Wer hat, der hat Chancen

Wahlen in Madagaskar werden vor allem über das Budget der Kandidaten entschieden

Aus gleich 36 Kandidaten durften die knapp zehn Millionen registrierten Wähler in Madagaskar am Mittwoch einen neuen Präsidenten wählen. Die besten Chancen wurden dabei genau den drei Männern eingeräumt, die zuletzt nacheinander an der Spitze des Inselstaats im Indischen Ozean standen: Hery Rajaonarimampianina, der sein Amt erst im September verfassungsgemäß niederlegte, um nun wieder antreten zu dürfen, Vorgänger Andry Rajoelina, der sich 2009 an die Macht geputscht hatte und bis 2014 blieb, sowie Marc Ravalomanana, Präsident von 2002 bis zum Putsch 2009.

Inhaltlich unterscheiden sich die favorisierten Kandidaten kaum, was allerdings nicht groß ins Gewicht fällt, da in der Bevölkerung ohnehin noch präsent ist, daß alle drei schon einmal ihre Wahlversprechen nicht einhielten. Ravalomanana, Chef des größten Milchbetriebkonglomerats des Landes, konnte zu Amtszeiten zwar die Korruption kaum eindämmen, glänzte dafür aber bei der Umsetzung von IWF-Strukturprogrammen. Mit einer marktradikalen Politik und Straßenbauprogrammen kurbelte er die Ausfuhr von Rohstoffen und landwirtschaftlichen Gütern an und erzielte so auf dem Papier Wachstum. Für die Bevölkerung hatte das den Nebeneffekt einer hohen Inflation und rasch steigender Nahrungsmittelpreise. Sein Gesamtwerk ehrte der damalige deutsche Bundespräsident und vorherige IWF-Direktor Horst Köhler 2006 mit dem Bundesverdienstkreuz in der Sonderstufe des Großkreuzes, der höchsten möglichen Auszeichnung. Im Wahlkampf zeigte sich der inzwischen 68-jährige Ravalomanana verärgert darüber, daß »seine« Straßen heruntergekommen sind.

Sein Kontrahent Rajoelina, mit 44 Jahren noch immer der jüngste Kandidat, einst als DJ unterwegs und noch immer ein charismatischer Rhetoriker, verspricht dagegen neue Krankenhäuser, Schulen und Stadien, zudem will er die Strände des Landes ausbauen »wie die in Miami und an der Côte d’Azur«, was er mit imposanten Bilderstrecken auf Großbildleinwänden untermauerte. Dagegen sieht der 60-jährige Wirtschaftsprüfer Rajaonarimampianina sein Land, in dem noch immer mehr als drei Viertel der Bevölkerung in extremer Armut leben, dank seiner ebenfalls von den Bretton-Woods-Institutionen eng begleiteten Arbeit bereits auf dem Weg zu »Fortschritt und Wohlstand«, den er nun fortsetzen will.

Wirklich wichtig sind diese Ansagen allerdings kaum. Was in Madagaskar zählt, sind Präsenz – und Geschenke. Beides konnten, auch aufgrund des völlig maroden Straßennetzes, nur die finanziell am besten ausgestatteten Kandidaten liefern. Weite Teile des Landes sind in annehmbarer Zeit nur per Flugzeug und Hubschrauber erreichbar, was die Kampagnen vieler Kandidaten deutlich einschränkte. Die einflußreichen Bewerber deuteten den Aufschwung, den sie versprechen, derweil mit etlichen Gaben an, allen voran T-Shirts und Nahrungsmittelrationen. Beobachtern zufolge soll aber auch Geld verteilt worden sein, die lokale Unterorganisation von Transparency International berichtete zudem von »Nähmaschinen und selbst Bodenfliesen«, die den Besitzer wechselten.

Wo das Geld für die Kampagnen herkommt, ist derweil unbekannt. Klar ist nur: Die enormen Wahlkampfkosten müssen wieder reinkommen. Und diese könnten sogar noch steigen: Erreicht keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent der Stimmen, folgt am 19. Dezember eine Stichwahl.

Christian Selz, Kapstadt

Von seinen Anhängern gefeiert: Der ehemalige Präsident Madagaskars, Andry Rajoelina, am 3. November bei einer Wahlkampfveranstaltung in Antananarivo (Foto: AP/dpa)

Mittwoch 7. November 2018