtigere Gründe als die beanstandeten Personalakten: »Der Präsident (Macron, Anm. d. Red.) und seine Partei« hätten die Annäherung zwischen dem FO-Chef und seinem Kollegen Philippe Martinez von der CGT »mit bösem Blick beobachtet – es kommt ja demnächst die Rentenreform«. Gegen dieses neue Projekt des unermüdlich für die Privatisierung des öffentlichen Dienstes und gegen die in Jahrzehnten erkämpften Rechte der Lohnabhängigen angehenden Staatschefs hatten FO und CGT in den vergangenen Tagen bereits einige tausend Rentner auf die Straße gebracht. Der gemeinsame Widerstand ist mit dem Verlust Pavageaus geschwächt.

Wie der »Canard enchainé« an die verhängnisvollen Aufzeichnungen kam, wird wohl nicht ermittelt werden können. Die Redaktion des Satireblatts schützt ihre Informanten bestens und hat von Gegnern aus der Politik angestrengte Gerichtsprozesse meist gewonnen. Vertraute Pavageaus sprachen nach dem Rücktritt ihres Chefs von einem Schlag gegen einen Mann, »dessen Unabhängigkeit in politischen Kreisen unerwünscht« gewesen sei. Der »Canard« habe möglicherweise von Hinweisen profitiert, die auf einem USB-Stick gespeichert waren, der aus Pavageaus abgeschlossenem Büro gestohlen worden sei. »Das kam aus dem inneren Kreis der Führung«, zitierte die Tageszeitung »Libération« am Donnerstag einen ungenannten FO-Mann, »daran kann kein Zweifel bestehen«. Pavageaus Leute beklagten am Donnerstag den »Tod eines Stiers«. Für die »Macronisten« sei er »der Mann gewesen, den es zu beseitigen galt«.

Wer Pavageau nachfolgen könnte, scheint derzeit völlig ungewiß. Branchensekretär Gontier mutmaßte vor Journalisten: »Sicher ist, daß der Nachfolger entweder auf Pavageaus Linie sein muß, wenn er die auf dem letzten Kongreß (im April, Anm. d. Red.) beschlossenen Resolutionen in die Praxis umsetzen will. Oder er muß im Gegenteil ein Reformist vom Schlag der Metaller (dem rechten, moderaten FO-Flügel zugerechnet, Anm. d. Red.) sein – dann wäre es schwierig, die Beschlüsse durchzusetzen. Der einzige Ausweg wäre demnach ein neuer Kongreß. Leider wissen wir, wie das bei der letzten Versammlung gelaufen ist.« Schlecht, erinnern sich Pavageaus Anhänger. Die Wahl ihres Chefs spaltete die FO in Linke und »Reformisten« und führte die Gewerkschaft in die gegenwärtige, vor allem Macron und seinen Neoliberalen genehme Situation.

Nicht nur das. Der mitten im Kampf gegen die Politik des Präsidenten angerichtete Imageschaden, der nach Meinung der Gewerkschaftslinken nicht in erster Linie von Pavageau und seinen Dossiers, sondern von den Informanten des »Canards« verantwortet wird, ist schon jetzt beträchtlich.

Hansgeorg Hermann, Paris

Pascal Pavageau nimmt nach einer Pressekampagne seinen Hut (Foto: EPA-EFE)

Montag 22. Oktober 2018