Leben unter der Belagerung

Westliche Sanktionen gegen Syrien treffen die Schwächsten

»Darf ich mal telefonieren?« Scheu steht der Knirps vor der Rezeption eines kleinen Familienhotels im Zentrum von Damaskus. In der Hand hält er eine Tüte mit bestelltem Essen, das ein Gast in dem Hotel bestellt hat. Er sei so schnell gelaufen, daß er nicht bemerkt habe, wie die Rechnung mit der Zimmernummer und dem Namen des Gastes davongeflogen sei. Er müsse im Restaurant nachfragen. Geduldig wählt der Rezeptionist die Nummer und hält dem Jungen den Hörer hin. Noch einmal erzählt der von seinem Mißgeschick, wiederholt dann gewissenhaft Zimmernummer, Name und die Rechnungssumme und flitzt die steile Treppe hinauf, um das Essen abzuliefern.

Als er wieder herunterkommt spricht der Rezeptionist ihn an und fragt, wie alt er sei und ob er nicht in die Schule gehe? Zehn Jahre sei er, wohne nicht weit entfernt und gehe in die Schule dort und dort. Nach der Schule arbeite er, weil er seiner Mutter und seinen zwei Geschwistern helfen müsse. Er sei der Älteste und trage Essen von dem Restaurant aus. Klar schildert der Junge seine Lage und wirkt dabei viel älter als 10. Dann entschuldigt er sich, dreht sich um und läuft die Treppe hinunter.

Der Rezeptionist sieht ihm nachdenklich nach, dann beugt er sich tief zu seinem Schreibtisch hinunter und verbirgt sein Gesicht in den Armen. Als er wieder aufsieht sind die Augen voller Tränen. »Entschuldigung«, murmelt er und zündet sich eine Zigarette an. »So etwas hatten wir früher einfach nicht. Kinder die arbeiten, anstatt ihre Kindheit zu genießen.« Nach dem Vater habe er den Junge nicht fragen wollen.

Kinderarbeit gab es früher in den syrischen Städten kaum. Wohl halfen die Jungen als Jugendliche im Familienbetrieb aus, machten Erledigungen oder lernten das Glasblasen, Teppichweben, das Gestalten von Holzmosaik oder die Kalligraphie vom Vater. Sie lernten Möbel zu bauen, Schuhe zu fertigen, Hosen zu nähen, Fahrräder zu reparieren. Doch Schule und Freizeit kamen immer zuerst, für den Lebensunterhalt war die Mitarbeit der Kinder nicht erforderlich.

Das Leben war billig. Syrien war Selbstversorger mit Gemüse, Obst und Getreide. Niemand litt Hunger, jeder hatte ein Dach über dem Kopf, auch wenn es noch so einfach war. Die lange Dürrezeit, die viele Bauern die Exi­stenz gekostet hatte, hoffte man vor dem Krieg überwunden zu haben. Entwicklungsprojekte sollten die Wasserversorgung modernisieren, der Anbau dem veränderten Klima angepaßt werden. Der Tourismus boomte, ausländische Unternehmen investierten, Arbeitsplätze wurden geschaffen, Geschäftsleute, Forscher, Studenten und Besucher aus aller Welt kamen ins Land, das sich bereitwillig öffnete.

Nach acht Jahre Krieg ist das anders, Syrien wird vom Westen und dessen arabischen Verbündeten isoliert, der wirtschaftliche Wiederaufbau wird blockiert. Die zivile Infrastruktur, Fabriken, Geschäfte wurden zerstört, Arbeitsplätze gingen verloren, Wohnungen entlang den Frontlinien mußten aufgegeben werden, Häuser wurden zerstört, die Kinder konnten oft nicht in die Schule gehen. Männer allen Alters, die Ernährer und Beschützer der Familie wurden arbeitslos, starben, wurden getötet, verschwanden oder wurden schwer verwundet. Auf der Suche nach Sicherheit verließen viele das Land und strandeten doch oft nur in einem der Flüchtlingslager in Jordanien, im Libanon oder in der Türkei. Dort harren sie aus, weil sie mit dem Notwendig­sten versorgt werden. Eine Perspektive gibt es für sie in den Flüchtlingslagern nicht.

Seit Ende 2017 sind allein aus dem Libanon mehr als 170.000 Menschen zurückgekehrt. Aus Jordanien kommen täglich Familien zurück nach Syrien. Der Krieg ist zwar – bis auf Idlib und Teile des Nordostens – vorbei, doch die Lage ist schwierig. Das Geld, das man vielleicht gespart hat, reicht kaum. Bis auf das Brot, dessen Preis sich lediglich verfünffacht hat, kostet alles heute mindestens das Zehnfache des Vorkriegspreises. Heute gebe es bei ihm zu Hause viermal im Monat Huhn und 2 kg Fleisch, sagt der Rezeptionist, der mit seiner Rente und dem Gehalt des Hotels zwei Einkommen hat. »Früher haben wir Huhn und Fleisch drei Mal so oft im Monat kaufen können.«
Eine Studie der Arbeitergewerkschaft ergab kürzlich, daß eine fünfköpfige Familie im Monat etwa 325.000 Syrische Pfund (SYP) braucht, um sorgenlos leben zu können. Umgerechnet sind das etwa 540 Euro. Vor dem Krieg hatte das syrische Pfund das Zehnfache des heutigen Wertes. Staatliche Angestellte, Lehrer, Ärzte in staatlichen Krankenhäusern erhalten nicht mehr als den Mindestlohn von 45.000 oder 50.000 SYP, etwa 83 Euro. Die mei­sten haben eine weitere Arbeitsstelle, und in ärmeren Familien müssen auch die Kinder arbeiten. »Ohne Hilfe von Angehörigen im Ausland, die monatlich etwas Geld schicken, wäre das Leben für viele Menschen kaum erträglich«, sagt der Rezeptionist.

Karin Leukefeld, Damaskus

Syrien konnte sich auch mit Ölprodukten selbst versorgen. Heute ist das Benzin rationiert. Taxifahrer am Dienstag vor einer Tankstelle in Damaskus (Foto: AFP)

Mittwoch 17. April 2019