9. und 10. Januar 1919

Vor hundert Jahren wurde in Luxemburg die Republik ausgerufen

Mit dem Zusammenbruch des deutschen Kaiserreiches, der November-Revolution in Deutschland, die Luxemburg vor dem Schlimmsten bewahrt hatte, und dem Abzug der deutschen Besatzungstruppen aus Luxemburg begannen hierzulande Tage, welche die kapitalistischen Verhältnisse und die an sie gebundene Monarchie stark erschütterten.

Am 10. November 1918, einen Tag vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde in der Hauptstadt ein »Luxemburger Arbeiter- und Bauernrat« gegründet, der die Abdankung der Dynastie und eine Volksrepublik forderte, aber auch die Verstaatlichung der Eisenbahnen, der Banken, der Hütten- und Bergwerke und die Einführung des Achtstundentages.

Unterschiedliche Klasseninteressen

Es war ein revolutionäres Programm, mit dem sich allerdings weder alle Sozialdemokraten anfreunden konnten, noch die liberalen Schmelzherren, die zwar in der Monarchie ein Hemmnis für ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele sahen und eine bürgerliche Republik wollten, aber natürlich nichts wissen wollten von Verstaatlichungen, Betriebsräten und Arbeitermacht, wie es sie seit der Oktoberrevolution von 1917 in Russland gab. Der Arbeiter- und Bauernrat überdauerte das Jahr 1918 nicht – anders seine Forderungen, von denen der Achtstundentag bereits einen Monat später von der Arbeiterbewegung erkämpft und gesetzlich verankert wurde, während die Forderung nach einer Republik für viele Arbeiter gleichlautend war mit der Schaffung einer Räterepublik wie es sie im revolutionären Russland gab und in Deutschland angestrebt wurde.

Gleichfalls am 10. November 1918 wurde die »Ligue Française«, die sich kurze Zeit später in »Action Républicaine« umbenannte, gegründet. Sie wurde von liberalen Schmelzherrn Emile Servais angeführt und forderte auch die Abdankung von Großherzogin Marie-Adelheid und die Schaffung einer bürgerlichen Republik, die sich politisch und wirtschaftlich an die Siegermacht Frankreich anlehnen sollte, was zu diesem Zeitpunkt den Klasseninteressen der liberalen Bourgeoise am besten entsprach.

Für die Siegermächte war die deutschfreundliche Großherzogin untragbar

Zu diesem Zeitpunkt war Großherzogin Marie-Adelheid selbst für die Klerikalen nicht mehr tragbar, obwohl sie während des Ersten Weltkriegs mit der Rechtspartei, die in der Abgeordnetenkammer in der Minderheit war, gegen die Liberalen und Sozialdemokraten paktiert hatte. Wegen ihrer deutschfreundlichen Haltung – sie hatte den deutschen Kaiser bereits im September 1914 im großherzoglichen Palast empfangen und hatte einen Trinkspruch auf den Sieg der deutschen Waffen ausgesprochen – schnitten die alliierten Siegermächte, allen vor­an Belgien und Frankreich, die Luxemburger Regierung, die erst am 17. Dezember 1918 die diplomatischen Beziehungen mit dem Deutschen Reich abbrach und am 19. Dezember den Eisenbahnvertrag und die Zollunion mit Deutschland aufkündigte.
Bereits am 13. November 1918 hatte eine von der Rechtspartei angeführte Mehrheit der Abgeordneten die Absetzung von Großherzogin Marie-Adelheid mit 21 zu 19 Stimmen und zwei Enthaltungen noch verhindert und sich für ein Referendum über die zukünftige Staatsform ausgesprochen. Aber diese Entscheidung sollte bald keine Rolle mehr spielen, denn nachdem der französische Außenminister sich kurz vor Weihnachten geweigert hatte, »die Minister der Großherzogin« in Paris zu empfangen, hatten die Liberalen, die ihre Felle bei der wirtschaftlichen Neuordnung Europas davonschwimmen sahen, für die Parlamentssitzung vom 9. Januar 1919 erneut eine Abstimmung über die Abschaffung der Monarchie angekündigt.

Einen Tag vor der Parlamentssitzung begab sich die Regierung von Staatsminister Reuter, die am 14. Dezember 1918 zurückgetreten und seither geschäftsführend im Amt war, nach Colmar-Berg, um Großherzogin Marie-Adelheid nahezulegen, abzudanken. Die erbat sich allerdings zwei Tage Bedenkzeit. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse.

Am 9. Januar fand in der Hauptstadt eine Kundgebung für die Republik auf dem Wilhelmsplatz (»Knuedler«) statt, zu welcher die »Action Républicaine« aufgerufen hatte und an der Tausende Menschen teilnahmen, darunter zahlreiche Berg- und Hüttenarbeiter, die aus dem Süden des Landes mit dem Zug nach Luxemburg gekommen waren. Anschließend zogen die mehr als 6.000 Manifestanten vor die Abgeordnetenkammer. In der Kammersitzung, in der es laut herging, legten die Liberalen wohl einen Resolutionsentwurf vor, in dem die Großherzogin und die Dyna­stie aufgefordert wurden, auf den Thron zu verzichten, aber der Entwurf kam nicht zur Abstimmung, da der Kammerpräsident die Sitzung kurzerhand aufhob.

Anhänger der Republik hatten der Freiwilligenkompanie, die bereits am 19. Dezember gegen den preußischen Drill gemeutert hatte, dem sich die Soldaten unterziehen mussten, aber bereits gemeldet, die Abgeordneten hätten die Großherzogin abgesetzt und die Republik ausgerufen. Die Soldaten stellten sich auf die Seite der Republik und rissen den Namenszug der Großherzogin von ihren Tschakos, so dass die Regierung über keine bewaffnete Macht mehr verfügte, sieht man von einigen wenigen Gendarmen ab.

Zu diesem Zeitpunkt rollte die Krone über das Straßenpflaster, und niemand fand sich, der sie aufgehoben hätte, um es mit den Worten von Friedrich Engels zu sagen, der bereits 1887 in seiner Analyse der wachsenden Widersprüche zwischen den kapitalistischen Großmächten und der Aggressivität des Kaiserreiches einen Weltkrieg und den Zusammenbruch zahlreicher Monarchien vorausgesagt hatte.

»Das Luxemburger Volk hat die Absetzung der Dynastie Nassau-Braganza erklärt und die selbständige Republik Luxemburg ausgerufen.«

In der Abgeordnetenkammer wurde unterdessen ein »Comité de Salut Publique«, eine provisorische Regierung, gebildet, die vom Schmelzherrn Emile Servais angeführt wurde. Dem Wohlfahrtskomitee gehörten weiter an: René Blum, Gaston Diderich, Jacques Gallé, Aloyse Kayser, Adolphe Krieps, Edouard Léon, Emile Mark, Joseph Palgen, Jacques Schaack, Joseph Thorn, Jules Ulveling und Dr. Michel Welter.
In der Bekanntmachung des Wohlfahrtsausschusses, hieß es mit Datum vom 10. Januar 1919, »das Luxemburger Volk hat die Absetzung der Dynastie Nassau-Braganza erklärt und die selbständige Republik Luxemburg ausgerufen.« Doch zu diesem Zeitpunkt war die Republik, von der das »Luxemburger Wort« behauptete, es handele sich um einen »bolschewistischen, republikanisch-militärischen Putsch«, bereits verloren, und die Regierung verkündete noch am gleichen Tag die Abdankung von Großherzogin Adelheid.

Französische Bajonette sicherten dem französischen Kapital »geordnete Verhältnisse« in Luxemburg

Angesichts des Zauderns und der Uneinigkeit der Republikanhänger über ihre Ziele und das weitere Vorgehen, und da klare Anweisungen an die Massen, die für die Republik auf die Straße gingen, ausblieben, hatten die Republikgegner leichtes Spiel. Sie wussten die französischen Besatzungstruppen, die dann tatsächlich die Republik mit verhinderten, auf ihrer Seite. Das französische Monopolkapital brauchte »geordnete Verhältnisse« in Luxemburg, um den Abbau und die Verhüttung des Erzes zu betreiben, aber keine Revolution. Tatsächlich gingen die meisten Hüttenwerke und Gruben in Luxemburg weniger als ein Jahr später an belgisch-französisches Kapital.

Später wurde seitens der Franzosen angedeutet, der französische Platzkommandant habe möglicherweise seine Kompetenzen überschritten. Dagegen spricht, dass er Marschall Foch, den Chef der alliierten Armeen der ganzen Westfront, fortlaufend über die Entwicklung in Luxemburg und seine Entscheidungen ins Bild gesetzt hatte. Im Bericht von General Roques, Generalinspektor der französischen Armee, hieß es später unzweideutig: »L’intervention de nos troupes, le 9 janvier, est justifiée par des considérations de maintien de l’ordre public dans un pays situé en arrière du front de nos Armées. Elle a influé sur les événements dans un sens favorable au Gouvernement Luxembourgeois«.

Am 9. Januar hatten französische Besatzungstruppen auf Anordnung von General de la Tour, der vom hauptstädtischen »Cercle« aus Befehle erteilte, am späten Nachmittag die Kundgebungen der Republik­anhänger aufgelöst und öffentliche Plätze geräumt, und am 10. Januar hatte das französische Militär das Regierungsgebäude, die öffentlichen Plätze, die Staatssparkasse und das zentrale Postgebäude fest in seiner Hand.

Der klerikale Kammerpräsident ließ die Mitglieder des »Comité de Salut Publique« und Abgeordnete, die für die Republik waren, von französischen Soldaten aus dem Parlament hinauswerfen, und die Regierung verhinderte unter dem Schutz französischer Bajonette, dass die Soldaten der Freiwilligenkompanie, die in ihrer Kaserne auf Heilig-Geist ausharrten, einen Eid auf die Republik leisteten.
Die Monarchie war gerettet, und das wiederholt angekündigte Referendum über die Staatsform, das schließlich neun Monate später stattfand, war eigentlich nur noch kalter Kaffee.

Am 15. Januar 1919 leistete Großherzogin Charlotte auf Schloss Colmar-Berg den verfassungsmäßigen Eid. Am gleichen Tag wurden in Berlin die KPD-Führer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die in Deutschland eine sozialistische Volksrepublik errichten wollten, bestialisch ermordet.

Ali Ruckert

Französische Besatzungssoldaten gehen am 9. Januar 1919 auf dem »Knuedler« gegen eine Massenkundgebung von Republikanhängern vor

Mittwoch 9. Januar 2019