»Wir müssen uns unsere Glaubwürdigkeit wieder erarbeiten«

Interview mit Fernando Haddad

Der Präsidentschaftskandidat der brasilianischen Arbeiterpartei (PT), Fernando Haddad, besuchte in diesen Tagen die USA. Bei einem Aufenthalt in New York hatte unser Korrespondent Max Böhnel die Gelegenheit zu einem Interview
Weshalb haben Sie Ihre erste Auslandsreise nach den Wahlen in die USA unternommen?

Ich wollte in erster Linie zuhören, was fortschrittliche Kräfte in den USA zu Trump, rechtem Autoritarismus und Neoliberalismus zu sagen haben. Die USA haben als mächtigstes Land der amerikanischen Hemisphäre schon zwei Jahre Trump hinter sich, und die Opposition verfügt durchaus über interessante Vorstellungen. Besonders beeindruckt war ich von dem klugen Bernie Sanders und seinen Leuten. Ich denke, daß sie realistische Konzepte haben, mit denen sich denen sich der rechte Populismus zurückschlagen läßt, ohne selbst zum Populisten zu werden. Mehr denn je bin ich nach den Gesprächen hier davon überzeugt, daß wir international handeln müssen. Denn die Probleme, denen wir gegenüberstehen, sind sich weltweit ziemlich ähnlich.

Wie können Sie die zusammenfassen?

Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 und deren politischen Folgen, die wir ernten. Die Verluste der Krise sind sozialisiert worden, ohne daß die Linke darauf eine Antwort hatte. Wir haben es hingenommen, daß die europäischen Sozialdemokratien und die nationalen Entwicklungsstrategien im globalen Süden kollabiert sind. Wir waren nicht vorbereitet auf die Krise und wußten nicht frühzeitig um die Schwäche der bestehenden Strukturen und das Scheitern des Neoliberalismus. Wir wissen nicht mehr weiter. Das alles bereitete der extremen Rechten einen fruchtbaren Boden.

Auf der Skala von rechtspopulistisch bis faschistisch – wo ordnen Sie Bolsonaro ein?

Ziemlich weit rechts. Aber ich bin mir nicht sicher, daß er seine Rhetorik auf Dauer so aufrechterhalten und in eine entsprechende Politik umsetzen kann. Nicht auszuschließen ist sogar, daß er seine eigenen Vorstellungen wieder über den Haufen wirft. Denn Brasilien ist eine sehr komplizierte Gesellschaft. Er hat zwar die Unterstützung des Militärs und der ultrakonservativen Kirchen. Aber zu denken, Bolsonaros Wahlsieg – wir haben tatsächlich den schlimmsten aller zwölf Präsidentschaftskandidaten gewählt – bedeute den Durchmarsch des Rechtsextremismus und die Totalniederlage der PT, greift zu kurz. Denn es gibt zahlreiche Spiel- und Handlungsräume, von denen aus sich seine Aktivitäten in die Schranken weisen lassen.

Welche Sektoren des brasilianischen Kapitals unterstützen ihn?

Die meisten stehen hinter ihm. Ganz vorne dabei ist die Finanzwelt, sind die Banken. Schon in der ersten Wahlrunde war das so. In der zweiten schlossen sich diese Sektoren noch weiter zusammen.

Ihre Partei, die PT, war viele, viele Jahre an der Regierung. Wann beginnt die Selbstkritik?

Lassen Sie mich mit einem Bild aus dem Fußball antworten: Brasilien hat mehrere Weltmeisterschaften gewonnen, und jedes mal, wenn das Team siegreich vom Platz gegangen ist, ohne sich dabei aber angestrengt zu haben, wurde es ausgepfiffen.
Man muß sich auch in der Politik immer anstrengen und schwitzen, wenn man glaubwürdig sein will.

Wir haben in wichtigen Teilen der Bevölkerung Sympathien eingebüßt und wurden abgestraft, weil wir das nicht mehr getan haben. Wir müssen uns unsere Glaubwürdigkeit wieder erarbeiten, zum Beispiel bei dem Drittel der Brasilianer, das evangelikalen Kirchen angehört. Allerdings stehen wir, und nicht nur die PT, in gewisser Weise noch unter dem Schock der Bolsonaro-Wahl.

Nehmen Sie Bolsonaros Drohung, die Opposition aus Brasilien zu entfernen, persönlich ernst?

Um mich selber mache ich mir keine Sorgen. Sorgen mache ich mir um die Armen, die LGBT-Menschen, um die Arbeiter- und Bürgerrechte und um die Umwelt.

Fernando Haddad am 28. Oktober im Gespräch mit Journalisten in São Paulo (Foto: EPA-EFE)

Freitag 7. Dezember 2018