Blick nach Süden

Das deutsche Kapital, vormals Platzhirsch, droht auf dem afrikanischen Kontinent ins Hintertreffen zu geraten. Jetzt wird gegengesteuert

Ob es diesmal klappt? Mit einer Menge Geld und deutlichen Worten hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Berliner Gipfeltreffen zum »Compact with Africa« (in etwa »Vertrag mit Afrika«) am Dienstag vergangener Woche versucht, deutsche Unternehmer zu neuen Investitionen in Afrika anzuspornen. »Über viele Jahre hinweg waren wir sehr auf Asien konzentriert«, sagte die Kanzlerin in einer Rede vor Wirtschaftsvertretern aus Deutschland und Afrika sowie einer ganzen Reihe hochrangiger Politiker aus insgesamt elf afrikanischen Staaten, die gekommen waren, um ein Jahr nach dem Start des »Compact«-Projekts unter deutschem G-20-Vorsitz Bilanz zu ziehen.

»Auf Asien konzentriert« – das hieß eigentlich: auf China, denn die Volksrepublik hat das Interesse deutscher Manager in den vergangenen Jahren angezogen wie kein anderes Land auf dem asiatischen Kontinent. Mit dem Stichwort »Asien« hatte Merkel die gedankliche Latte also recht hoch gehängt, bevor sie fortfuhr: »Ich denke, in Zukunft muß sich der Blick mehr nach Afrika wenden.« Damit es nun aber nicht nur bei Worten blieb, kündigte die Kanzlerin einen neuen Investitionsfonds an, aus dem Unternehmen unterstützt werden sollen, die Geschäfte südlich des Mittelmeers planen. Das Volumen? Eine satte Milliarde Euro. Stefan Liebing, Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft, gab sich sprachlos: »Frau Bundeskanzlerin, Sie haben mich als Verbandsvertreter arbeitslos gemacht.«

Deutschland läuft in Afrika, ökonomisch wie politisch betrachtet, die Zeit davon. Es ist noch nicht allzu lange her, da hatte die Bundesrepublik wirtschaftlich erheblich größeren Einfluß auf dem Kontinent als heute. 1992 lieferte sie rund 14 Prozent der Einfuhren, die die afrikanischen Länder benötigten; das war fast soviel wie die USA (15 Prozent). Ein »Platzhirsch« sei Deutschland damals ökonomisch in Afrika gewesen, urteilte vor drei Jahren das Münchner Ifo-Institut. Doch das ist längst vorbei. Die EU-Staaten haben Afrika »zunehmend aus den Augen verloren«, konstatiert die bundeseigene Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest (GTAI) in einer aktuellen Studie, die sich mit der Position Chinas in den 54 Ländern des Kontinents befaßt.
Wichtigeres, Lukrativeres stand seit 1992 für deutsche Unternehmen auf dem Programm: Zunächst die Expansion in die kapitalistisch gewendeten Länder Ost- und Südosteuropas, dann das eine Zeitlang verheißungsvolle Rußland-Geschäft, vor allem aber das Bestreben, an dem gewaltigen Aufschwung teilzuhaben, den die Volksrepublik China nahm. Der Handel mit Afrika und Investitionen auf dem Kontinent verloren demgegenüber an Attraktivität. Die Folge: Der deutsche Anteil an Afrikas Einfuhren ist deutlich gesunken und lag nach Berechnungen der GTAI im Jahr 2016 nur noch bei 6,6 Prozent. Der deutsche Investitionsbestand ging sogar zurück – von zwölf Milliarden US-Dollar 2010 auf elf Milliarden 2016.

An Boden verloren

Zurückgefallen ist Deutschland in Afrika dabei weniger gegenüber seinen alten westlichen Rivalen, den ehemaligen Kolonialmächten Frankreich und Britannien und den USA, die es beim Afrika-Handel heute übertrifft, sondern vor allem gegenüber neuen Konkurrenten, allen voran – aber nicht nur – China. Lieferte die Volksrepublik im Jahr 1992, als die Bundesrepublik noch einer der Hauptexporteure nach Afrika war, gerade einmal zwei Prozent der afrikanischen Importe, so sind es heute laut GTAI 22,6 Prozent; das ist mit riesigem Abstand der erste Platz. Bei den Direktinvestitionen liegt China mit einem Bestand von 40 Milliarden US-Dollar (2016) noch auf Platz vier hinter Frankreich, den USA und Britannien und weit vor der BRD; das hohe Tempo, das chinesische Unternehmer an den Tag legen, läßt aber vermuten, daß die Volksrepublik in absehbarer Zeit auch bei den Investitionen ganz vorne stehen wird.

»Chinesische Unternehmen agieren schnell und risikofreudig«, bilanziert die GTAI, während deutsche Firmen »die zum Teil hohen Risiken, die mit einem Engagement auf dem Kontinent verbunden sind«, eher scheuten; sie seien im Vergleich zur chinesischen Konkurrenz träge geworden.

Auch Länder, deren ökonomisches Potential in Deutschland immer noch kaum jemand ernst nimmt, haben ihren Einfluß in Afrika inzwischen deutlich gesteigert. Indien etwa: Das Land liefert laut GTAI mit 5,6 Prozent der afrikanischen Importe nicht mehr viel weniger als Deutschland, und es hat mittlerweile mit einem Bestand von 14 Milliarden US-Dollar eine größere Summe auf dem Kontinent investiert als die Bundesrepublik.

Oder die Türkei: Sie dockt unter dem Islamisten Erdogan vor allem in islamisch geprägten Ländern und Regionen an und ist damit durchaus erfolgreich. Das Volumen der türkischen Investitionen in Afrika ist laut offiziellen Angaben von schlappen 100 Millionen US-Dollar im Jahr 2003 auf 6,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 gestiegen; das türkisch-afrikanische Handelsvolumen hat sich binnen nur 15 Jahren versechsfacht – auf 17,5 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017. Zwar liegt es noch deutlich hinter dem deutsch-afrikanischen Handel; doch holt die Türkei gegenüber der Bundesrepublik auf, die sich – selbstverliebt, wie sie ist – immer noch als eine der führenden Mächte in Afrika begreift.

Wollen die deutschen Eliten ihren ökonomischen und damit letzten Endes auch politischen Einflußverlust in Afrika stoppen, dann bleibt ihnen nur eines: ihre Aktivitäten auf dem Kontinent rasch ausweiten, denn, so formuliert es die GTAI, »Präsenz zählt«. Deshalb hat die Bundesregierung begonnen, mit dem »Compact with Africa« deutsche Investitionen in afrikanischen Ländern zu fördern; deshalb setzt sie nun mit dem milliardenschweren Investitionsfonds alles auf eine Karte: jetzt oder nie.

Umfassend und flächendeckend

Chinas Erfolg in Afrika ist umfassend und flächendeckend: Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie von GTAI und DIHK. Die Volksrepublik dominiert demnach mittlerweile »als Exporteur von Gütern nahezu alle Regionen, Länder und Branchen« auf dem afrikanischen Kontinent. Am schwächsten ist sie mit einem Lieferanteil von »nur« 14,5 Prozent in Nordafrika, der traditionellen Einflußzone der EU an der Südküste des Mittelmeers. Unterdurchschnittlich (21,5 Prozent) beliefert sie auch das südliche Afrika; in Südafrika sind vor allem deutsche Konzerne bereits seit Apartheid-Zeiten stark präsent. Die Länder Westafrikas hingegen beziehen inzwischen 29,8 Prozent ihrer Einfuhren aus China, die Länder Ostafrikas sogar 36,1 Prozent.
Die »Wettbewerbsschwäche deutscher Lieferanten in Afrika« zieht sich, so formulieren es GTAI und DIHK, »quer durch alle Branchen«. Habe China im Jahr 2000 auf dem afrikanischen Kontinent in 20 relevanten Branchen nur »bei Textilien, Bekleidung sowie Schuhen« vor Deutschland gelegen, so hat sich das Verhältnis inzwischen umgekehrt: Die Bundesrepublik liefert nur noch in drei Bereichen mehr als die Volksrepublik nach Afrika – Arzneimittel, Medizintechnik und Autos. Selbst in traditionellen deutschen Paradebranchen wie dem Maschinenbau ist sie zurückgefallen:

China liefert um 60 Prozent mehr Maschinen in afrikanische Länder und hat Deutschland sogar in der Meß- und Regeltechnik deutlich abgehängt. In der Baubranche deklassiert es alle: Der Anteil chinesischer Unternehmen am Gesamtgeschäft internationaler Baufirmen in Afrika belief sich 2016 auf 56,2 Prozent. Daß deutsche Autokonzerne immerhin noch knapp 20 Prozent aller afrikanischen Kfz-Importe stellen, ist da ein schwacher Trost.

China als Türöffner?

Was sollen deutsche Unternehmen tun, um in Afrika wieder in die Offensive zu kommen? Die bundeseigene Außenwirtschaftsagentur Germany Trade and Invest (GTAI) hat allen Mut aufgebracht und gemeinsam mit dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) einen Vorschlag vorgelegt, der den macht- und profitbewußten deutschen Eliten wohl nicht wirklich schmeckt: Wenn es schon nicht gelingt, sich gegen die inzwischen übermächtige chinesische Konkurrenz in Afrika durchzusetzen – warum soll man es dann nicht, anstatt schmollend in der Ecke zu sitzen, einfach als ihr Juniorpartner versuchen? Wie wäre es, wenn man sich in Zukunft häufiger als Zulieferer chinesischer Generalunternehmer betätigt und daraus seine Profite zieht?

Wenn man ehrlich ist, heißt es in einer aktuellen Studie, mit der GTAI und DIHK ihren Vorschlag begründen, dann ist genau dieses Modell längst Realität. Ein Beispiel: Siemens hat im Juni Kooperationsabkommen mit zehn mächtigen chinesischen Konzernen unterzeichnet, die auf eine gemeinsame Erschließung von Märkten in Südostasien, Lateinamerika und Afrika zielen – in Ländern, in denen China zum Beispiel über größere Infrastrukturprojekte erheblichen Einfluß gewonnen hat und nun dem Münchner Konzern als Wegbereiter dient.

»Auch für Mittelständler und kleinere Spezialanbieter können derartige Kooperationsvereinbarungen den Weg in unsichere Märkte zumindest erleichtern«, schreiben GTAI und DIHK: Man solle sich etwa »im Infrastrukturbereich nicht als Konkurrenten, sondern als Partner« chinesischer »Generalunternehmer und Investoren« aufstellen. Auf diese Weise »könnten deutsche Unternehmen profitieren«.

Um herauszufinden, ob das Modell in größerem Maßstab funktionieren kann, haben GTAI und DIHK eine Umfrage unter mehr als 400 Unternehmen gestartet. Und es zeigt sich: Zwar hat mehr als die Hälfte von ihnen noch keine Erfahrung mit einer deutsch-chinesischen Kooperation in Afrika gemacht. Ungefähr ein Fünftel der befragten Firmen berichtete aber »von einer erfolgreichen Zusammenarbeit«, und ein weiteres Fünftel zeigte sich »an einer Zusammenarbeit interessiert«.

Dabei richtet sich das Interesse besonders auf Projekte in Ländern, in denen deutsche Unternehmen noch kaum präsent sind: in Angola etwa, in Nigeria, Äthiopien, Simbabwe, Sambia und Mosambik. Die Studie von GTAI und DIHK zitiert einen chinesischen Manager mit der Einschätzung, Firmen aus der Volksrepublik seien durchaus bereit, deutschen Unternehmen in Afrika Aufträge zu verschaffen oder auch »als autorisierte Händler deutscher Hersteller« aufzutreten: »Deutsche Unternehmen sollten daher aktiv auf chinesische Unternehmen in Afrika zugehen.«
Genau dies aber könnte sich als Knackpunkt erweisen: Letztlich der Juniorpartner zu sein, der auf einen chinesischen Chef zugehen muß – das ist nichts, was dem Machtanspruch der deutschen Eliten in Afrika entspricht.

Jörg Kronauer

Anfang September hatte Chinas Führung zum Gipfeltreffen des Forums für die China-Afrika-Kooperation nach Peking geladen
(Foto: GETTY IMAGES ASIAPAC POOL/EPA-EFE)

Mittwoch 7. November 2018