Unser Leitartikel:
Die eigene Attraktivität ist nicht die Aufgabe anderer

Es ist keine neue Forderung, sondern altes Gejammer in neuen Schläuchen, das am Donnerstagmorgen im Radio wieder einmal einer breiten Zuhörerschaft vorgetragen wurde: Die schrecklich hohen Gehälter im öffentlichen Dienst müssen den Löhnen im Privatsektor angepaßt werden. Dies forderte ABBL-Präsident Hoffmann im RTL-Interview.

Die guten Leute, die man ausbilde, würden sich anschließend einen Platz beim Staat suchen, weil die Entlohnung dort wesentlich besser sei. Aus diesem Grunde sehe sich der Bankensektor gezwungen, seine Beschäftigten weit hinter den Grenzen des Landes zu rekrutieren.

Nun muß man wissen, daß, anders als vielleicht die hartnäckigen Vorurteile, die sich in unseren Nachbarländern über Luxemburg halten, nicht jeder Bankangestellte mit den Taschen voller Geld im Sportwagen gen Feierabend braust, sondern der größte Teil derjenigen, die das tägliche Geschäft abwickeln sich permanenten Angriffen auf ihre sozialen Errungenschaften und die Arbeitsqualität ausgesetzt sehen. Dies alles zu Löhnen, die keineswegs Luftsprünge erlauben.

Insbesondere die ABBL stellt sich bei Kollektivvertragsverhandlungen regelmäßig stur, wenn es um die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben, von Gehaltsanpassungen oder das Arbeitszeitgesetz geht. Der Arbeitsdruck unter den Angestellten im Sektor ist hoch und absolut kein Aushängeschild bei der Rekrutierung von Angestellten. Vor diesem Hintergrund dem öffentlichen Dienst den schwarzen Peter hinzuschieben, ist verwunderlich.

Ob die Vorzüge der sogenannten »Digitalen Revolution« auch bei den Beschäftigten ankommen, dürfte, auch über den Bankensektor hinaus, äußerst fraglich bleiben. Bei allen vergangenen industriellen Revolutionen, zu denen sie gezählt wird, kam es nie zu nennenswerten Verbesserungen für die arbeitenden Menschen. Die Vorteile des Produktivitätszuwachses wurden immer abgeschöpft. So wird es auch diesmal sein und es dürfte noch ein harter Kampf werden, überhaupt den Status Quo bei der Arbeitsqualität zu verteidigen. Eine Digitalisierung führt zu Arbeitsverdichtung anstatt zu Zeitverkürzung und zu noch höherem Druck auf die physische und psychische Gesundheit der Menschen.

Schon heute wird unverhohlen damit gedroht, Arbeitsplätze zu vernichten, sollten entsprechende Forderungen gestellt werden,und auch hierzulande zeigte das Patronat nach den Wahlen umgehend die Krallen, nachdem der neue Feiertag eingeführt wurde und prophezeite einen wirtschaftlichen Weltuntergang in der betreffenden Woche im Mai.

Es gilt, ganz im Gegenteil zu der patronalen Forderungen, die Löhne und Gehälter im Privatsektor endlich aufzuwerten. In manchen Sektoren der Privatwirtschaft verdient kein Angestellter mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, mit dem bekanntlich keine großen Sprünge zu machen sind. Angesichts von Lohnstückkosten, die in Europa ihresgleichen suchen und einer antiquierten 40-Stundenwoche ein Unding.
Der Privatsektor muß an seiner Attraktivität feilen und nicht den öffentlichen Dienst auffordern, diese Arbeit für ihn zu verrichten.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 10. Januar 2019