Macrons kalter Krieg

Frankreichs Präsident fordert eine »europäische Armee«. Der Feind heißt Rußland, doch Aufrüstung richtet sich auch gegen China und die USA

Der neue Feind ist der alte und heißt Rußland: Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron will deshalb »eine richtige europäische Armee«, ohne die sich die in der Europäischen Union vereinigten Staaten »nicht verteidigen« könnten. Ausgerechnet während seiner einwöchigen Reise durch den Norden des Landes, wo er seit Sonntag die Schauplätze der furchtbarsten Schlachten des Ersten Weltkrieges aufsucht, erklärte Macron im Jargon eines Kriegsherren: »Angesichts eines Rußlands, das an unseren Grenzen steht und gezeigt hat, wie bedrohlich es sein kann, brauchen wir ein Europa, das sich besser und in souveräner Manier selbst verteidigen kann, ohne von den USA abhängig zu sein.«

Die gegenwärtigen und künftigen »Feinde« beim Namen nennend, sprach der Präsident in einem am Dienstagmorgen veröffentlichten Interview des Radiosenders Europe 1 von »autoritären Kräften, die wieder auftauchen und sich an den Grenzen Europas wiederbewaffnen«. »Die Europäer« müßten sich »vor China, vor Rußland und selbst vor den Vereinigten Staaten von Amerika schützen«. »Europas« Sicherheit sei »das erste Opfer«, wenn sich die US-Amerikaner, wie von ihrem Präsidenten Donald Trump jüngst angekündigt, aus dem im Dezember 1987 in Washington von den USA und der Sowjetunion unterzeichneten INF-Vertrag zum Abbau nuklearer Kurz- und Mittelstreckenraketen zurückzögen.

Macron machte am Montag in Verdun und am Dienstag in Les Éparges an der Meuse Station. Auf den Hügeln des keine hundert Einwohner zählenden Dorfes Les Éparges massakrierten sich im Winter 1914/15 rund fünf Monate lang deutsche und französische Soldaten gegenseitig im Stellungskampf. Die »strategisch wichtigen« Höhen am Rande des Orts sind bis heute von Bomben- und Granattrichtern zerklüftet, immer wieder finden Bauern und Spaziergänger dort menschliche und tierische Skelette. Den Schriftsteller Maurice Genevoix, eine Art französischer Ernst Jünger, der einst in Les Éparges kämpfte und die Schrecken des täglichen, von Jünger »Stahlgewitter« genannten Blutbades detailliert in seinem Roman »Ceux de 14« schilderte, will Macron nun stellvertretend für »jene von 1914« im Pariser Panthéon zur letzten Ruhe betten.

Bei den nicht nur aus heutiger Sicht völlig unsinnigen Massakern starben allein in Les Éparges mehr als 12.000 Soldaten. Diese sind in Macrons Duktus weniger Opfer als vielmehr siegreiche Helden: »Ich will, daß im kommenden Jahr diejenigen von 1914 – einfache Soldaten, Offiziere, Freiwillige, Einberufene, Karrieremilitärs und Generale, aber auch Frauen im Dienste der Kämpfer –, diese ganze Armee, die ein Volk war, dieses ganze Volk, das zu einer siegreichen Armee wurde, im Panthéon geehrt wird. Ich will, daß sie diese heilige Schwelle zusammen mit ihrem Standartenträger Maurice Genevoix überschreiten.«

Macrons Kriegsgeschrei dürfte nicht nur in den französischen und deutschen, sondern in den europäischen Waffenschmieden gerne gehört werden. Während die lukrativen Geschäfte mit arabischen Diktaturen wie Saudi-Arabien zunehmend Widerstand in der Bevölkerung erzeugen, wäre eine von Macron offenbar vorangetriebene Aufrüstung Europas bedeutend leichter zu vermitteln. Auf der Liste der weltweit größten Rüstungsexporteure stehen Frankreich und die deutschen Nachbarn bereits an dritter und vierter Stelle.

Hansgeorg Hermann, Paris

Setzt auf Auf- statt Abrüstung: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 19. Januar 2018 beim Besuch des Marinehafens von Toulon (Foto: AP Pool/EPA-EFE)

Mittwoch 7. November 2018