Rastignac im Élysée

Vergleich mit Romanfigur eines Karrieristen. Soziologen-Ehepaar Pinçon-Charlot zeichnet Emmanuel Macrons bürgerlichen Aufstieg nach

Der Mann, der sich in diesen Tagen herabgelassen hat, über die Dörfer des Landes zu tingeln, um dummen Provinzlern den Segen des ungebremsten Finanzkapitalismus zu erklären, hat es in knapp zwei Jahren auf mehr als ein Dutzend Bücher gebracht, die sich mit ihm beschäftigen. Emmanuel Macron, seit dem 14. Mai 2017 Präsident der Französischen Republik, ist für Politologen, Soziologen und Historiker ein Geschenk des Himmels. Dieser Jesuitenschüler und Absolvent der Kaderschmiede ENA, der es liebt, im Schloß von Versailles den Prunk, die Autorität und das katholische Christentum der absoluten Monarchen des 17. Jahrhunderts zu zelebrieren. Der – wie er einmal verriet – gerne ein »jeune loup« in der »Comédie humaine« des Honoré de Balzac gewesen wäre, aber in Wirklichkeit nur ein Eugène de Rastignac ist, ein Karrierist.

Erschienen sind Titel wie »Le Paradoxe du Macronisme« des Professors am Institut für politische Studien (Sciences Po), Luc Rouban, und »Vaincre Macron« des kommunistischen Ökonomen Bernard Friot. Wissenschaftlich-informativ und resignierend der eine, kämpferisch-hoffnungsvoll und polemisch der andere.
Einen vorläufigen Höhepunkt erreicht die »Macron-Forschung« nun mit dem Buch eines Pariser Soziologen-Ehepaars: Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot lieferen unter dem Titel »Le Président des ultra-riches« eine Bestandsaufnahme des sich zur neoliberalen Regierungsideologie entwickelnden »Macronismus«. Der 41 Jahre junge Mann ist für die Autoren ein legitimer Erbe des früheren rechtskonservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Dessen politisches Leben hatten die beiden seinerzeit in »Le Président des riches« beschrieben.

Sarkozys Wiedergänger sei »ein provinzieller Kleinbürger«, schreiben Pinçon und Charlot. Geprägt habe ihn, wie so viele andere Politiker des französischen Establishments, die wichtigste Lehranstalt des wirtschaftlich-finanziellen Herrschaftspersonals in Frankreich: Die École nationale d’administration (ENA), schrieb 1989 Pierre Bourdieu, sei die Geburtsstätte des »Staatsadels«. »Was an der ENA zählt«, ergänzen die Pinçon-Charlots, »ist weniger die Ausbildung, sondern vielmehr das Netzwerk, das man sich dort flechten kann«. Macrons Netzwerk sind die Ehemaligen der ENA-Klasse, die ihn heute umgeben und seine Politik auf den obersten Verwaltungsebenen umsetzen – oder ihn aus den Chefetagen der Konzerne über die Wünsche der Bosse und der Aktionäre auf dem laufenden halten.

Macrons ältester, inzwischen verstorbener Mentor war Henry Hermand, ein Freund, der ihn in die Welt des großen Geldes einführte und im Oktober 2007 auch als Trauzeuge bei der Hochzeit mit der 25 Jahre älteren Brigitte Trogneux fungierte. Hermand schildern die beiden Soziologen als einen 220 Millionen Euro schweren Liberalen und Gründer diverser, der »freien Marktwirtschaft« verbundener »Thinktanks«, der dem jungen Macron auch mit einem Darlehen unter die Arme griff: 550.000 Euro für den Kauf eines Appartements in Paris.

Unter den Fittichen Serge Weinbergs, damals Chef des Aufsichtsrats der Luxushotelkette Accor, schlüpfte Macron am 1. September 2008 als »Direktor« in die Führungsgremien der Banque Rothschild – »15 Tage vor der Pleite von Lehman Brothers«. Er habe »weder die Berufung noch die Lust verspürt«, sich »in der Industrie« die Hacken abzulaufen, ließ Macron seine Vorgesetzten wissen, »ich habe mich in Richtung Finanzen orientiert, das schien mir freier und unternehmerischer zu sein als andere Sektoren«.

Drei Jahre später half ihm Peter Brabeck-Letmathe, damals Boß des Nahrungsmittelgiganten Nestlé, im Alter von 33 Jahren ein Vermögen einzusacken: Als Vermittler der neun Millarden Euro schweren Fusion zwischen der Babynahrungssparte des USA-Konzerns Pfizer und den Schweizern fielen für Macron 2,8 Millionen Euro Kommission ab, dazu – über drei Jahre – ein Gehalt von 400.000 Euro.

Als Macron im Frühjahr 2017 in den Präsidentenpalast Élysée einzog, schuldete er der französischen Hochfinanz und den Bossen der Großkonzerne mehr als etwas Geld und eine allgemein unternehmerfreundliche Politik. Grundideen seiner »Reformen« sind Steuergeschenke an die Reichen und die Privatisierung der Staatsbetriebe. Eine Politik, die den Sozialstaat ins Herz trifft und vorläufig nur von den »Gelbwesten« gehemmt wurde. Die Pinçon-Charlots beschreiben einen Staatschef des Systems, mit dem es die Franzosen schlechter nicht hätten treffen können.

Hansgeorg Hermann

Monique Pinçon-Charlot, Michel Pinçon
Le président des ultra-riches
Chronique du mépris de classe dans la politique d’Emmanuel Macron
Zones
Éditions La Découverte
Paris, Januar 2019
176 Seiten, 14 Euro (F)
ISBN: 9782355221286

Dienstag 5. März 2019