Unser Leitartikel:
Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!

Es gibt den Handlanger, der immer häufiger an Wochenenden Präsenz zeigen muss, den Kellner, der seit Mitte Dezember ununterbrochen im Einsatz ist, ohne dass ihm Überstunden und Sonntagsarbeit durch Zuschüsse vergütet werden, den LKW-Fahrer, der sich seit seiner Einstellung über fehlende Schichtenpläne beschwert, die Verkäuferin, der eine Flexibilität aufgezwungen wird, dass Beruf, Freizeit und Familienleben nicht mehr unter einen Hut zu bringen sind, den Handwerker, der immer häufiger Überstunden zu leisten hat, das Lehrmädchen, das befürchtet nach bestandenem Abschlussexamen nicht eingestellt zu werden, oder die junge Bürogehilfin, die nur wenige Tage vor Ablauf ihrer Probezeit immer noch nicht weiß, ob sie denn nun im Betrieb bleiben darf oder nicht.

Situationen, die zeigen, wie rücksichtslos arbeitende Menschen heutzutage behandelt werden. So ganz nebenbei – allerdings aufgrund der Tonart für jeden verständlich, wird ihnen geraten, sich nicht zu beschweren, nicht mit ihren Problemen in die Öffentlichkeit zu gehen, die Gewerkschaften nicht einzuschalten, da man diese so weit wie möglich aus den Betrieben heraushalten wolle. Einschüchterungen, wie sie auch Mitarbeiter immer häufiger ertragen müssen, wenn Arbeitszeiten verlängert, Zuschüsse vorenthalten, Ruhepause gekürzt werden oder von Patronatsseite gegen Arbeitsrecht und kollektivvertragliche Abmachungen verstoßen wird.

Nicht zuletzt aufgrund der nach wie vor katastrophalen Situation auf dem Arbeitsmarkt, die vielfach als Geißel gegen die Schaffenden benutzt wird, haben sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Wer sich diesen zu widersetzen versucht, wird nicht selten mit warnendem Unterton auf die vielen Arbeitsuchenden aufmerksam gemacht. Warnende Worte, die in den meisten Fällte die erhoffte Wirkung zeigen. Zumal im gleichen Atemzug nicht selten auch mit Umstrukturierungen, Ausgliederung der Produktion und Arbeitsplatzabbau gedroht wird.

Um diese arbeiterfeindliche Politik zu rechtfertigen, werden den Schaffenden vom Patronat immer wieder die gleichen Ausreden aufgetischt. Die Existenz des Betriebs sei aufgrund des zunehmenden Konkurrenzkampfs gefährdet, der Betrieb könne nur überleben, wenn Posten abgebaut, »Extras« gekürzt oder abgeschafft und Lohnkosten gesenkt würden.

Die seit Jahrzehnten praktizierte Sozialpartnerschaft hat die Schaffenden allerdings derart in die Defensive gedrängt, dass diese, nach eventuellen anfänglichen Protesten, die verlogenen Argumente zu guter letzt meistens ohne größeren Widerstand schlucken. Statt sich zur Wehr zu setzen, resignieren sie. Aus Angst, abgestempelt und ausrangiert, oder auf einen schlechter bezahlten Posten versetzt zu werden, oder gar den Arbeitsplatz zu verlieren, ziehen viele es immer wieder vor, auf bessere Arbeitsbedingungen, freie Tage, Zuschüsse oder Lohnaufbesserungen zu verzichten.
Das kann so nicht weiter gehen. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Deshalb wird es wichtig sein, zahlreich an den im März stattfindenden Sozialwahlen teilzunehmen. Eine massive Wahlbeteiligung würde nämlich nicht nur den Gewerkschaften den Rücken stärken, sie wäre sicherlich auch eine erste warnende Botschaft in Richtung Patronat.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 29. Januar 2019