Feine Preise

Paris vertreibt seine Bewohner. Schon sechs Jahre vor Olympia erreichen die Mieten Rekordhöhen

Die französische Hauptstadt Paris macht sich für die Olympischen Sommerspiele im Jahr 2024 fein. Die Oberfläche wird für den zu erwarteten Touristenstrom poliert, darunter verstecken sich soziales Elend und Hoffnungslosigkeit. Schon jetzt sind in der Metropole an der Seine Wohnungen unbezahlbar, die Mieten unerschwinglich. Das könnte in den kommenden sechs Jahren noch schlimmer werden.

Die nach London und New York dritteuerste Stadt der Welt vertreibt mit unkontrolliertem Immobilienhandel ihre eigenen Einwohner. Bei Kaufpreisen von bis zu 15.000 Euro pro Quadratmeter und Monatsmieten von 1.900 Euro für eine Zweizimmerwohnung sind alte Menschen gezwungen, ihren Geburtsort zu verlassen, junge Familien können sich nicht einmal ein Zuhause in den Banlieues genannten Vorstädten leisten. Die Zahl der Obdachlosen steigt.

Im vergangenen Winter wagte sich die Stadtverwaltung an eine Arbeit, die wenig erfreuliche Ergebnisse versprach: In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar schickte sie insgesamt 1.700 freiwillige Helfer los, die in Straßen, Bahnhöfen, Parks und Metrostationen die Obdachlosen zählten. Sie kamen auf die erschreckend hohe Zahl von 3.624 Menschen – Männer, Frauen und Kinder ohne fe­sten Wohnsitz, im Verwaltungsjargon SRF (»Sans résidence fixe«) genannt. Menschen, die in der Kälte in billigen Zelten und auf Pappkartons schliefen und am Tag auf den Gehwegen um Hilfe baten. Unter ihnen auch solche, deren Arbeitslohn nicht mehr für die Miete in einer Stadt reicht, die zwar über zahlreiche »Hôtels particuliers« – meist denkmalgeschützte Luxusresidenzen –, aber keine erschwinglichen Mietwohnungen verfügt.

Nun steht wieder ein Winter vor der Tür, und das von der Sozialdemokratin Anne Hidalgo geführte Rathaus stellt fest, daß nicht nur einige zigtausend sogenannte Sozialwohnungen fehlen, sondern auch mehr als 3.000 Übernachtungsplätze für die Obdachlosen. Unter den im vergangenen Februar gezählten »Sans résidence fixe« fehlten zudem jene, die in der fraglichen Nacht in einem der 1.600 von Hilfsorganisationen in Turnhallen und Gemeindezentren hergerichteten Betten schlafen durften. Hidalgos für Wohnungen und Soziales zuständige Stellvertreterin Dominique Versini rief deshalb schon vor Monaten die Zentralregierung zu Hilfe. Bei Staatspräsident Emmanuel Macron und seinem Premierminister Édouard Philippe stieß sie auf wenig Interesse. Teil des neoliberalen Gesamtkonzepts des Kabinetts ist nicht der Bau billiger Wohnungen, sondern der Schutz großer Immobilieneigner.

Die Preise für noble Unterkünfte locken fragwürdige »Investoren« an die Seine: Arabische Scheichs und englische Börsenhaie haben es sich im Herzen der Stadt bequem gemacht und treiben mit gefüllten Geldbeuteln die Preise Jahr für Jahr um rund acht bis neun Prozent nach oben. Auch das kulturelle Erbe leidet: Für seinen Ferrari ließ sich jüngst ein saudischer Milliardär einen Aufzug in seine denkmalgeschützte Residenz einbauen und zerstörte dabei wertvolle Fresken aus dem 18. Jahrhundert.

Im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele, die außer Paris und Los Angeles keine andere Stadt haben wollte, bereiten sich die Immobilienhändler auf eine bisher nie dagewesene »Hausse« des Wohnungsmarktes vor. Die Stadtverwaltung ist dabei, die besten Arrondissements besonders liebevoll für die 2024 zu erwartende Invasion der Sporttouristen und Manager herzurichten. Im Sog des großen Reinemachens haben die Preise in den Quartieren der »Rive gauche« – links der Seine – schon jetzt Rekordhöhen erreicht, dort werden in einigen Bezirken 15.000 Euro für den Quadratmeter verlangt. Und auch in den alten Arbeitervierteln am anderen Ufer sind es bereits 10.000 Euro.

Das mittlere Monatseinkommen der Pariser gibt das Statistische Amt der Stadt mit rund 2.200 Euro an. Eine noch so kleine Zweizimmerwohnung ist nicht mehr für unter 300.000 Euro zu bekommen. Und Studenten der Pariser Universitäten müssen für ein 15 Quadratmeter kleines »Studio« 900 Euro Miete auf den Tisch blättern.

Hansgeorg Hermann, Paris

(Foto: EPA)

Dienstag 6. November 2018