Einfalt und Unvermögen

Unternehmer Bernard Tapie vor Gericht: Betrug, Unterschlagung und Vorteile aus der engen Beziehung mit der Regierung Sarkozy/Lagarde

Seit Montag steht Bernard Tapie, 76 Jahre alt, mal wieder vor Gericht. Der ehemalige Eigner des deutschen Sportartikelherstellers Adidas, beheimatet in der Hafenstadt Marseille, wird beschuldigt, den französischen Staatshaushalt mit »Betrug und Unterschlagung« um viel Geld gebracht zu haben. Fest steht bereits, daß der frühere Großunternehmer und Minister des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand rund 403 Millionen Euro, die ihm 2008 ein privatrechtliches Schiedsgericht als Entschädigung für miese Geschäfte mit der früheren Staatsbank Crédit Lyonnais zusprach, wieder zurückzahlen muß. Vor dem Pariser Berufungsgericht steht Tapie diesmal, weil die Leute, die ihm die Millionen zuschoben – hohe Staatsfunktionäre alle drei – offenbar Komplizen waren.

Nicht auf der Anklagebank zu finden, aber durchaus nicht unschuldig sind Politiker und Regierungsmitglieder, die in den Jahren 2007 bis 2012 die Geschicke der Republik leiteten und sich auch um den Fall zu kümmern hatten. Der frühere rechtskonservative Staatschef Nicolas Sarkozy etwa, der seinen Spezi Tapie mehr als 50 Mal im Élysée-Palast zu intimen Gesprächen empfing. Und auch dessen damalige Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde, seit 2011 Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die das offenbar korrupte Schiedsgericht zusammenstellen ließ und gegen dessen bodenloses Urteil zu Gunsten Tapies keinen Einspruch erhob.

Die »Affäre Tapie« ist inzwischen 25 Jahre alt. Sie begann, als sich der windige Geschäftsmann 1990 den maroden deutschen Sportartikelriesen Adidas kaufte. Ohne eigenes Geld in der Kasse, zu 100 Prozent mit einem Kredit der damaligen Staatsbank Crédit Lyonnais und zum »unglaublich niedrigen Preis« von 1,6 Milliarden Francs – heute rund 245 Millionen Euro. Zwei Jahre später heuerte der Sozialist Mitterrand den Mann an, Tapie wurde zum »Star« in dessen Ministerriege. Ein erfolgreicher Geschäftsmann in einer sozialistischen Regierung, gleichzeitig Präsident des Traditionsklubs Olympique de Marseille (OM), der unter seiner Führung vier Meisterschaften in Folge und 1993 den bisher einzigen Sieg einer französischen Mannschaft in der Champions League einfuhr.

Als Minister allerdings, das hatte Mitterrand unter dem Stichwort »Interessenkonflikt« angeordnet, mußte er alle Unternehmen der Gruppe Bernard Tapie (GBT) abstoßen, an erster Stelle Adidas. Beauftragt mit dem Verkauf des inzwischen schon fast sanierten und wieder gewinnträchtigen Betriebs wurde Tapies langjährige Hausbank, die Crédit Lyonnais. Tapies Preis: 2,85 Milliarden Francs, heute rund 472 Millionen Euro. Die Bank, so steht es heute in den Gerichtsakten, hatte beizeiten den eigentlichen, fünffach höher geschätzten Wert des Sportschuhfabrikanten erkannt und trat in der Folge – heimlich, illegal und durch zwei Offshore-Agenturen getarnt – als Eigner und Anbieter auf den Plan. Sie verscherbelte Adidas schließlich an den ebenfalls in Marseille ansässigen Geschäftsmann Robert Louis Dreyfus zum von Tapie geforderten Preis und strich, ohne Wissen ihres Klienten, quasi im Vorübergehen, einen Kursgewinn von rund 400 Millionen ein. Eine enorme Summe Geld, um das sich Tapie betrogen fühlte und das er in den kommenden Jahren einzuklagen versuchte.

Rund 15 Jahre später, Sarkozy war Präsident und hatte Christine Lagarde zu seiner Kassenwartin gemacht, schlug Tapies Stunde. Als Nachlaßverwalter des ehemals staatlichen Geldinstituts befaßte sich die neue, streng wirtschaftsliberale Regierung mit dem Fall des Freundes und Wahlkampfhelfers Tapie. Sarkozy, heißt es zehn Jahre später in den meterhohen Dossiers der Untersuchungsrichter, habe zwar »nichts entschieden«, seine Zustimmung aber sei »entscheidend« gewesen für den Einsatz eines »Schiedsgerichts«, eine Form von »Privatjustiz«, das den Rechtstreit endlich schnell und unkonventionell beenden sollte – möglichst zu Tapies Gunsten.

Die von Lagardes Ministerium im Juni 2008 eingesetzten Juristen – Pierre Estoup, pensionierter Präsident des Berufungsgerichts Versailles, Pierre Mazeaud, ehemaliger Präsident des Verfassungsrats, und Jean-Denis Bredin, Advokat und Rechtsprofessor – entschieden im Sinne ihrer Meister: 403 Millionen Euro für Tapie, eingeschlossen rund 45 Millionen als »moralische Entschädigung«. Ein unerhörtes Urteil, das die Regierung unter Sarkozys Nachfolger François Hollande umgehend anfocht und das schließlich vom Obersten Gerichtshof in Paris kassiert wurde. Estoup war, wie sich schnell herausstellte, ein alter Bekannter Tapies und Freund seines Anwalts Maurice Lantourne – was Tapie bis zum Beweis des Gegenteils bestritt. Lagarde wurde angeklagt, holte sich im Dezember 2016 eine Verurteilung »wegen Fahrlässigkeit« ab, ohne bestraft zu werden, und blieb IWF-Direktorin.

Dem schwer krebskranken Tapie drohen bis zu zehn Jahren Haft. Den mitangeklagten Schiedsrichtern attestierten die Pariser Untersuchungsrichter »Einfalt und Unvermögen«. Das Urteil soll in etwa einem Monat fallen.

Hansgeorg Hermann, Paris

Bernard Tapie am 1. Juli 2013 bei »France 2«
(Foto: AFP POOL/EPA FILES)

Mittwoch 13. März 2019