Welle der Solidarität

Beschäftigte einer Werft in Nordengland streiken für Erhalt gesicherter Arbeitsplätze

In Britannien sind qualifizierte und gut bezahlte Arbeitsplätze Mangelware. Gleichzeitig nimmt die Prekarisierung in vielen Branchen zu. Dort, wo es noch Arbeitsplätze in der Industrie gibt, kommt es zu harten Verteidigungskämpfen, wenn Unternehmen mit Stellenabbau und Kündigungen drohen.

Jüngstes Beispiel ist die in der Nähe von Liverpool gelegene Werft von Cammell, Laird & Company. Dort sollen bis März knapp 300 Stellen gestrichen werden. Davon wären 40 Prozent der Belegschaft betroffen. Und das, obwohl die Werft erst im Oktober einen neuen Wartungsvertrag mit der britischen Marine im Wert von 619 Millionen Pfund (rund 695 Millionen Euro) verkünden konnte und 300 zusätzliche Arbeitsplätze sowie 100 Ausbildungsplätze versprochen hatte.

Seit dem 26. November wird die Werft bestreikt. Diese Kampfmaßnahme soll vorerst drei Wochen andauern und wird gemeinsam von den Industriegewerkschaften GMB und Unite organisiert. Neben Kündigungen befürchten die gewerkschaftlichen Vertrauensleute auf der Werft die Schaffung neuer Stellen auf Zeitarbeitsbasis. Auch mit den berüchtigten »Null-Stunden-Verträgen« wird gerechnet. Dabei handelt es sich um Arbeitsverträge, die Beschäftigte dazu verpflichten, ihrem Arbeitgeber rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen, ohne jedoch eine Mindestzahl von bezahlten Arbeitsstunden garantiert zu bekommen.

Unite und GMB haben deshalb die Kampagne »Turning the tide against casualisation« (Die Welle der Prekarisierung zurückschlagen) gegründet. Zentrales Mittel ist der Streik. Ziel ist laut den Gewerkschaften die Rücknahme aller Kündigungen und die Verhinderung prekärer Verträge auf der Werft.

Die »Welle der Prekarisierung« wurde längst mit einer Welle der Solidarität beantwortet. Lkw-Fahrer von Zulieferbetrieben weigern sich, mit ihren Lastern auf das Werftgelände zu fahren, solange der Arbeitskampf andauert. Nach Angaben der Gewerkschaften ist es deshalb bereits zu ernsten Engpässen bei Arbeitsmaterialien und bei der Gasversorgung gekommen.

Jeden Tag besuchen Delegationen anderer Gewerkschaften die Streikposten. Auch die lokale Labour-Partei ist vor Ort. Parteichef Jeremy Corbyn versprach den Streikenden seine Unterstützung. Labour-Stadtrat Tony Norbury forderte im Internet: »Unsere Stadtverwaltung muß die Kontrolle über unsere Werft zurückbekommen.«
Doch nicht alle in der Partei zeigen sich mit den Arbeitern solidarisch. Der Unterhausabgeordnete Frank Field gab in einem Interview für den Fernsehsender »Granada TV« am 26. November den Gewerkschaften eine Mitschuld an der verfahrenen Situation. Als Reaktion darauf fordern Labour-Aktivisten nun die Einleitung eines Ausschlußverfahrens gegen Field und die Wahl eines neuen Abgeordneten.

Die Unternehmensleitung versuchte unterdessen, die Arbeiter einzuschüchtern. Streikenden wurde schriftlich mit Kündigung gedroht; Beschäftigte, die sich in Interviews zu dem Ausstand äußern, müßten mit »Konsequenzen« rechnen.
Auch in anderen Betrieben Nordenglands sind die Arbeiter in den Streik getreten. Schon am 23. November verließen alle 1.100 Beschäftigten der Vauxhall-Fabrik im nahegelegenen Ellesmere Port aus Protest gegen angedrohte Entlassungen ihren Arbeitsplatz. Der Autokonzern droht mit einem Abbau von 241 Stellen als Teil von sogenannten Umstrukturierungsmaßnahmen. Gewerkschaftsvertreter erklärten, die Streikenden von Vauxhall seien mit ihren Kollegen bei der Werft solidarisch.

Christian Bunke, Manchester

Streik bei Cammell, Laird & Company
(Foto: Alan Gibbons, Socialist worker)

Mittwoch 5. Dezember 2018