Lügen wird schwerer

»New York Times« korrigiert Falschmeldung, daß Lkw mit USA-Hilfsgütern von »Maduro-Truppen« in Brand gesteckt worden seien. BRD-Medien ducken sich weg

Zu den ersten Opfern eines Krieges, so auch im Medienkrieg gegen Venezuela, gehört die Wahrheit. Doch zunehmend öfter fliegen verbreitete Lügen auf, und Medien sehen sich gezwungen, zuvor verbreitete Falschmeldungen richtigzustellen. So mußte die »New York Times« (NYT) am 10. März zugeben, daß Berichte über brennende Lastwagen mit Hilfsgütern aus den USA, die von venezolanischen Sicherheitskräften angezündet worden seien, falsch waren. Tatsächlich, so räumte die Zeitung ein, hatten Anhänger des Putschistenführers Juan Guaidó die Lkw am 23. Februar auf kolumbianischer Seite in Brand gesetzt. Das hatten alternative Blogger und kritische Medien wie der südamerikanische Nachrichtensender Telesur allerdings schon zwei Wochen zuvor enthüllt.

Die Falschmeldung hatte ein offensichtliches Ziel: Sie sollte die Weltmeinung zugunsten einer Intervention beeinflussen. Und tatsächlich empörten sich westliche Medien und Politiker wie auf Kommando. USA-Sicherheitsberater John Bolton sprach von »maskierten Banditen«, die auf Anweisung von Nicolás Maduro Lastwagen angezündet hätten. Bürgerliche deutsche Medien verbreiteten die Lügengeschichte ungeprüft. »Maduro-treue Einheiten hatten den Zugang für die Hilfslieferungen gesperrt, ein Lkw wurde sogar angezündet, damit er sein Ziel nicht erreichen konnte«, hetzte »Bild« und erreichte damit die offenbar erwünschte Reaktion. »Wir können nicht tatenlos dabei zusehen, wie Maduro Hilfsgüter verbrennen und sein Volk weiter verhungern läßt«, gab der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff kund. »Bild« meldete kurz darauf: »Außenminister Heiko Maas schloß sich der Forderung an, wie das Auswärtige Amt mitteilte«, was keinen wunderte.

Doch nicht nur Springers Fachblatt fürs Grobe, sondern auch das sich seriös gebende »Handelsblatt« übernahm die Fake News ungeprüft. »Venezuelas Präsident Maduro läßt lieber Hilfsgüter verbrennen als abzutreten«, stimmte die Wirtschaftszeitung aus dem Hause Dieter von Holtzbrinck in die Hetze ein. Wie kaum anders zu erwarten, verbreitete auch das ARD-Flaggschiff »Tagesschau« die Propagandalüge. »Am frühen Nachmittag verbrennt das venezolanische Militär drei Transporter mit Lebensmitteln und Medikamenten«, berichtete ARD-Korrespondentin Xenia Böttcher am 24. Februar, angeblich als Augenzeugin vom Ort des Geschehens. Einziger Kommentar dazu in dem »Tagesschau«-Beitrag: »Nur mit einer Intervention in Venezuela wird das hier enden«.

Das Vorgehen ist nicht neu. Am 8. März versah die Internetseite »tagesschau.de« einen Bericht über Stromausfälle in Venezuela mit der Überschrift »Kuriose Schuldzuweisungen nach Blackout«. Während das einflußreichste Medium der Bundesrepublik für Verdacht auf eine Cyberattacke nur Hohn und Spott übrig hatte, erschien im USA-Wirtschaftsmagazin »Forbes« am Tag darauf ein Beitrag, in dem die Möglichkeit eines solchen Angriffs eingeräumt wurde. Am Freitag vergangener Woche erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, auf einer Pressekonferenz, das venezolanische Stromnetz sei von außen sabotiert worden. Kubas Regierung hatte »die terroristische Sabotage der Stromversorgung in Venezuela« schon vier Tage zuvor verurteilt.

Nichts von alledem erfuhren die News-Konsumenten der deutschen Mainstream-Medien. Wie nach der »Brutkastenlüge« (1990; Vorwand für den ersten Golfkrieg), dem »Hufeisenplan« (1999; NATO-Krieg gegen Serbien ), dem Märchen eines britischen Premierministers über »Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen« (2003) oder der Mär von einer »Revolution« auf dem Kiewer Maidan-Platz (2013), betätigen sich deutsche Medien mit ihrer Venezuela-»Berichterstattung« wieder als Erfüllungsgehilfen von Putschisten und Invasoren.

Sind USA-Medien anders? Warum korrigierte sich die »NYT«? Was bewog CNN dazu, die Drahtzieher für den in Kolumbien vorbereiteten Drohnenangriff auf Nicolás Maduro vom August 2018 zu enttarnen? Und warum räumt »Forbes« die Möglichkeit einer Cyberattacke auf die Stromversorgung Venezuelas ein? Tatsächlich berichten USA-Medien häufiger über Hintergründe, die auf den er­sten Blick geeignet scheinen, die moralische Rechtfertigung für Washingtons Interventionspläne in Frage zu stellen. Mit Professionalität oder beruflicher Ethik hat das wohl eher weniger zu tun. Sicher ist indes, daß die großen USA-Medienkonzerne spätestens seit den Zeiten des Großverlegers William Randolph Hearst mehr am Profit als an der Befindlichkeit der aktuell im Weißen Haus agierenden Gruppierung interessiert sind. Für die Glaubwürdigkeit und damit letztlich auch für das Geschäft sind Lügen und Propaganda jedoch nachweislich schlecht.

Zehn Jahre nach Beginn des Irak-Krieges schrieb der – damals noch mit Millionenauflage glänzende – »Spiegel« am 19. März 2013: »Mit der Irak-Invasion wurden viele amerikanische Journalisten zu unkritischen Kriegstrommlern. Das beschleunigte den Niedergang der USA-Medien. Der Krieg verhalf Online-Medien und Bloggern zum Durchbruch – etablierte Marken verlieren seither an Wirtschaftskraft und Einfluß.«

Was für die Kriegsindustrie ein Bombengeschäft war, wurde danach für viele USA-Medien zum Desaster. »Amerikas Bürger haben ihren Reportern nie verziehen, wie sehr diese damals das Nachfragen verlernt hatten«, so das Magazin. Es kam zu dem Schluß: »Die Kriegstrommelei, für die sich USA-Leitmedien wie die ‚New York Times’ öffentlich entschuldigen mußten, erschütterte das Ansehen eines ganzen Berufsstands.«

Volker Hermsdorf

Schlagzeilen für Westpresse: Anhänger des Putschistenführers Guaidó zündeten am 23. Februar Trucks mit Hilfsgütern an und machten Regierung Maduro dafür verantwortlich (Foto: dpa)

Donnerstag 21. März 2019