Mit Deutschland und »deutschen Tugenden«

Ein ehemaliger Hoffnungsträger Deutschlands im Einflußkampf gegen Frankreich in Afrika will Präsident in Madagaskar werden. Stichwahl im Armenhaus der Afrikanischen Union

Am 19. Dezember sind die knapp zehn Millionen registrierten Wähler in Madagaskar aufgerufen, über ein neues Staatsoberhaupt zu entscheiden. In der Stichwahl sind Marc Ravalomanana von der Partei TIM (»Tiako I Madagasikara«, »Ich liebe Madagaskar«) und Andry Rajoelina von der Partei TGV (»Tanora malaGasy Vonona«, »Junge und entschlossene Madagassen«). Ravalomanana hatte 39 Prozent der Stimmen bekommen, Rajoelina etwas mehr als 35 Prozent. Der bis vor kurzem amtierende Hery Rajaonarimampianina, unter dem damaligen Präsidenten Rajoelina von 2009 bis 2013 Finanzminister, landete mit weniger als neun Prozent weit abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Seine Präsidentschaft wird vom Leiter der Außenstelle der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Madagaskar »in vielerlei Hinsicht« als »eine Enttäuschung« eingestuft. Vor allem wirtschaftlich konnte Rajaonarimampianina für die breite Masse der Bevölkerung nichts erreichen. Laut einer aktuellen Studie der Weltbank zählt Madagaskar weiterhin zu den fünf ärmsten Ländern der Welt. Über 90 Prozent der Madagassen leben unterhalb der Armutsgrenze – dies, obwohl die Insel eine außergewöhnliche Artenvielfalt aufweist und reich an Rohstoffen ist.

Konstanter wirtschaftlicher Niedergang

Seit der Unabhängigkeit Madagaskars im Jahr 1960 prägt ein in Wellen erfolgter wirtschaftlicher Niedergang die Insel. Nach einer Annäherung an die realsozialistischen Staaten in den 1970er Jahren folgte ein Schwenk zurück zur französischen Einflußzone Afrikas, der Frankophonie. Die Regierung in Antananarivo stimmte einem neoliberalen Strukturanpassungsprogramm des Internationalen Währungsfonds zu und öffnete sich vor allem für französische Konzerne. 1989 entstanden die ersten Sonderwirtschaftszonen. Dieser Kurs hat den Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) pro Kopf, das seit 1960 schrumpft, weiter forciert; heute liegt es um rund 30 bis 50 Prozent niedriger als im Jahr der madagassischen Unabhängigkeit. Auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt hat sich das BIP pro Kopf im gleichen Zeitraum verdreifacht.

Mit der schwarz-rot-goldenen Fahne

Ende 2001 wurde Madagaskar Schauplatz des deutsch-französischen Einflußkampfs in Afrika: Unterstützt von der Berliner Außenpolitik gewann Marc Ravalomanana die Präsidentschaftswahlen. Die französische Regierung hatte auf seinen Konkurrenten gesetzt. Ravalomanana hatte in der Bundesrepublik Deutschland studiert und besaß als einer von wenigen Angehörigen der madagassischen Politikelite keinen französischen Paß. Mit Hilfe eines Kredits der Weltbank war es ihm gelungen, den bäuerlichen Familienbetrieb zum größten Unternehmen des Landes auszubauen. Dadurch war er zum reichsten Mann Madagaskars aufgestiegen.

Als Ravalomanana im Fußballstadion der Hauptstadt vereidigt wurde, zog der Kulturattaché der deutschen Botschaft, die schwarz-rot-goldene Fahne schwingend, in die Arena ein – ein Ausdruck der Hoffnung Berlins, in Zukunft Frankreichs Einfluß auf die madagassische Regierung zu verdrängen.

Nach Ravalomananas Amtsübernahme erhielt unter anderem die Lufthansa Consulting den Auftrag, die staatliche Luftfahrtgesellschaft Air Madagascar neu zu strukturieren. Ein weiteres deutsches Unternehmen, Lahmeyer International (Bad Vilbel), setzte sich gegen einen französischen Mitbieter durch und übernahm das bis dahin staatliche Wasserversorgungsunternehmen JIRAMA. Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ, heute: Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit/GIZ) machte sich daran, »politische Entscheidungsträger« im Land zu beraten. Ravalomananas er­ste Auslandsreise führte ihn in die Bundesrepublik. In der deutschen Presse hieß es, er wolle das Land »mit der Hilfe Deutschlands und deutscher Tugenden« modernisieren.

»Alle bis auf Frankreich«

Entgegen den deutschen Hoffnungen lehnte sich die neue Regierung in Antananarivo allerdings nicht ausschließlich an Berlin an, sondern forcierte unter neoliberalen Vorzeichen eine wirtschaftliche Öffnung des Landes gegenüber mehreren Staaten – »alle bis auf Frankreich«, hieß es in einer internen Analyse der USA-Botschaft in Antananarivo. Ein wirtschaftsliberaler Ausverkauf sondergleichen begann. Der US-amerikanische Konzern ExxonMobil sicherte sich Ölfelder vor der madagassischen Küste; das kanadische Minenunternehmen Alcan übernahm die Rechte an einer der größten Bauxitminen des Landes; ein zweites kanadisches Unternehmen, Sherritt, erhielt einen Großteil der Ambatovy-Mine, einer der größten Nickelminen der Welt.
Madagaskar wird auch »rote Insel« genannt, da die laterithaltigen Böden eine prägnante rote Färbung aufweisen. Laterit weist hohe Anteile von Eisen und Aluminium auf. Ende 2008 übertrug die Regierung Ravalomanana dem südkoreanischen Autokonzern Daewoo 1,3 Millionen Hektar Land – rund die Hälfte der fruchtbaren Fläche der Insel. Experten beurteilten Ravalomananas Politik in der Retrospektive als »neoliberalen Fehlschlag«.

Ein profranzösischer Putsch

Nach Madagaskars Abkehr von Paris ernannte die französische Regierung im Jahr 2008 Gildas Le Lidec zum neuen Botschafter in Antananarivo. Le Lidec war als Vertreter Frankreichs genau zu der Zeit in der Demokratischen Republik Kongo (2000) und in Côte d’Ivoire (2002 bis 2005) tätig gewesen, als dort jeweils Präsidenten, deren Amtsführung in Paris mißbilligt wurde, von profranzösischen Kräften in Bedrängnis gebracht wurden. Madagassische Journalisten schrieben nach seinem Amtsantritt in Antananarivo: »Er ist hier, um den Präsidenten zu erschießen«.

Botschafter Le Lidec mußte das Land nach nur fünf Monaten als »persona non grata« verlassen. In der folgenden politischen Krise stellte sich der neue französische Botschafter offen auf die Seite des Oppositionspolitikers Andry Rajoelina. Das madagassische Militär, beraten von französischen Offizieren, putschte und setzte Rajoelina als Übergangspräsidenten ein. Berlin reagierte sofort und zog deutsche Berater aus mehreren madagassischen Ministerien ab. Finanzhilfen aus der Bundesrepublik wurden bis auf kommunale Umweltprojekte eingestellt. In seinem ersten Amtsjahr ernannte Rajoelina vier Offiziere zu Ministern, zwei davon noch im aktiven Dienst.

Putschpräsident Rajoelina regierte zwar von Frankreichs Gnaden, sah sich jedoch mit großem internationalen Druck konfrontiert. Das neue Staatsoberhaupt »hört auch auf Deutschland«, hieß es in einer internen Einschätzung der USA-Botschaft in der madagassischen Hauptstadt. Berlin forcierte seinen Druck jedoch weiter, woraufhin sich Rajoelina immer offener an Paris orientierte; im Jahr 2011 empfing der französische Staatschef Nicolas Sarkozy ihn offen als »seinen Freund«. Beide Staatsoberhäupter unterzeichneten millionenschwere Unterstützungsabkommen. Ein Jahr später schloß Air Madagascar einen langfristigen Vertrag mit Air France. Madagaskar war wieder in der Frankophonie angekommen.

Rückkehr zur neoliberalen »Staatengemeinschaft«

Die Präsidentschaftswahl des Jahres 2013 konnte Ex-Finanzminister Hery Rajaonarimampianina gewinnen. Vertreter von IWF und Weltbank begrüßten den Machtwechsel in Antananarivo als »Rückkehr zur Rechtsstaatlichkeit«. Im März 2014 entsandte der IWF wieder Vertreter nach Madagaskar, um »Empfehlungen« für die Regierung zu formulieren. Im Jahr darauf vergab er zum ersten Mal seit dem Putsch wieder Gelder an das Land. Marc Ravalomanana und seine Ehefrau Lalao Ravalomanana kehrten aus dem Exil wieder zurück; Lalao wurde 2015 Bürgermeisterin der madagassischen Hauptstadt Antananarivo.

Auch wenn Marc Ravalomanana am heutigen Mittwoch die Wahlen gewinnen sollte, wäre mit einer herausragenden Rolle Berlins in Antananarivo wohl nicht mehr zu rechnen: Deutschland ist heute in Madagaskar eine Macht unter vielen. Größeren Einfluß mißt die Außenstelle der Friedrich-Ebert-Stiftung den Botschaftern vor allem Frankreich, aber auch Britannien, den USA und Südafrika bei. Der vor Jahren gestartete Versuch Berlins, Paris auf der »roten Insel« auszustechen, ist gescheitert.

German Foreign Policy

Marc Ravalomanana (r.) und Andry Rajoelina (l.) bei einer TV-Debatte am 16. Dezember in Antananarivo (Foto: AFP)

Dienstag 18. Dezember 2018