Unser Leitartikel:
Die dunkle Jahreszeit

Bereits seit einiger Zeit wird von Sécurité routière und zuständigem Ministerium wieder verstärkt darauf aufmerksam gemacht, daß in der dunklen Jahreszeit Radfahrer und Fußgänger für eine entsprechende Sichtbarkeit im Straßenverkehr sorgen mögen, da die kürzeren Tageslichtphasen entsprechend die Sichtverhältnisse einschränken, dies erst recht bei Nebel oder Regen.

Die Kampagne ist nicht mehr ganz neu, scheint aber nicht viele Fußgänger im Straßenverkehr wirklich erreicht zu haben bisher. Dazu kommt, daß sich viele Menschen ihrer »Unsichtbarkeit« entweder nicht bewußt sind oder es ihnen schlicht egal ist. Seit einiger Zeit werden nicht nur Radfahrer seitens des Infrastrukturministeriums massiv aufgefordert, offensiver am Straßenverkehr teilzunehmen, auch Fußgänger sollen animiert werden, Straßen nicht mehr nur an den gekennzeichneten Stellen, wie Zebrastreifen zu überqueren, sondern, wo es ihnen gerade lieb ist. Das erinnert ein bißchen an die medialen Aufrufe früherer Jahre an »Verbraucher«, es sei ihr »gutes Recht« im Laden ruhig Tüten aufzureißen, um das Aussehen von Waren und Nahrungsmitteln zu begutachten.

Eine derartige Entlassung einzelner Fraktionen von Verkehrsteilnehmern aus der kollektiven Verantwortung um Regeln und die Sicherheit im Straßenverkehr steht allerdings den Bemühungen um die Verbesserung der Sicherheit in der dunklen Jahreszeit diametral entgegen. Eingefleischte Gegner des Automobils in Luxemburg stellen den Autofahrer grundsätzlich unter Generalverdacht und schieben ihm als »starkem Verkehrsteilnehmer« eine Hauptschuld zu, wenn sogenannte »schwache Verkehrsteilnehmer«, wie Radfahrer oder Fußgänger in Unfälle mit ihnen verwickelt wurden.

Dabei sind es nicht selten beispielsweise Fußgänger, die dunkel gekleidet zwischen parkenden Autos zehn Meter vor oder hinter einem Zebrastreifen auf die Straße sprinten oder gar ganz gemütlich quer über eine Hauptverkehrsstraße laufen. Radfahrer, mal mit, mal ohne Beleuchtung, scheinen sich häufig nicht an roten Ampeln zu stören, wurschteln sich durch den fließenden Querverkehr und machen dabei gestikulierend auf ihr natürliches Vorrecht des »Schwächeren« aufmerksam.
Es ist also beileibe nicht immer die Schuld beim motorisierten, vierrädrigen Verkehr zu suchen, auch wenn dieser ebenfalls nicht frei von Schwarzen Schafen ist. Anstelle einer einseitigen Kampagne von »David gegen Goliath« wäre eine einschließende und nicht ausgrenzende Verkehrskampagne angebrachter, welche die Vorteile gemeinsamer Verantwortung und Rücksicht herausstreicht. Ansätze gab es ja bereits.

Und was nützen geforderte 30 km/h innerorts, wenn Fußgänger noch immer gut getarnt auf die Straße laufen? Wäre es nicht sinnvoller, anstatt die Ortskerne zu prestigeträchtigen »Begegnungszonen« umzubauen, auch einmal die Straßenbeleuchtungen und insbesondere die Lichtsituation an Zebrastreifen in den Straßen außerhalb des unmittelbaren Zentrums zu verbessern? In einer übergeordneten Kategorie stellt sich weiterhin die Frage nach der Verbesserung des Öffentlichen Transports, bevor man darüber nachdenkt, ihn gratis zu machen.
Der tägliche Straßenverkehr ist ein hoher Streßfaktor für alle Beteiligten. Doch des Hin- und Herschieben von Verantwortung ist nicht zielführend.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 29. November 2018