Gründer der freien »Modernen Schule«

In Erinnerung an den 160. Geburtstag von Francisco Ferrer i Guardia

Francisco Ferrer, Begründer der freien »Modernen Schule«, war der Überzeugung, daß nur eine grundlegende Änderung des Bildungswesens die Voraussetzung für ein starkes soziales und politisches Bewußtsein und damit die Besserstellung der Menschen sein könnte.

Francisco Ferrer wurde am 10. Januar 1859 in Alella in der Nähe von Barcelona in einer wohlhabenden erzkonservativen, monarchistischen Bauernfamilie geboren. Seine Erlebnisse in der Grundschule, die nach den Regeln des katholischen Klerus gestaltet war, führten dazu, daß er sich bereits in jungen Jahren von der reaktionäre Ideologie der katholischen Kirche abwandte.

Als 14-Jähriger absolvierte er eine Lehre bei einem Leinenweber in Barcelona, der republikanische und antiklerikale Ansichten vertrat, wodurch sein weiterer Lebensweg stark beeinflußt wurde. In Abendkursen, die von republikanischen Organisationen angeboten wurden, schuf er sich als Autodidakt besonders durch das Lesen der Schriften von Francisco Pi y Margall, eines liberalen Journalisten und Politikers, sowie von soziali­stischen und anarchistischen Theoretikern die notwendige Grundlage für ein soziales und politisches Bewußtsein.

Kontakt mit republikanischen Kreisen

So fand Ferrer zu den Freidenkern und Freimaurern und trat der Freimaurerloge Verdat in Barcelona bei, er wurde Anarchist und Anhänger der Republikaner, und er knüpfte enge Verbindungen zur Arbeiterklasse und zu Gewerkschaften, wodurch seine antiklerikalen und anti-royalistischen Positionen verstärkt wurden
1883 begann seine politische Aktivität an der spanisch-französischen Grenze, wo er Republikanern, die in Spanien verfolgt wurden, bei der Flucht nach Frankreich half. 1886 mußte er wegen seiner Teilnahme an den republikanischen Unruhen und dem gescheiterten Staatsstreich von General Villacampa del Castillo ins Exil nach Frankreich flüchten.

1890 wurde Ferrer Mitglied des Freidenkerbundes. Durch Begegnung mit Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, mit Republikanern, Sozialisten und auch Anarchisten in der Grand Orient Loge war es ihm möglich, eine Professur für die spanische Sprache im Lycée Condorcet in Paris zu bekommen.

Während seiner Exiljahre in Paris arbeitete er an seinem pädagogischen Projekt und entwickelte sich zu einem talentierten Redner und Publizisten, der sich mit besonderem Interesse den pädagogischen Problemen widmete.

Im Rahmen seiner Tätigkeit verfaßte er 1895 ein Buch über die spanische Grammatik unter dem Titel »El español práctico«. Ferrer hielt Vorträge für Studenten, organisiert »Momente der Freiheit, wo jeder spricht«, Debatten und Diskussionen, bei denen »im Licht der Vernunft und des wissenschaftlichen Denkens« soziale und politische Themen besprochen werden konnten.

Als Pädagoge war er der Überzeugung, daß nur eine grundlegende Änderung des Bildungswesens die Voraussetzung für ein starkes soziales und politisches Bewußtsein und damit für die Verbesserung des Lebens der Menschen sein könne.
Im Jahr 1901 sah Francisco Ferrer die Möglichkeit der Gründung einer alternativen Grundschule in Barcelona, der Escuela Moderna, welche aus der Erbschaft der wohlhabenden Madame Ernestine Meunier finanziert wurde, die zu ihren Lebzeiten trotz des Antiklerikalismus Ferrers von den Vorteilen des Kampfes gegen den Analphabetismus überzeugt war.

Die »Moderne Schule«

Zu jener Zeit wurde von dem radikalsten Teil der republikanischen spanischen Bourgeoisie mit Unterstützung aus der schaffenden Bevölkerung – die zu 70 Prozent aus Analphabeten bestand, weil es nicht genügend Schulen gab – eine Alternative zur erzkonservativen und durch die katholische Kirche kontrollierten Schule gefordert.
Die »Moderne Schule« wurdeim August 1901 eröffnet – »eine Schule, die sich nicht nur auf wissenschaftliche Lehren beruft, sondern auch eine Schule, die möglichst die gesamte Emanzipation des Individuums« vollbringt. Die Grundlage dieser Haltung ist das Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen, in den Lauf der menschlichen Evolution.

Ferrer war für die katholische Kirche die Inkarnation eines »Ketzers«. Nachdem am 31. Mai 1906 ein Attentat auf König Alfonso XIII. verübt worden war, wurde er als »Anstifter« bezichtigt und verhaftet, seine Schulen geschlossen, welche als Affront gegenüber der Kirche und Monarchie angesehen wurden.

Im Organ der Sozialdemokratischen Partei Luxemburgs »Der arme Teufel« vom 7. Juli 1907 (Nr. 188) stand dazu: »Francisco Ferrer ist ein Idealist. Er ist wie so viele andere in Spanien ein Republikaner und hat sich hervorragende Verdienste um eine gute und freie Volksschule erworben. Er hatte eine moderne Schule gegründet (die nach seiner Verhaftung geschlossen wurde), in der die Kinder freien elementaren Unterricht erhielten. Ferrer mag der spanischen Reaktion, die Aufklärung im Volke nicht will, verhaßt sein, aber im Kerker schmachtet er unschuldig.«

Mit der Niederlage der spanischen Armee 1909 gegen die revoltierenden Marokkaner und der Einberufung von Reservisten in Katalonien am 26. Juli 1909 riefen die Gewerkschaften »Solidaridad Obrera« und die sozialistische Gewerkschaft UGT zum wilden Generalstreik auf, um gegen den Krieg zu protestieren. Dabei verloren sie die Kontrolle, es kam zu einem Volksaufstand. Barrikaden wurden errichtet, Straßenkämpfe brachen aus und Kirchen wurden in Brand gesetzt. Weil es aber keine einheitliche politische Führung gab, scheiterte der Aufstand. Er ging in die spanische Geschichte als »tragische Woche« ein.

Der politische Terror des reaktionären Staates und des politischen Klerus begann. Der Ausnahmezustand wurde ausgerufen, die konstitutionellen Garantien und Rechte abgeschafft, es kam zu Verhaftungen im ganzen Land, zu Repressionen mit Unterstützung der kirchlichen Behörden, sowie zur Schließung der weltlichen Schulen. Obwohl bewiesen war, daß er nicht an der Revolte teilgenommen hatte, wurde Francisco Ferrer vom Bischof von Barcelona als »Rädelsführer« denunziert und am 1. September 1909 verhaftet.

Von einem Militärgericht zum Tode verurteilt

In einem Scheinprozeß wurde eine Verschwörungstheorie vorgetragen, die Ferrer beschuldigte, der Urheber der »tragischen Woche« zu sein. So erklärte der Gouverneur von Barcelona: »Selbst wenn Sie unschuldig wären, so beweisen Ihre Bücher, mit denen Sie in den modernen Schulen lehren, daß Sie an den Anfängen der Revolte stehen. Folglich sind Sie schuldig.«

Am 12. Oktober 1909 wurde der Pädagoge Francisco Ferrer von einem Militärgericht zum Tode durch Erschießen verurteilt. Am 13. Oktober 1909 wurde er in den Schützengräben des Fort Montjuïc in Barcelona erschossen – nicht weil er für die politischen und sozialen Unruhen verantwortlich war, sondern weil er eine moderne Grundschule, frei von religiösen Vorurteilen, die zur freien Entwicklung der Menschen verhalf, gegründet hatte, was der Klerus, die Monarchisten und die Konservativen nicht dulden konnten. Es war die Reaktion der Kirche und der konservativen Regierung auf seine Tätigkeit als Pädagoge. Francisco Ferrer ist auf dem Friedhof von Montjuic in Barcelona begraben.

Der Justizmord an Francisco Ferrer als Symbol des freien Gedankens, der unter der Dominanz des katholischen Klerus ausgerottet werden sollte, führte europaweit zu einer Welle von Protesten der fortschrittlichen Kräfte, so auch in Luxemburg.

Edmond Peiffer

In Rümelingen, der Stadt der roten Erde, zeugen viele Orte davon, daß der Gedanke der Freiheit stets ein Begriff ist. Um den Namen Francisco Ferrer auf ewig in Erinnerung zu halten, wurde im November 1909, wenige Wochen nach seiner Hinrichtung, eine Straße nach ihm benannt und eine Gedenktafel angebracht. Angesichts der historischen und kulturellen Bedeutung wurde nach der Renovierung der Ferrerstraße eine neue Gedenktafel mit den historischen Daten eingeweiht.

Mittwoch 9. Januar 2019