Nachrichten vom Hauptstadt-Schöffenrat:

Höchst zufrieden ins nächste Jahr

Die Stadt erstickt im Stau der zur Lohnarbeit Einpendelnden, der Kundschaft und beider Parkplatzsuche. Allein im Monat September kamen zu den bereits viel zu vielen Arbeitsplätzen in der Hauptstadt über weitere Tausend hinzu. Es gab keine andere Wahl als sich dahin mit dem Auto zu bewegen, denn die Züge und Busse liefern bereits das tolle Sardinenbüchsengefühl zu jenen Zeiten, in denen es gilt zur Arbeit anzutreten. Aber Leute, freut Euch über jeden Stau, in dem Ihr heute Eure Zeit verliert, denn in fünf Jahren wird es noch viel schlimmer sein!

Zynisch finden Sie das? Nein, das ist Realismus, denn für den Schöffenrat, der glaubt er sei der beste aller Zeiten, ist das überhaupt kein Problem. In dieser Zeit, die laut CSV-Schöffe Wilmes »eng wichteg Zeit fir de Commerce as«, hofft der Schöffenrat, daß die Geschäftsleute gute Geschäfte machen und die Kunden brav einkaufen kommen, angelockt von den »Winterlights«. Er freut sich über drei neue Geschäfte in der Rue Louvigny und versichert, der beleuchtete Schriftzug des Straßennamens komme nach der Weihnachtsbeleuchtung wieder hin.

Darüber hinaus gibt es seit vorgestern bis zum 23.12. ein Zelt für einen Markt mit lokalen Produkten, der, außer montags, von 11.00 bis 19.00 Uhr geöffnet ist. Wenn die Tiefgarage darunter renoviert ist, was im Anschluß an den Knuedler-Ausbau geschieht, soll dort dauerhaft ein überdachter Markt hinkommen. Also kauft, Kinderlein kauft, es gilt dem Konsumismus zu huldigen!

Dahin paßt wunderbar die Testphase mit »Augmented Reality« von »VR Timetravel«, eine geführte Tour zu Fuß in den Pfaffenthal und dort mit dem Bus ins virtuelle 19. Jahrhundert, die jeden Sonntag mit 5 Personen pro Gruppe für rund zwei Stunden startet zwischen 13.30 und 14.30 Uhr vorm »Luxembourg City Tourist Office«. Das ist nicht in London, sondern am Knuedler, und da gibt es Tickets um 15 € für Erwachsene und um 10 € für Jugendliche. Wer unter 8 Jahren ist, darf nicht mit. Eltern sind also gebeten, ihre Kinder in der Krippe des Geschäftsverbands abzugeben.

Transparenz war ein Zwischenspiel

Ansonsten wußte die Bürgermeisterin mitzuteilen, der Budgetvoranschlag 2019 werde kommenden Montag ab 14.30 Uhr im Gemeinderat vorgestellt. Es hatte nicht wirklich wer angenommen, die letzte Woche versandte Tagesordnung werde umgestoßen, aber wer zumindest Eckdaten wie unter Bürgermeister Helminger erwartet hatte, wurde enttäuscht.

Wir erlaubten uns nachzufragen, warum das »budget participatif« endgültig gestorben ist, und erhielten zur Antwort, das habe wenig bis gar keinen Anklang gefunden, sei aber ein großer Aufwand gewesen. Ja, selbst wenig Politisierte hatten da schnell begriffen, daß außer Meckern keine Bürgerbeteiligung möglich war, und daß selbst die im weltweiten Netz verhallte. Aber es war eine wirklich transparente Information schon einen Monat vor den Budgetdebatten im Gemeinderat, zu viel Transparenz für den DP-CSV-Schöffenrat!

Fahren Sie Rad!

Aus eigener Erfahrung wissen wir, daß es trotz aller Schwierigkeiten in der Hauptstadt am besten mit dem Fahrrad geht, vorbei an Staus und Baustellen. Da freuen wir uns natürlich ganz besonders, wenn uns garantiert wird, bei der Verlegung für 12 Monate des zweimal in der Woche stattfindenden Markts von der Place de Paris in den Teil der Rue Zithe, der nur zu Fuß und am Fahrrad durchquert werden darf, die Durchfahrt für Fahrräder offen bleibt.

Das ist umso netter, hat doch der Gemeinderat in der letzten Sitzung abgesegnet, daß die Parkplätze längs des »Rousegärtchen« in der Zitha-Straße wegkommen, damit Fahrräder die Straße in beiden Richtungen befahren können. Weil der Schöffenrat die von 100 Bussen in der Stunde befahrene Busspur in der Neuen Avenue zwischen Bahnhof und Place de Paris nicht für Fahrräder öffnen will, beseitigt er die Parkspur samt der dortigen Bäume auf der linken Seite der Alten Avenue vom Star bis zur Rue Bourbon zugun­sten eines Fahrradwegs. Das ist ein nettes Provisorium bis die Tram fährt, denn dann ist kein Durchkommen mehr Richtung Rue Zithe durch die Rue Bourbon möglich. Fragt sich, warum das nicht fertig sein konnte, als die Fahrradspur in zwei Richtungen am Viaduc zuging.

Der Schöffenrat weist unzivilisierte Fahrradfahrer, die frecherweise am Viaduc auf dem einzig verbliebenen Bürgersteig fahren, darauf hin, daß das gar nicht geht. Sie dürfen wohl mit den Autos auf der Straße fahren, müssen aber in der anderen Richtung über die Neue Brücke oder darunter.

Bis zur Einweihung der Pedelec-Velohs am Freitag um 11 Uhr am Knuedler sollen 60% der Stationen fertig umgestellt sein, hieß es gestern. Als Leckerli kriegen die ersten hundert bei der Einweihung ein Gratis-Jahresabo aus dem Stadtbudget.
Auch Autofahrer kriegen ein Leckerli. Die Tarife im Parking Hamilius, der seit zwei Monaten offen ist, werden abgesenkt und es kostet ab sofort gleich viel wie im Knuedler. Es gibt dort noch viel Platz, fuhren doch im Oktober und November durchschnittlich nur 331 Autos am Tag rein, wobei es am Sonntag 272 und am Samstag 771 waren. Rein geht es nur über die Avenue Monterey, raus über die Avenue Reuter.

Gestern Abend waren die Neu-Luxemburger des Jahres 2018 ins Zirkuszelt am Glacis eingeladen: 357 wurden‘s durch Naturalisierung, 1.215 durch Option und 3.639 unter dem Titel »Recouvrement«, worunter vor allem jene fallen, die Vorfahren hatten, die 1900 Luxemburger waren. Die Möglichkeit läuft aus.

Wer bis Ende des Jahres das dafür nötige Papier nicht im Justizministerium hat ausstellen lassen, für den geht das nicht mehr. Wer das Papier hat, kriegt noch zwei Jahre Zeit, um die Unterschrift vor einem Standesbeamten zu leisten.
Es wird also nächstes Jahr sicher keine 5.111 Neu-Luxemburger setzen. 1.683 davon kamen aus Frankreich, 956 aus Brasilien, 916 aus Belgien, 572 aus den USA, 116 aus Großbritannien dank Brexit, je 110 aus der BRD und aus Portugal, 106 aus Italien, 56 aus Spanien und 25 von den Kapverden.

Ach ja, die Bürgermeisterin hofft, die »Streetworker« hätten genug Einfluß, um Obdachlose dazu zu bewegen, nicht im Freien zu übernachten, wo sie erfrieren können. An eine Beseitigung der Obdachlosigkeit, etwa durch »housing first« (wenn schon alles auf Englisch sein muß), ist nicht gedacht. So ist das halt im Kapitalismus!

jmj

Mittwoch 28. November 2018