Unser Leitartikel:
Tue Gutes und verbessere Dein Ranking

In China wird mit einem Sozialkreditsystem experimentiert. Für eine Art öffentliches Ranking, an dem ab dem Jahr 2020 jeder Chinese teilnehmen soll, werden alle möglichen Daten, die ohnehin schon irgendwo gespeichert sind, zusammengetragen.
Neben Auskünften zu Schuldenstand und Zahlungsmoral sollen auch Vorstrafen, gemeinnützige Spenden und Freiwilligendienste erfaßt werden, um daraus einen Wert zu ermitteln, der positiv, negativ oder neutral sein kann. Aufgrund des individuellen Punktestandes könnte künftig über Kreditvergaben oder Bewerbungen auf Arbeitsstellen entschieden oder auch staatliche und kommunale Sozialhilfen erhöht oder der Krankenkassenbeitrag gesenkt werden.
»Totale Überwachung« nennt das »Tageblatt« das Vorgehen der chinesischen Regierung und fragt schon in der Überschrift: »Warum finden Chinesen soziale Kontrolle so gut?« Doch haben wir es wirklich mit »totaler Überwachung« zu tun?
Im Juni hatte Chinas Premier Li Keqiang erklärt, die Regierung orientiere auf den Ausbau des Systems, um »das wirtschaftliche Umfeld zu verbessern und seine Entwicklung zu beschleunigen«. Unter anderem solle damit gegen Produktpiraterie und betrügerische Internetplattformen vorgegangen werden.
Li betonte, es gebe schon seit Jahren einheitliche Kreditauskunfteien in der Volksrepublik – gänzlich neu ist der Ansatz also nicht. Wer heillos überschuldet ist, bekommt schon jetzt keinen Kredit. In das für übernächstes Jahr geplante, landesweit einheitliche System sollen diese Auskünfte neben weiteren »nichtöffentlichen« Datenbeständen eingespeist werden.
Um das »Tageblatt« auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen: All das gibt es bei uns auch, nur eben privat. Die wohl größten Datensammler der Welt, Experian, Equifax, TransUnion und andere Auskunfteien, entscheiden durch ihre vollkommen intransparenten Algorithmen, ob es einem erlaubt wird, einen GSM-Vertrag abzuschließen, einen Bankkredit aufzunehmen oder ein Auto zu leasen.

Experian rühmt sich, über Daten zu mehr als einer Milliarde Personen und Unternehmen in aller Welt zu verfügen, Equifax verfügt eigenen Angaben zufolge über Daten zu 800 Millionen natürlichen Personen und mehr als 88 Millionen Unternehmen, TransUnion meldet mehr als eine Milliarde Konsumenten in mehr als 30 Ländern. Vielfach gehört die Anfrage bei einer Kreditauskunftei hierzulande zum Standard – ohne daß die Betroffenen es überhaupt mitbekommen. Zusammen mit den Dokumenten, die bereits bei der Miete einer Wohnung oder der Bewerbung auf eine Arbeitsstelle eingeholt werden (das Vorstrafenregister beispielsweise) ergibt sich eine lückenlos überwachte Gesellschaft.

Anfragen beim Spitzeldienst oder Schnüffeleien der Personalabteilungen großer Banken und Konzerne, die die Profile von Bewerbern in den vermeintlich sozialen Netzwerken auswerten und die anderen Erhebungen, die erst im »big data«-Zeitalter effizient ausgewertet werden können, sind noch gar nicht berücksichtigt.
Das chinesische Sozialkreditsystem ist öffentlich und transparent. Es soll – im Gegensatz zu den von Privatkonzernen erstellten – nicht nur das individuelle Verhalten im Zahlungsverkehr erfassen, sondern auch gesellschaftliches Engagement. Bei einem Pilotprojekt in der Metropole Nanjing gibt es beispielsweise Pluspunkte für eine Blutspende. Das wiederum stößt in China auf Sympathie, denn es schafft Verläßlichkeit – und Korrigierbarkeit. Das dürfte dann auch die Antwort auf die Frage des »Tageblatt« sein.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 24. Oktober 2018