Aufmucken im Betrieb nicht erwünscht

Im Laufe des letzten Jahres waren Sie dreimal krankgeschrieben, zweimal blieben Sie der Arbeit während fünf Tagen und ein drittes Mal während zwei Wochen fern, was sich störend auf die Betriebsorganisation auswirkte. Wir haben deshalb beschlossen, Sie versuchsweise auf einen anderen, minder bezahlten Posten zu versetzen. Sollten Sie durch weitere Fehlstunden auffallen oder den neu zuerteilten Anforderungen nicht gewachsen sein, so werden wir uns allerdings gezwungen sehen, ihren Arbeitsvertrag zu kündigen. So in etwa der Inhalt eines Gesprächs, zu welchem eine Verkäuferin eines Supermarktes vorgeladen wurde, nachdem sie nach einem Krankenschein mit Krankenhausaufenthalt die Arbeit wieder aufgenommen hatte.

Einer Kollegin, die das Pech hatte, während der Probezeit zu erkranken, erging es noch schlimmer. Ihr wurde nämlich mitgeteilt, dass eine Aufrechterhaltung ihres Arbeitsvertrages ausgeschlossen sei, sie müsse sich nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen.

In Zeiten, in denen Flexibilität, Deregulierung der Arbeitszeitregelung, Druck, Hetze und Stress permanent zunehmen, wird es für Lohnabhängige, die Probleme damit haben, einer hundertprozentigen Einsatzbereitschaft dauerhaft gerecht zu werden, immer problematischer, sich zu behaupten. Erwerbstätige, die über Gesundheitsprobleme klagen oder wegen ihrer Beschwerden weniger polyvalent sein können, riskieren als »untauglich« oder »überschüssig« abgestempelt zu werden, verbunden, mit der Gefahr, dass ihnen der Lohn gekürzt oder, schlimmer noch, der Arbeitsvertrag gekündigt wird. Was in der Praxis immer häufiger der Fall ist.

Zu erwähnen ist, dass eine Kündigung, die während der Dauer eines Krankenscheins ausgesprochen wird, rechtswidrig ist. Jedoch ist der Schutz im Krankheitsfall nur auf 26 Wochen begrenzt. Dennoch gibt es immer wieder Firmen – meistens solche, in denen es keine gewerkschaftliche Präsenz gibt –, die trotz Kündigungsschutz nicht davor zurückschrecken, den Arbeitsvertrag krankgeschriebener Mitarbeiter auflösen.
Opfer solch rechtswidriger Praktiken sind meistens Erwerbstätige, die ihre Rechte nicht kennen, sich nicht wehren, keiner Gewerkschaft angehören.

Auch bei anderen Verletzungen des Arbeitsrechts – wie beispielsweise beim Überschreiten der gesetzlichen Arbeitszeiten, dem Nichteinhalten von Ruhepausen oder dem Vorenthalten von Zuschüssen – trifft es nichtorganisierte Mitarbeiter weitaus häufiger als Lohnabhängige, die gewerkschaftlich organisiert sind.

So wundert es nicht, dass bei Vorstellungsgesprächen Arbeitsuchende immer häufiger danach gefragt werden, in wie weit sie über ihre Rechte im Bilde sind, ob sie Mitglied einer Gewerkschaft sind oder nicht. Schließlich sind »Rebellen«, die aufzumucken imstande wären und andere damit anstecken könnten, im Betrieb nicht erwünscht.

g.s.

Gilbert Simonelli : Freitag 7. Dezember 2018