Unser Leitartikel:
Angefixt von der Pharmaindustrie

In US-amerikanischen Vorstädten hat sich der massenhafte Gebrauch synthetischer Schmerzmittel zu einem handfesten Problem ausgewachsen. Von einer regelrechten »Opioidkrise« ist inzwischen die Rede. Starben zwischen 1999 und 2014 bereits mehr als 165.000 Menschen in den USA an einer Überdosis schmerzhemmender Medikamente, so waren es allein im vergangenen Jahr bereits 70.000.

Laut dem »National Institute on Drug Abuse« bedeutet das eine Verdreifachung innerhalb eines Jahrzehnts. Auch in diesem Jahr wird von einer neuerlichen Zunahme der Todesfälle ausgegangen. Die allermeisten Menschenleben fordern Opioide. Das sind natürliche oder synthetische Substanzen, die morphinartige Eigenschaften haben. Zu ihnen zählen auch illegale Opiate wie Morphium und Heroin, die aus dem Opium des Schlafmohns gewonnen werden. Seit Anfang der 90er Jahre wurden synthetische Opioide von Pharmakonzernen in den USA aggressiv als Schmerzmittel »vermarktet«.
Zum Teil mit unseriösen Gefälligkeitsgutachten wurden solche Präparate als »nicht suchtgefährdend« in der Werbung angepriesen. Später etablierten sie sich dennoch als regelrechte Einstiegsdroge für das verbotene Heroin, das – auch wegen der Beimischung hochpotenter Schmerzmittel wie Fentanyl – derzeit auf dem
US-amerikanischen Schwarzmarkt billiger zu haben ist als je zuvor.

Selbst den Behörden gilt die jahrzehntelange laxe Verschreibungspraxis mittlerweile als ein Auslöser für die eskalierende Drogenkrise der USA. Doch das wollen der US-amerikanische Pharmakonzern Purdue, der das bekannte Opioid Oxycontin herstellt, und das britische Unternehmen Mallinckrodt, das Oxycodon auf den Markt gebracht hat, und all die anderen Hersteller synthetischer Opioide nicht auf sich sitzen lassen. Sie haben schließlich mit ansehen müssen, wie es den großen Tabakkonzernen und ihren Aktionären in den 90er Jahren ergangen ist, die in den USA mehr als 200 Milliarden US-Dollar Bußgeld berappen müssen.

Bei Purdue und Co. bewegten sich die Vergleiche mit USA-Bundesstaaten, die den Konzernen vorwarfen, die Gefahren ihrer süchtig machenden Schmerzmittel nicht vollständig offengelegt zu haben, bisher noch im Millionenbereich. Parallel dazu gaben die Pharmakonzerne im vorletzten Jahr Millionen von Dollar für eine leider erfolgreiche Lobbykampagne aus, die das Ziel verfolgte, die Drogenverfolgungsbehörde DEA zu schwächen. Diese sollte nach dem Willen der Pharmalobby in ihren Möglichkeiten beschnitten werden, Unternehmen zu bestrafen, die zu viele Opioide verschreiben.
Von der Opioidkrise in den USA sind nicht allein die Arbeiterklasse oder die Armen betroffen. Verwandte des 2016 ebenfalls an einer Überdosis verstorbenen Musikers Prince verklagten seinen Arzt, weil er den Künstler nicht wegen seiner Sucht nach Fentanyl behandelte oder beriet. Diese Droge, an der Prince starb, ist 50-mal stärker als Heroin. Der Musiker nahm das Medikament gegen Hüftschmerzen ein, die durch jahrelange Auftritte auf der Bühne entstanden waren.

Während Prince wohl jeden Therapieplatz hätte bezahlen können, sind die meisten seiner abhängigen Landsleute gezwungen, ihren Drogenentzug mit synthetischen Substanzen einzuleiten. Das freut die Konzerne: Allein die Pille Oxycontin soll ihrem Hersteller Purdue mehr als 30 Milliarden Dollar in die Kassen gespült haben.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 8. November 2018