Unser Leitartikel:
Warum die Arbeitskraft aufgewertet werden muss

Das Thema Armut ist auch im reichen Luxemburg kein Tabu mehr. So belegen offizielle Statistiken, dass inzwischen fast jeder Sechste hierzulande von Armutsrisiko bedroht ist, oder bereits in Armut lebt. Eine Situation, die ohne Sozialhilfen sogar um ein Vielfaches schlimmer wäre. Auffallend dabei ist, dass immer häufiger auch Menschen betroffen sind, die einer bezahlten Arbeit nachgehen.
Die Ursachen dafür sind bekannt: Einerseits der seit Jahren anhaltende Sozialabbau – Indexklau, Desindexierung der Familienleistungen, Anhebung des Pflegeversicherungsbeitrags, höhere Eigenbeteiligung bei medizinischen Dienstleistungen, Anheben der TVA, usw. – andererseits die von Patronatsseite praktizierte Lohnpolitk, die arroganter nicht sein kann.

So sind in den letzten Jahren in so manchen Betrieben nicht nur die Einstiegslöhne gekürzt und bestehende Lohntabellen nach unten revidiert oder außer Kraft gesetzt worden, auch Zuschüsse oder sonstige hart erkämpfte »Extras« werden immer seltener gewährt. Es gibt Beispiele zuhauf, die belegen, dass das Patronat alles aus der Welt geschafft sehen möchte, was die Finanzen des Betriebes in irgendeiner Form »belastet«. Die logische Folge davon ist, dass die Zahl an Niedriglohnverdienern von Jahr zu Jahr wächst.

Eine Situation, die nicht erst durch die kapitalistische Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht wurde, denn schon zuvor hatten wir vor dieser beängstigenden Entwicklung gewarnt, als eine damalige Studie festhielt, dass rund 60 Prozent aller im Jahr 2006 neu eingestellten Lohnabhängigen weniger als 1,25 Mal den Mindestlohn verdienten. Eine Lohnpolitik, die sich bis heute nicht zum Positiven geändert hat. Fakt ist, dass seither Immer mehr Erwerbstätige mit Löhnen abgespeist werden, die weder große Sprünge, noch ein Leben in Würde ermöglichen.

Um die Lohnmasse zu drücken – ohne Zweifel der einfachste Weg, um die Gewinne zu maximieren – sind dem Patronat alle Mittel recht. So werden beispielsweise Arbeitsplätze des Öfteren nur deshalb abgebaut, um sie später durch minder bezahlte Posten zu ersetzen. Genau so skandalös ist, dass Produktivitätsprämien, Gratifikationen oder Jahresendprämien immer häufiger nur mehr dann zu 100 Prozent ausbezahlt werden, wenn der Mitarbeiter über das gesamte Jahr ohne Fehlstunden, also ohne Krankmeldung, über die Runden kommt.
Nicht einmal vor der einseitigen Aufkündigung von Kollektivverträgen schrecken Unternehmen zurück, um den Schaffenden schlechtere Arbeitsbedingungen aufzuzwingen, Löhne zu kürzen, freie Tage zu streichen, Prämien und sonstige »Extras« abzuschaffen. So ganz nach dem Motto »mehr Arbeit für weniger Lohn«.
Das darf so nicht weiter hingenommen werden. Die Arbeitskraft muss aufgewertet werden. Dies kann in Kollektivertragsverhandlungen am ehesten nur über lineare Lohnaufbesserungen erfolgen. Da jedoch fast die Hälfte aller arbeitenden Menschen nicht kollektivvertraglich abgesichert sind, Lohnaufbesserungen also nicht zwischen Patronat und Gewerkschaften ausgehandelt werden können, darf kein Weg an der von den Kommunisten geforderten 20-prozentigen Aufbesserung des Mindestlohns vorbeiführen.

Ein erster wichtiger Schritt zur Aufwertung der Arbeitskraft und gegen das zunehmende Armutsrisiko.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 30. Oktober 2018