Der Mond als Marktplatz

Die Europäische Raumfahrtagentur ESA soll verstärkt in Rivalität zu privaten US-amerikanischen Weltraumunternehmen treten

Bei der jüngsten Zusammenkunft der für Raumfahrt zuständigen Minister aus den 22 ESA-Mitgliedstaaten Ende Oktober bei Madrid hat, wie berichtet wird, der deutsche ESA-Generaldirektor Johann-Dietrich Wörner einen »Fahrplan für die weitere nachhaltige und effiziente Finanzierung und Durchführung von Weltraumprogrammen in Europa« vorgelegt, der die ESA als »Hauptakteur der neuen Ära des globalen Vorhabens zur Exploration des Weltraums« positionieren soll. Die strategischen Planungen sind äußerst ambitioniert: »Auf zum Mond und anschließend zum Mars« soll es laut der europäischen Raumfahrtagentur gehen. Er sei »sehr glücklich«, einen neuen »klaren Kurs« für die Organisation festgelegt zu haben, erklärte Wörner auf einer Pressekonferenz am 25. Oktober in Anschluß an das Strategietreffen.

Staatsunterstützung gegen die USA-Konkurrenz

Die Neuausrichtung der ESA vollzieht sich, wie es heißt, unter »dem Druck stark wachsender Konkurrenz durch private USA-Firmen«. Bereits im Vorfeld der Tagung hatte der CEO des europäischen Raketenbetreibers Arianespace, Stéphane Israël, offen massive staatliche Interventionen zugunsten des europäischen Weltraumprogramms gefordert: Die europäischen Trägersysteme müßten zwar »billiger werden«; doch brauche man zugleich die »Unterstützung unserer Regierungen«. So sollten – in einer Art Weltraum-Protektionismus – alle europäischen Weltraumaufträge nur noch an Firmen aus Europa vergeben werden.

Zur Zeit läßt die ESA als Antwort auf USA-Konkurrenten wie das Unternehmen SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk die neuen Trägerraketen »Ariane 6« und »Vega C« entwickeln, die Weltraumfracht um bis zu 50 Prozent billiger vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ins All befördern sollen. Im Jahr 2020 soll die »Ariane 6«, für die schon sechs Aufträge vorliegen, ihren ersten Start absolvieren. In einer gemeinsamen Erklärung am Rande der Tagung brachten Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Schweiz ihren »uneingeschränkten Rückhalt für die europäische Raumfahrzeugträger-Industrie« zum Ausdruck.

»Politisches Hickhack«

Der kometenhafte Aufstieg privater USA-Weltraumunternehmen – Musks SpaceX oder die Firma Blue Origin des Amazon-Oligarchen Jeff Bezos – bereitet der Industrie in Europa derzeit große Sorgen. Da beide USA-Konzerne von Washington mit gut dotierten Aufträgen versorgt würden, könnten sie die Preise auf dem kommerziellen Weltraummarkt drücken, klagen europäische Hersteller regelmäßig: »Händeringend« suche man nach einem »Mittel gegen Amerikas Kampfpreise«, heißt es. Um die 100 Millionen US-Dollar pro Auftrag erhalte SpaceX von Washington, weshalb Musk seine Raketen im Ausland deutlich billiger anbieten könne; die dränge die Konkurrenz »aus dem Markt«. Überdies leide das europäische Weltraumprogramm an der »dezentralen Fertigung«: Nicht »Qualität und Effizienz« stünden im Vordergrund, sondern der Länderproporz – »politisches Hickhack«, dem die USA-Konkurrenz nicht ausgesetzt sei.

Schon Anfang Oktober hatte Airbus-Chef Tom Enders die Politik aufgefordert, die Expansion in den Weltraum zu forcieren. Die europäische Raumfahrt müsse sich »neu erfinden«, verlangte Enders auf dem Raumfahrtkongreß IAC in Bremen; ansonsten werde Europa den Anschluß verlieren und »den nächsten Goldrausch im All verpassen«. Auf dem alten Kontinent reagiere man zu langsam auf die Revolution des »New Space«. Als »New Space« werden Unternehmen, Geschäftsmodelle und Technologien bezeichnet, die die kommerzielle Ausbeutung des Weltraums ermöglichen sollen. Die Raumfahrt erlebe einen »fundamentalen Wandel«, der die traditionelle Raumfahrtindustrie bedrohe und zugleich eine »Chance für einen Aufbruch« darstelle, erklärt Enders; dazu sei allerdings eine effiziente Reorganisation der ESA notwendig. Es gehe nicht an, daß in »vielen Ländern Teile für eine Rakete« hergestellt würden, die man dann »durch ganz Europa transportieren« müsse, um sie zu montieren. Frankreich und Deutschland müßten – als größte Beitragszahler – bei der Reorganisation der ESA »eine Führungsrolle übernehmen«.

»Orbital Economy«

Strategisches Ziel auch des europäischen Weltraumprogramms muß laut Enders die kommerzielle Ausbeutung des Weltraums sein. Er könne beim besten Willen nicht erkennen, »was daran unethisch sein soll, auf irgendwelchen Felsbrocken, die im Weltall rumtaumeln, Bodenschätze zu nutzen«, äußerte Enders im Oktober in einem Interview über Pläne zum Rohstoffabbau auf Asteroiden. Der Airbus-Chef bewarb dabei sein Konzept einer »Orbital Economy«, das den Aufbau eines eigenständigen weltraumgestützten Wirtschaftssystems jenseits der Erde vorsieht. Dabei spielt nicht nur der Rohstoffabbau im All eine Rolle, sondern auch die industrielle Erschließung des Mondes: »Der Aufbau von Fertigungsanlagen, das Gewinnen von Bodenschätzen auf dem Mond würde viele Vorteile für weitere Raumfahrtunternehmungen bringen.«
Der Erdtrabant soll demnach als eine Art Sprungbrett zur weiteren »kommerziellen« Expansion im Sonnensystem dienen, »zum Beispiel zum Mars«, fordert Enders. Es sei an der Zeit, »den Mond wieder zu betreten und ihn als Basis zu nutzen«; dies müsse das langfristige Ziel europäischer Weltraumpolitik sein. Der deutsche Manager umriß seine Zukunftsvision: Wenn die EU die Raumfahrt nur energisch genug vorantreibe, dann »werden wir zumindest noch in meiner Lebenszeit europäische Produkte – auch mit dem Airbus-Logo – auf dem Mond sehen«.

Wirtschaft drängt zu Kommerzialisierung des Alls

Die deutsche Wirtschaftspresse nimmt bereits den Mond als neuen »Marktplatz« ins Visier, der von der deutschen Wirtschaft »erobert« werden solle. Dabei schreitet die staatliche Unterstützung für die Kommerzialisierung des Alls der Industrie noch nicht schnell genug voran. Unternehmerverbände begrüßten unlängst die Wahlkampfinitiative des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der unter dem Markennamen »Bavaria One« ankündigte, rund 700 Millionen Euro in neue Satelliten und die »größte Raumfahrtfakultät Europas in München« zu investieren. »New Space« sei bereits Realität, schwärmt der BDI-Abteilungsleiter Sicherheit und Rohstoffe, Matthias Wachter; es eröffneten sich »völlig neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder«. Es werde immer »einfacher und günstiger, Dinge in den Weltraum und zurück zu befördern«.

Dem Abbau seltener Rohstoffe auf Asteroiden kamen Deutschland und Frankreich Anfang Oktober ein Stück näher, als ihre Landeeinheit »Mascot« von der japanischen Raumsonde »Hayabusa 2« erfolgreich auf dem erdnahen Asteroiden Ryugu abgesetzt werden konnte. Die Sonde soll den Asteroiden, der gut 300 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist, erforschen und die Daten nach Europa übermitteln. Inzwischen herrsche ein regelrechter Wettlauf zum Mond, heißt es, da die USA-Konkurrenz schon im Jahr 2023 über Landesysteme verfügen werde, die »mehrere Tonnen Nutzlast auf die Mondoberfläche zu bringen« könnten.

Berichten zufolge gibt es in der Bundesregierung inzwischen aber auch
Überlegungen, sich an dem USA-Mondprojekt »Lunar Gateway« zu beteiligen, einer Mondbasis, die die weitere Exploitation des Weltraums ermöglichen soll. »Wir wollen allerdings, daß es ein Gemeinschaftsprojekt wird. Und deutsche Technologie muß auch klar erkennbar sein«, fordert der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek. Auch der BDI zielt auf den Mond. »Wenn die ISS-Mission endet, sollte sich Deutschland für ein ehrgeiziges Folgeprojekt einsetzen«, verlangt BDI-Abteilungsleiter Wachter. Jarzombek wiederum hat die Forcierung eines Weltraumgesetzes angekündigt, das die Haftungsrisiken der Weltraumindustrie mindern soll, etwa bei Schäden, die durch Fehlstarts oder Satellitenkollisionen entstünden. Ziel der Gesetzesinitiative sei es, »daß unsere Regeln nicht schlechter sind als die anderer europäischer Länder«, erklärt der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung. Jarzombek schwebt eine Art »Space-Hermes« vor: »Eine Versicherung nach dem Muster der staatlichen Hermes-Exportkreditversicherung.«

German Foreign Policy

Die von der japanischen Raumfahrtbehörde JAXA zur Verfügung gestellte Computergrafk zeigt das deutsch-französische Messgerät »Mascot«, das von der japanischen Raumsonde »Hayabusa2« rund 300 Millionen Kilometer von der Erde entfernt auf den Asteroiden Ryugu transportiert wurde
(Foto: JAXA/AP/dpa)

Donnerstag 8. November 2018