Hybris der USA-Justiz

Gericht verurteilt Syrien zu Strafzahlung. Armee soll gezielt Reporterin getötet haben. Ein Journalist widerspricht

Ein Gericht in den USA hat Syrien am 30. Januar zu 302,5 Millionen Dollar Schadensersatz verurteilt. Damaskus sei für den Tod der US-amerikanischen Journalistin Marie Colvin verantwortlich. Viele werden sich bestimmt noch an die Frau mit der schwarzen Augenklappe erinnern. Das Geld könnte von den eingefrorenen Auslandskonten der syrischen Regierung konfisziert werden.

Colvin berichtete ab Mitte Februar 2012 für Rupert Murdochs »Sunday Times« aus der Terroristenhochburg Bab Amr, einem Stadtteil der Millionenmetropole Homs. Nach Ansicht der Richterin Amy Berman soll es den syrischen Geheimdiensten (Muchabarat) gelungen sein, den Standort der Journalistin zu orten. Am 22. Februar 2012 habe die Artillerie genau dieses Gebäude unter Beschuß genommen, »skrupellos«, wie die Richterin anmerkte. Die 56 Jahre alte Colvin und der 28-jährige französische Fotograf Remi Ochlik starben bei dem Angriff.

»Höchste Vertreter der syrischen Regierung haben den Artillerieangriff auf das Medienzentrum in Bab Amr sorgfältig geplant und ausgeführt, mit dem Ziel, die Journalisten darin zu töten«, zitierte die »New York Times« am Dienstag aus dem Urteil. Ein ehemaliger Offizier der Muchabarat mit dem Decknamen »Ulysses« berichtete als Zeuge, die Kommandeure hätten den Tod der Journalistin gefeiert. Das galt Richterin Berman als Beleg dafür, daß die Armee das Medienzentrum gezielt unter Beschuß genommen habe.

Nun ist die Hybris US-amerikanischer Richter, weltweit Personen und Organisationen zu verurteilen, nicht neu. Ebensowenig wie die Anmaßung Washingtons, das nationale Recht international zu exekutieren. Im konkreten Fall ist die Beweisführung zudem alles andere als wasserdicht. »Es wird behauptet, daß Marie Colvin vorsätzlich von der syrischen Regierung ins Visier genommen wurde. Aber das ist unwahrscheinlich«, schreibt der Journalist Rick Sterling in einem Beitrag für »Mint Press News«. »Ihr Tod brachte Schande über Damaskus und half der militanten Opposition.« Die Behauptung, der Geheimdienst habe das Satellitentelefon der Journalistin geortet, bewertet Sterling als Unsinn.

Colvin selbst habe der »Sunday Times« mitgeteilt, dass das Gerät nicht funktioniere und sie deshalb über Skype kommunizieren müßten. Dazu benutzte sie die gleiche Anlage wie alle anderen freien Journalisten und Internetblogger in Bab Amr. »Marie und Remi arbeiteten in einer Kampfzone, begleitet und eingebunden von bewaffneten Rebellen. Ihr Tod ist eine weitere tragische Konsequenz des Krieges«, urteilt Sterling.

Bereits am 2. Februar, also bevor Colvin nach Homs kam, hatten die Regierungstruppen mit dem Angriff auf Bab Amr begonnen. Internetaktivisten berichteten von schweren Bombardements der syrischen Artillerie. Als erfahrene Kriegsberichterstatterin, die im tschetschenischen Grosny, im libyschen Misrata und im Irak-Krieg gearbeitet hatte, wußte sie um die Gefahr, die in Homs auf sie lauerte: Wegen eines Granatsplitters, der sie im Bürgerkrieg in Sri Lanka getroffen hatte, war sie auf dem linken Auge erblindet.

»Colvin hatte unter Reportern den Ruf, eine Draufgängerin zu sein«, stellte Jörg Burger am 28. Februar 2013 in der »Zeit« fest. »Wie viele Kriegsreporter wähnte sich Colvin in einem moralischen Auftrag. Man kann darin ein hehres journalistisches Anliegen sehen, aber auch eine Selbstüberhöhung.«

Am 7. Februar 2012 reiste die Journalistin aus ihrer Wahlheimat London in die libanesische Hauptstadt Beirut. Mit dem britischen Fotografen Paul Conroy blieb sie eine Woche dort, dann brachten sie Dschihadisten der Faruk-Brigaden über die Grenze nach Syrien. Diese gehörten zum islamistischen Flügel der im Westen umschwärmten »Freien Syrischen Armee« (FSA).

Die Kriegsreporterin mag mutig gewesen sein, für eine neutrale Berichterstattung stand sie nicht immer. Das war auch nicht ihr Anspruch. Sterling wirft ihr in »Mint Press News« vom 20. Januar vor, die Realität dramatisiert zu haben. In Bab Amr seien damals beispielsweise deutlich weniger Zivilisten eingeschlossen gewesen als die von Colvin behaupteten 28.000. Der Journalist ist Mitglied des Syria Solidarity Movement, das ein realistisches Bild vom Krieg in Syrien zeichnen will.

»Als Marie Colvin und andere Journalisten ankamen, waren die meisten Zivilisten vor den Kämpfen geflohen und bei Freunden und der Familie in anderen Teilen der Stadt untergekommen«, schreibt er weiter. Geblieben waren überwiegend die Familien der »FSA«-Leute. Dennoch stellte Colvin Bab Amr als ziviles Viertel ohne nennenswerte militärische Ziele dar. In Wirklichkeit befand sich dort seit der Eroberung im Oktober 2011 die Kommandozentrale der Faruk-Brigaden.

Colvins Berichte »hatten das politische Ziel, eine Intervention des Westens anzustacheln«, glaubt Sterling und beruft sich auf E-Mails der Autorin an die »Sunday Times«: »Es macht krank, daß das syrische Regime das weiter tun darf.« Ihr Fotograf, der Homs schwerverletzt überlebte, schreibt in seinem Buch »Under the Wire« darüber.

Gerrit Hoekman

Heldin des Westens: Ein Kleriker mit dem Porträt von Marie Colvin anläßlich einer Gedenkfeier am 16. Mai 2012 in London (Foto: EPA)

Dienstag 12. Februar 2019